Wiegenlieder: Das bewirkt Musik bei Kindern und Erwachsenen

Schlaf, Kindlein, schlaf! Seit jeher und weltweit singen Menschen ihre Kinder in den Schlaf. Unser Experte erklärt im Interview die Wirkung von Musik, warum wir Kindern vorsingen sollten und weshalb es den Mozart-Effekt nicht gibt.

Veröffentlicht am 1. Dez. 2020, 09:28 MEZ
Weltweit singen Eltern ihre Kinder mit Wiegenliedern in den Schlaf

Schlaf, Kindlein, schlaf: In allen Kulturen der Welt, werden Kinder mit Wiegenliedern in den Schlaf gesungen - wie hier in einer Kinder­tagesstätte in Ulaanbaatar/ Mongolei. 

Bild Hannah Reyes Morales

Die meisten Menschen müssen nicht lange überlegen, bis ihnen ein Wiegenlied ihrer Kindheit einfällt. Hat man selbst Kinder, singt man oft die alten Texte und Melodien, die man selbst zum Einschlafen vorgesungen bekam. Das Ritual schafft Ordnung, es schenkt Vertrauen und Geborgenheit. Viele Lieder werden über Generationen weitergegeben. Beispielsweise findet man die älteste überlieferte Fassung von „Schlaf, Kindlein, Schlaf“ in einem Musikstück von Melchior Franck aus dem Jahr 1611.  Prof. Dr. Günther Bernatzky,  Biologe mit Schwerpunkt Schmerz- und Musikforschung an der Universität Salzburg, erklärt uns im Interview die Bedeutung und Wirkung von Musik für Kinder und Erwachsene.

Herr Professor Bernatzky, was bedeutet Musik kulturgeschichtlich?

Alle Menschen haben entwicklungsgeschichtlich in allen Zeitperioden Musik entweder gemacht oder gehört. Dabei war seit jeher der Takt wichtig. Man meint auch, dass hier bereits die Evolution eine Rolle spielt.

Ganz allgemein: Wie wirkt Musik auf uns Menschen?

Musik wirkt auf drei Ebenen: affektiv, kognitiv und sensomotorisch. Es ist auch bekannt, dass Musik auf Gene wirkt, die eine Wirkung verstärken oder schwächen können.

Was macht das gesundheitlich mit uns?

Musik kann zum Beispiel die Ausschüttung von Dopamin anregen oder Gene, die etwa für kognitive Funktionen zuständig sind, stimulieren. Sie kann aber auch Gene hemmen, so dass zum Beispiel neurodegenerative Erkrankungen gestoppt werden. So trägt Musik zur Krankheitsprophylaxe bei, sie reduziert Stress, hilft beim Gesundwerden, und verbessert die Lebensqualität. Musik löst Emotionen in uns aus. Sie kann den Blutdruck steigern – mit Abba, oder senken – mit Mozart oder Strauss. Zudem ist diese Musik stimmungsaufhellend. Sie lindert Schmerzen und wirkt positiv auf den Schlaf. Auch reduziert sie situative Angst und Depressionen. steigert die Konzentrationsfähigkeit und aktiviert die Selbstheilungskräfte.

Warum lieben Kinder Musik?

Kinder hören gerne Musik, die sie mitsingen können, sind neugierig auf diesen Stimulus. Bereits im Mutterleib werden sie mit Rhythmus konfrontiert. Nach dem Lernen eines Liedes steigern Kinder ihr Selbstwertgefühl. Und lernen sie ein Instrument, können sie später kreativer denken.

Welche Rolle spielt Musik für die Entwicklung des Gehirns?

Es gibt keine Region im Gehirn, die nicht durch Musik stimuliert wird. Neuronale Veränderungen sind besonders wichtig, wenn das Gehirn in den verschiedenen Entwicklungsstadien geformt wird. Musik hören oder spielen und auch das Singen bewirkt viele zentrale Verknüpfungen. Denn Musik führt zu erhöhter neuronaler Verschaltung im Gehirn, einer besseren Durchblutung bestimmter Hirnregionen, zum Beispiel der Schläfenlappen, die mit dem limbischen System in Verbindung stehen, wo die Emotionen sitzen. Im Schulalltag müsste Musik noch viel stärker eingebaut werden, denn Lieder singen schafft Gemeinschaftserlebnisse und verbessert das verbale Gedächtnis, ist also eine Grundlage für Eloquenz.

