Fotografie

Stille und Meer: Das beschauliche Leben in den Dörfern der Färöer-Inseln

Auf seiner Fahrt per Anhalter über die Färöer-Inseln trifft Kevin Faingnaert auf eine Welt, die auf den Rhythmus des Meeres eingestimmt ist. Donnerstag, 9 November

Von Sarah Stacke
Bilder Von Kevin Faingnaert

Wenn ein Fremder per Anhalter auf den Färöer-Inseln unterwegs ist, spricht sich das schnell herum. Die Gruppe von 18 Inseln im Nordatlantik liegt zwischen Island und Norwegen, und das Archipel bedeckt eine Fläche von etwa 1.400 km² und beheimatet rund 5.000 Menschen. Das selbstverwaltete Land, das auf Färöisch Føroyar heißt, ist Teil des dänischen Königreiches.

Im Winter 2016 verschlug es den belgischen Fotografen Kevin Faingnaert auf die abgelegenen Inseln, die seit dem 18. Jahrhundert bewohnt sind. Er sehnte sich nach einem Projekt außerhalb Belgiens, nahm eine Karte zur Hand und bemerkte zum ersten Mal die Färöer-Inseln. Zweite Tage später saß er in einem Flugzeug in Richtung des zerklüfteten und schneebedeckten Landes, um zu sehen, was er dort vorfinden würde.

Per Anhalter zu fahren sei auf den Inseln einfach gewesen, sagt Faingnaert. Er musste seinen Daumen selten länger als zehn Sekunden rausstrecken. Manche Menschen nahmen ihn mit, weil sie schon von dem Belgier gehört hatten, der per Anhalter fährt und Fotos macht. Andere hielten einfach an, weil er eine Besonderheit darstellte: ein unbekanntes Gesicht in einem Land, in dem man nur sehr selten Touristen außerhalb der Hauptstadt Torshavn sieht. Angeblich gibt es auf den gesamten Färöer-Inseln nur drei Ampeln und die befinden sich alle in Torshavn.

Faingnaert ist auch regelmäßig per Boot gereist. Zweimal nahm er einen Hubschrauber, eine übliche und preiswerte Methode, um von Insel zu Insel zu kommen. Die achtköpfige – und einzige – Familie, die auf der Insel Mykines wohnt, schickt zum Beispiel jeden Tag ihre Kinder per Hubschrauber in die Schule. Die See zwischen Mykines und der nächsten Insel ist rau und macht das Reisen per Boot damit unzuverlässig.

Im Gegensatz zu den schnelllebigen Städten Belgiens, die von hügeliger, fruchtbarer und bewaldeter Landschaft umgeben sind, sind die Färöer-Inseln zerklüftet, baumlos und bedächtig. Der steinige Boden gebietet, dass so gut wie alle Nahrungsmittel importiert werden müssen, abgesehen von Schafen, die auf dem Land grasen, und Fisch. Die Fischerei ist mit Abstand die vorherrschende Industrie und eine Quelle des Exporthandels.

Während des Winters werden der Wind und die tosenden Wellen zu einem lückenlosen Soundtrack. Diese individuelle und erbitterte Natur sei es, sagt Faingnaert, die ihn gefesselt hat. Die Natur ­– und die Geschichten der Menschen, die sich entschlossen haben, in fast verwaisten Dörfern zu bleiben, die über der ruhelosen See liegen.

Faingnaert erinnert sich an Simun Hanssen. Der pensionierte Seemann lebt auf der Insel Snívoy und verbringt seine Tage damit, nach Flaschenpost zu suchen, die an den Strand gespült wurde. Bisher hat er ungefähr 60 Stück gefunden; eine Meeresströmung zwischen Kanada und Norwegen treibt sie zu ihm. Die meisten gibt Hanssen einem Museum in Torshavn. Ein paar Ausgewählte mit besonders bewegenden Worten und einer Adresse behält er, beantwortet sie mit einem Brief oder überbringt die Botschaft ihrem beabsichtigten Empfänger in Skandinavien oder wo auch immer, wie ein magischer Gesprächspartner.

Am Strand von Sandavágur übt ein junger Mann namens Simún Jacobsen täglich auf seiner Posaune. Die dröhnende See fungiert als seine Begleitband zu den Melodien, die er erschafft.

Tróndur Patursson wohnt auf Streymoy. Als Künstler und Abenteurer ist er auf den Färöern wohlbekannt. Mitte der 70er Jahre unternahm Patursson eine transatlantische Reise in der Nachbildung eines mit Leder bespannten Schiffs aus dem 6. Jahrhundert, ein sogenanntes Curragh. Die Buntglasvögel, die er herstellt, finden sich auf der ganzen Insel, ob im Rathaus oder in Wohnzimmern.

In dem Monat, den Faingnaert auf den Färöern verbracht hat, konzentrierte er sich auf Dörfer mit 20 bis 30 Einwohnern, die auf schwerer zu erreichenden Inseln lagen. Oft wurde ihm erzählt, dass noch vor fünf Jahren bis zu 120 Menschen in den Dörfern gelebt haben. Dann begannen die jungen Leute auf der Suche nach mehr Möglichkeiten nach Torshavn zu ziehen oder studierten in Dänemark und beschlossen, nicht wieder in ihre isolierten Heimatstädte zurückzukehren.

Während der kalten, dunklen Tage Menschen zu finden, die er fotografieren konnte, war eine besondere Herausforderung. „Normalerweise klopfe ich nicht einfach an Haustüren“, erklärt Faingnaert, aber dort, wo alle drinnen überwinterten, „hatte ich keine Wahl.“ Fast alle baten ihn auf eine Tasse Kaffee herein und willigten ein, sich für ein Porträt fotografieren zu lassen, oder verwiesen ihn an jemanden, der das wollte. Interessanterweise war es praktisch immer ein Mann, der an die Tür kam und einem Porträt zustimmte. Die Frauen zogen es allgemein vor, sich nicht ablichten zu lassen, berichtet Faingnaert.

Trotz der spektakulären Landschaft und der faszinierenden Geschichten erinnert sich Faingnaert an ein einzigartiges Gefühl der Einsamkeit auf den Färöern. Abends gab es dort keine Menschen, mit denen man Kontakte knüpfen, etwas trinken oder zusammen essen konnte. Selbst die Schafe und Vögel, die auf den Inseln allgegenwärtig waren, gingen schlafen.

Faingnaert sagt voraus, dass die Bevölkerung Dörfer weiter schrumpfen wird. Wie bei einem Großvater, von dem man weiß, dass er nicht für immer da sein wird, war die vorwiegende Intention des Fotografen, diese Dörfer und die in ihnen lebenden Menschen festzuhalten, bevor sie in der Vergangenheit verschwinden.

Mehr von Faingnaerts Arbeit kann man sich auf seiner Website ansehen.

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