Fotografie

Liebe in 7 Porträts

Thursday, November 9

Von Jessie Wender
D & O, 2014

Jedes Jahr zum Valentinstag bitte ich Fotografen, mir eines ihrer Fotos zu schicken, das für sie Liebe ausdrückt. Und Jahr für Jahr erhalte ich eindrucksvolle Beispiele dafür, wie Liebe in einem Standbild sichtbar und fühlbar werden kann. An diesem Valentinstag haben sieben National Geographic-Fotografen Bilder von der Liebe in ihren vielen Facetten eingereicht – Liebe in der Familie, romantische Liebe, Kameradschaft und Liebe im Angesichts des Hasses. Solche Bilder und ihre Geschichten zeigen, dass man Liebe überall finden kann – an von Konflikten zerrütteten Orten ebenso wie in der Wärme und Sicherheit eines weichen Bettes in einem kleinen Dorf. – Jessie Wender, Senior Photo Editor

Valentinskatze, 2011

Tatjana und ihre ältere Schwester Olga sind sich sehr nahe. Sie bestehen gemeinsam Abenteuer und lieben lange Streifzüge durch die russische Tundra. Lange hatten sie ein gemeinsames Zimmer. Ihre Betten standen direkt nebeneinander. Vor dem Einschlafen teilten sie manchmal ihre Liebesgeheimnisse und tauschten sich über den neuesten Schultratsch aus. Das Jahr, in dem dieses Foto entstand, war Olgas letztes Jahr in der arktischen Kleinstadt Tiksi. Sie hat die Schule abgeschlossen und studiert nun in Sankt Petersburg. Im ersten Jahr ihres Studiums telefonierten die Schwestern jeden Tag. Damals war alles neu und ungewohnt – nicht nur für Olga in der großen Stadt, sondern auch für Tatjana, die sich gerade zum ersten Mal verliebt hatte.

Natürlich verändern sich die Beziehungen von Geschwistern in unterschiedlichen Lebensphasen. Für Tatjana und Olga spielte dabei vielleicht mehr das Alter eine Rolle als die Entfernung. Als ich sie kennenlernte, waren sie noch Kinder – sie rannten durch die Tundra, bauten Schneehütten und verrieten sich nachts ihre Geheimnisse. Jetzt macht Tatjana bald ihr Abitur und wird ernste Entscheidungen über ihr Studium und ihren zukünftigen Beruf treffen. Olga schließt ihr Studium in einer Großstadt ab und muss den Einstieg ins Berufsleben finden. Ihr Verhältnis hat sich verändert. Aber ihre Geschwisterliebe ist noch stärker geworden und bleibt für beide eine wichtige Stütze. – Evgenia Arbugaeva

Süd-Kivu, Demokratische Republik Kongo, 2014

„Make love not war.“ Es ist ein schönes Anliegen, die Liebe dem Krieg entgegenzusetzen. Als Gegenpol zum Krieg, als eine Lösung, die heilen und Kriege vermeiden kann. Aber manchmal scheint Liebe auch Konflikte hervorzurufen. Jede Seite hat geliebte Angehörige. Alle kämpfen für sich selbst. Für den eigenen Glauben. Für das eigene Volk. Für das eigene Land. Schreckliche Dinge werden für diese Liebe getan: Menschen werden getötet, Leben ruiniert, ganze Bevölkerungsgruppen vertrieben und Gemeinwesen zerstört. Aber dennoch scheint es dem Krieg nicht zu gelingen, die Liebe zu zerstören.

Diese Frau wurde vergewaltigt. Es geschah bei einer der vielen gewalttätigen Auseinandersetzungen in der Demokratischen Republik Kongo, wo Millionen Menschen in immer neue Konflikte hineingezogen werden. Vergewaltigung ist ein Akt der Gewalt. Das Gegenteil von Liebe. Eine Kriegswaffe. Aber wenn Krieg die Liebe nicht ausrotten kann, dann wird es auch der Vergewaltigung nicht gelingen.