Musik macht also intelligenter?

Melodien und Rhythmus beruhen generell auf mathematischen Gesetzmäßigkeiten. Musik macht uns aber in erster Linie fröhlich und damit gesünder. Sie steigert nicht die Intelligenz. Den so genannten „Mozart-Effekt“ gibt es nicht. Aber: Das Hören der Sonate von Mozart führt zu einer kurzfristigen Leistungssteigerung bei Raumvorstellungsaufgaben. Weniger komplexe Musik zeigt dagegen keine Wirkung.

Wie wichtig ist es, dass Eltern kleinen Kindern vorsingen?

Vorsingen löst Ängste und Spannungen, stärkt sogar das Immunsystem. Und: es lässt Kinder besser einschlafen und durchschlafen.

Was bedeutet Singen für die Eltern-Kind-Bindung?

Es steigert das Zusammengehörigkeitsgefühl und gibt dem Kind ein Gefühl der Sicherheit. Außerdem hat das Kind in seinem späteren Leben noch die wichtigen Wiegenlieder im Kopf - und singt sie wiederum seinen Kindern vor.

Kann Musik gegen Traumata ankommen?

Ja, sofern die für die Therapie von Traumata verwendete Musik keine Assoziationen zum erfahrenen Trauma auslöst. Die Musik muss diagnosespezifisch selektiert eingesetzt werden.

Viele Wiegenlieder haben brutale Texte. Kann Musik auch kontraproduktiv sein und Angst auslösen?

Ja, das kann der Fall sein, wenn etwa dissonante Musik verwendet wird. Denken Sie beispielsweise an die Filmmusik von „Spiel mir das Lied vom Tod“. Negative Effekte können neben einer Verstärkung von Ängsten auch zur Verstärkung von Depression und Aggressionen führen. Gerade bei Wiegenliedern muss auf den Inhalt geachtet werden, Kleinkinder haben noch keine Filter für diese Inhalte.

Kann es für Kinder eine Überdosis Musik geben?

Durch die digitalen Medien ist Musik praktisch allzeit verfügbar. Die Selektion ist schwer kontrollierbar. Vor allem Kinder in der Pubertät nützen diese Fülle an Musikangeboten oft schamlos aus. Doch auch Stille ist wichtig für die Entwicklung unseres Gehirns. Zuviel an musikalischen Reizen kann eine stressrelevante Bedeutung ausüben.

Was ist wichtiger: Dass Kinder Sport machen oder ein Instrument lernen?

Hier gibt es kein Entweder-Oder. Beides ist enorm wichtig. Kombiniert mit gesunder Ernährung hat das Gesamtpaket einen wichtigen Anteil am Erwachsenwerden. Gerade das lernen eines Instruments trägt dazu bei, dass die kindliche Kreativität gesteigert wird, sich das Kind besser konzentrieren kann und auch disziplinierter wird.

Welche Rolle spielt Musik für alte Menschen, z.B. Demenz-Patienten?

Eine sehr große Rolle. Alte Menschen haben ein ausgeprägtes, großes Langzeitgedächtnis, in dem gerade Musik der Kindheit, auch Wiegenlieder, noch bestens in Erinnerung sind. Viele alte Menschen zeigen beim Musikhören positive Emotionen im Gesicht und wollen sogar tanzen. Es führt zur Verbesserung von Befindlichkeit, Stimmung und Verhalten.

Gibt es Menschen, die Musik nicht mögen?

Das ist selten, kommt aber zum Beispiel nach einem Hirnschlag oder einem Hörsturz vor. Die sogenannte „Amusie“ kann auch genetisch bedingt sein.

Dr. Günther Bernatzky ist Autor des Buches „Musik und Medizin“ (Springer, 2015). Das Buch stellt den Stand aktueller Forschungen in der Musikmedizin und die Wirkung von Musik auf Gesundheit, Wohlbefinden und Lebensqualität dar und bietet wissenschaftliche Grundlagen für therapeutische, pädagogische und andere Anwendungsgebiete.

Bild Andreas Kolarik

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