Noch schlechter ist Schett auf ein Thema zu sprechen, das ebenfalls seit Jahren die Gemüter erhitzt: Der Stallerbach und der Kalksteinbach sollen in ein Kleinwasserkraftwerk eingespeist werden. Wie bitte? Eines der schönsten Alpentäler ohne Bergbach? «Ja, wurde alles genehmigt, aber ich habe Berufung eingelegt.» Als letzthin ein neutrales Gutachten ergab, dass der mögliche Energieertrag um 25 Prozent zu hoch, die Baukosten aber um 30 Prozent zu niedrig angesetzt wurden, platzte Schett der Kragen. Er reiste nach Wien, um dem Bundesminister für Land- und Forstwirtschaft, Umwelt und Wasserwirtschaft ins Gewissen zu reden. Die Crux ist nun: Wird der gute Mann, sinnigerweise „Lebensminister“ genannt, den Bächen oder ihrer Wasserkraft den Vorzug geben? Zuständig ist er für beides.
Schett wäre nicht Schett, wenn er nicht beizeiten eine eigene Kraftwerks-Idee gehabt hätte. «Wir sind die Kraftwerke Villgraten», beschloss eine Runde Gleichgesinnter beim Wein im Gannerhof. Schilder mit den Namen der sieben Betriebe, die zum Ziel haben, «die Schätze ihrer Heimat mit vereinter Kraft behutsam weiterzugeben», hängen überall im Ort. Es ist ein Netzwerk – vom lokalen Bürstenbinder Rainer und der Schmiede Steidl über die Zimmerei Schett und die „Villgrater Natur“ bis zum Hotel Gannerhof, wo fast alles aus heimischer Produktion stammt: Betten, Lampen, Matratzen, auf dem Teller Lamm vom Feinsten. Und wie in einer Nussschale bündelt sich die Villgrater Landlust auf dem Wurzerhof, einem 300 Jahre alten Anwesen mit intakter eigener Mühle, Mangaliza-Schweinen und Räucherküche.
«Kommt’s, Burschen, wir fahren auf die Alm», sagt Schett mitten im Erzählen. Er holt einen museumsreifen Traktor aus dem Stadel. Wir hinten drauf in die Transportkiste, Schneereifen und Rucksäcke dazu, das Futter für die Rehe nicht zu vergessen. Nach einer Rütteltour durch Wald, Wald, Wald öffnet sich vor uns das Paradies. Ein weiter, lichter Kessel am Talende, wie hineingemalt putzige Holzhäuser, eine Kapelle: die Unterstalleralm. Einen kurzen Spaziergang höher, an die Sonnseite gewürfelt, das Gleiche im Dutzend: die Oberstalleralm, auf fast 1900 Meter Höhe.
Zeit zum Rasten und für ein Maulvoll Speck. «Die Almen sind doch die Beletage Tirols», sinniert Schett, «und unser wichtigster Naturschatz.» Früher lebten die Bauern mit Kind und Kegel den ganzen Sommer über hier oben, heute können auch Gäste diese Almhäuser genießen. Als Feriendomizil, mit fließend Kaltwasser, Holzherd und Solarstromlampe. 1000-Sterne-Komfort auf höchstem Niveau. Bisher nur von Juni bis September. Seine Vision: «Man muss das alles weiter herrichten. Auch für den Winter. Dann haben Tausende Skitourengeher ihr Traumrevier, 28 Almhüttenbesitzer und andere Einheimische ein zusätzliches Einkommen – und Villgraten bleibt Villgraten.»
Also wieder den Pionier spielen? «Ich spiele keine Rolle, ich bin so», sagt Schett mit seinem Macherlachen. Dann erzählt er noch, wo das eigentlich alles herkommt. Am 28. August 1960 ging ein schweres Gewitter über Villgraten nieder, auf dem Innerwalderhof wurde gerade ein Bub geboren, da deckte der Sturm das Hausdach ab. «Der wird aber eine Spur hinterlassen», sagte trocken die Mutter des kleinen Josef.
Sie kann wohl nur eine natürliche Spur gemeint haben, keine Liftspur.
Österreichs „Bergsteigerdörfer“
Der Initiative (www.bergsteigerdoerfer.at) gehören folgende Orte und Talschaften an:
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