Nachdem ich in den letzten Jahren viele Vergewaltigungsopfer im Kongo fotografiert hatte, fragte ich mich oft, ob sich ihr Verständnis von Liebe verändert hat. Lieben sie noch genauso wie früher, oder ist ihnen Liebe fremd geworden? Etwas weniger reines? Oder gewinnt die Liebe im Gegenteil an Bedeutung, wird sie wertvoller, notwendiger, lebenserhaltender? – Michael Christopher Brown

Aus der Serie „Inventing My Father“, 2013

Das sind meine Eltern. Sie lernten sich in Armenien an der Universität kennen. Meine Mutter war gerade 21 geworden. Wenn ich an die Liebe denke, stelle ich mir nicht unbedingt die beiden zusammen vor. Sie haben sich schon vor meiner Geburt getrennt. Später wurde ich von meinem Vater getrennt und wuchs auf, ohne jemals etwas über ihre Beziehung zu erfahren. Mit 23 entschloss ich mich, nach Armenien zu reisen, um ihn zu suchen. Als ich meinen Vater kennenlernte, enthüllte er mir eine ferne Vergangenheit. Er brachte mich an den Ort, an dem meine Mutter und er sich zum ersten Mal trafen. Ich stellte mir das prachtvolle Spitzenkleid vor, das sie damals trug. Es ist seltsam, die beiden auf Bildern zusammen zu sehen. Sie sehen so glücklich aus. So verliebt. Vielleicht ist es die Art der Liebe, die ich immer so gerne selbst zwischen den beiden erlebt hätte. Auf eine seltsame Weise wurden meine Eltern beim Betrachten dieses Bildes für mich zu Menschen. Ich glaube, als Kind nimmt man seine Eltern nicht unbedingt als Menschen wahr. Sie sind Erwachsene, die den Eindruck machen, dass sie die Welt verstanden haben. Aber hier sehe ich zwei Menschen in meinem Alter, die verliebt sind. – Diana Markosian

D & O, 2014

„D“ und „O“ aus Sankt Petersburg wurden zusammengeschlagen, weil sie es wagten, sich Hand in Hand auf der Straße zu zeigen. „Nach dem Angriff fühlte ich noch stärker, wie viel mir D bedeutet und wie beängstigend die Vorstellung ist, dass ich sie verlieren könnte“, schrieb O. „Das Schlimmste daran war, zu erleben, dass ich keine Chance hatte, den Menschen, den ich liebe, zu schützen – oder wenigstens mich selbst. Es stimmt: Jetzt schaue ich mich auf der Straße um und sehe jeden vorbeilaufenden Mann als potenzielle Gefahr. Aber jedes Mal, wenn wir heute auf dieser Straße unterwegs sind und ich ihre Hand greife, tue ich das bewusst. Ich entscheide mich dafür. ,D, halte meine Hand, dies ist mein Dank für deine Courage.ʻ“

Das Treffen mit D und O und ihre Geschichte haben mich sehr berührt. Bei vielen der Geschichten, die ich für mein Projekt „Wo Liebe illegal ist“ gesammelt habe, endeten erschütternde Berichte mit wunderbaren Bildern von der Kraft der Liebe und von der Macht der Entscheidung.

Vor vier Wochen, an einem schönen Sommertag am Ufer eines Sees in Neuseeland, ergriff ich die Hand meiner Braut und gab ihr mein Eheversprechen, dessen Herkunft nur sie kannte: „Aude, nimm meine Hand als ein Zeichen meines Bekenntnisses, die Liebe zu erwidern, die du mir entgegengebracht hast, und dich zu unterstützen, so wie du mich unterstützt hast – in Krankheit und Gesundheit, Reichtum und Armut, Zweifel und Erfolg, entscheide ich mich für dich.“ – Robin Hammond

