Unsere Welt kann nur dann dauerhaft lebenswert bleiben, wenn wir uns am Prinzip der NACHHALTIGKEIT orientieren. Wir stellen Menschen vor, die ökologisch, ökonomisch oder sozial nachhaltig handeln. Vorbilder wie Michaela Reitterer, die mitten in Wien das weltweit erste HOTEL MIT NULL-ENERGIE-BILANZ führt.
Hotels rühmen sich gemeinhin ihres Komforts, ihrer Sauberkeit und ihrer Lage. Das „Boutique Hotel Stadthalle“ aber heißt seine Gäste auf der Stirnwand des Foyers in großen Lettern „herzlich willkommen im weltweit ersten Stadthotel mit Null-Energie-Bilanz“. Das muss man sich trauen. Doch an der Rezeption haben Dora, Stefania und Monika an einem heißen Juli-Nachmittag alle Hände voll zu tun. Gerade sind zwei Familien und eine Gruppe von Freunden eingetroffen. Sie erhalten Keycards, einen Hinweis auf die Fahrradgarage und die Aussicht auf Rabatt: Wer mit Bahn oder Rad anreist, spart zehn Prozent.
Die Frau, die mit dem Charme eines TÜV-Verfahrens für ihr Hotel wirbt, ist Michaela Reitterer, die Direktorin und Eigentümerin. Im Wiener Dialekt würde sie eine „fesche Gretl“ heißen: Sie ist attraktiv, trägt semi-legeren Business-Dress, Modeschmuck aus dem letzten Urlaub und am Handgelenk die sportive Uhr einer Nobelmarke. Flott gesprochen könnte man auch „resche Gretl“ hören. Das bedeutet – höflich formuliert – eine durchsetzungsfähige Persönlichkeit, die sich nicht so leicht die Butter vom Brot nehmen lässt: «Ich hab in den letzten Jahren so oft gehört: ‹Das geht nicht.› Wenn ich das ernst genommen hätte, wäre ich nicht dort, wo ich heute bin.» Nämlich im Zentrum der Aufmerksamkeit von ökologisch interessierten Kollegen – «Grad hab ich acht Hoteldirektoren aus China da g'habt.» –, Touristikern und Stadtplanern. Ihr Hotel steht auf den Reiseplänen von gut 15000 Gästen pro Jahr, die ihm zu 44000 Übernachtungen in 80 Zimmern mit 147 Betten verhelfen. Auslastung: 82 Prozent.
Das ist eine bemerkenswerte Leistung in einer Stadt wie Wien: Beim internationalen Kongresstourismus liegt Österreichs Metropole im globalen Vergleich mit Paris auf Platz eins, aber die Stadt wirbt eher mit Charme, Kultur und Lebensqualität als mit technischen Pionierleistungen.
Auch Michaela Reitterer hatte nichts Weltbewegendes im Sinn, als sie 2008 das Nachbarhaus abreißen ließ, um ihr Hotel zu erweitern, das sie 2001 von den Eltern geerbt hatte. Ein Vorstadthaus aus dem 19. Jahrhundert, umgewandelt in eine Herberge mit 42 Zimmern: «Ein paar Biedermeiermöbel haben sie noch von den Vormietern übernommen.» Wo heute kuschelige Lounge-Liegen den begrünten Innenhof zu einem Foyer unter freiem Himmel erweitern, standen vor zehn Jahren noch «Mülltonnen und die Teppichklopfstange», erzählt die Hausherrin und fügt hinzu: «Dies ist ein organisch gewachsenes Haus.»
Heute hält Reitterer in der einen Hand den BlackBerry und malt mit der anderen Tortendiagramme in die Luft. Es spricht die Geschäftsfrau, nicht die Öko-Aktivistin: «Ich wollte die Betriebskosten reduzieren. Deswegen hab ich beschlossen: Wir bauen ein Passivhaus.» Als Referenz hatten die Architekten ein Studentenheim in Salzburg vorzuweisen: Wegen der guten Wärmedämmung braucht es im Winter keine übliche Heizung, im Sommer keine Kühlung. «Bei der Planung sind wir dann draufgekommen, dass wir ein Haus mit Null-Energie-Bilanz bauen könnten.»
Der neue Trakt mit 38 Zimmern – eröffnet im Herbst 2009 – erzeugt übers Jahr gerechnet tatsächlich mindestens genau so viel Energie, wie er verbraucht: durch konsequente Absenkung und Vermeidung des Verbrauchs; durch die möglichst umfassende Nutzung der Energie; durch ihre Erzeugung im und am Haus selbst.
Spar- und LED-Lampen sind Standard, um den Energieverbrauch zu reduzieren. Für Laien auf den ersten Blick weniger schlüssig ist der Nutzen des 200 Quadratmeter großen Lavendelfeldes auf dem Flachdach des Hoftraktes. Abgesehen von dem Duft, den die Blüten im begrünten Innenhof verströmen, bevor sie – in Form kleiner Duftkissen – an der Rezeption gekauft werden können. Doch Wiens größtes innerstädtisches Lavendelfeld trägt dazu bei, die darunterliegenden Zimmer zu isolieren; eine Klimaanlage erübrigt sich dort.
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