Sutherland, Halbinsel Antonio Varas, Patagonien (Chile), 2014

Als ich mehrere Wochen bei Hirten in Patagonien verbrachte, die verwilderte Nutztiere und Pferde jagten, sah ich sehr viel verstörendes Leid bei den gejagten Tieren. Aber der grobe Umgang der Männer mit ihrer Beute stand in merkwürdigem Kontrast zu Momenten vollkommener Stille und Zärtlichkeit zwischen den Männern und ihren Hunden – loyalen Freunden und oft den einzigen Begleitern an den abgelegenen Lagerplätzen, an denen sie viele Monate zubrachten. Ihre rauen Umgangsformen verschwanden in plötzlichen Momenten der Zärtlichkeit und Liebe.

Diese Widersprüchlichkeit ist typisch für Patagonien: Der unglaublichen Schönheit der Landschaft steht eine extreme Schroffheit gegenüber. Diese Doppelgesichtigkeit ist fest in die verschlossenen Persönlichkeiten der Gauchos eingeschrieben. – Tomás Munita

Die Hände meiner Großmutter, 2003

Die Zeit vergeht so schnell! Ich erinnere mich nicht, wann genau ich dieses Foto aufgenommen habe. Leider habe ich versäumt, es zu dokumentieren. Es entstand am Haus meiner Großmutter in Arizona, und es wurde eines der letzten Fotos vor ihrem Tod. Sie war schon weit über 90 Jahre alt. Ich wusste, dass die Fotos aus dieser Zeit zu den letzten Erinnerungen an sie gehören würden – wie sie aussah, was sie trug und was für ein Leuchten von ihr ausging.

Ich beobachtete, wie sie in ihrem Zimmer saß und Radio hörte. Wie sie draußen im Garten Unkraut jätete. Und wie sie am Küchentisch Patience spielte.

Dieses Bild entstand, nachdem sie mit der abendlichen Gartenarbeit fertig war. Das Licht des Tages war schon fast erloschen, aber von ihr schien noch immer ein Leuchten auszugehen, besonders von ihren Händen. Mir kommt es vor, als zeigten ihre Hände in einem einzigen Moment die Erinnerungen eines ganzen Lebens, in dem sie ihr eigenes Leben, das ihrer Vorfahren und das ihrer Nachfahren in sich aufgenommen hat. Ich sah meinen Vater, mich selbst und mein ungeborenes Kind. Sie hat mir all die Emotionen gegeben, die in einem Leben möglich sind, die von der Liebe ausgehen und in ihr gipfeln. – Erika Larsen

Sami & Lior, 2013

Romantische Liebesbeziehungen zwischen Israelis und Palästinensern sind tabuisiert, gefährlich und selten. Sami ist ein Palästinenser aus dem Westjordanland und Lior eine israelisch-jemenitische Jüdin. Die ersten Filmaufnahmen von den beiden machte ich, als ich gemeinsam mit meinem Kollegen Ed Ou an einem größeren Projekt zu israelisch-palästinensischen Liebesgeschichten arbeitete. Sie leben mit ihren sechs Kindern in einer Zweizimmerwohnung, die Sami gebaut hat. Nachts, wenn die Kinder eingeschlafen sind, bleibt das Paar noch wach. Sie reden und sehen sich Filme an. Bevor sie selbst schlafen, schaltet Lior auf einen Kanal mit muslimischen Gebeten um. Das soll ihre Kinder und ihren Ehemann im Schlaf schützen. Morgens, bevor der Rest der Familie aufwacht, liest Lior jüdische Gebete. Auch diese sollen sie schützen. „Der Islam und das Judentum sind im Grunde das Gleiche“, sagt sie. „In unserem Haus haben wir sowohl einen Koran als auch eine Tora. Beide Bücher sind von Gott gegeben.“ – Kitra Cahana

Artikel in englischer Sprache veröffentlicht am 12. Februar 2016

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