Fotografie

Auge in Auge

Sieben Monate lauerte Ingo Arndt in Chile Pumas auf, für die weltweit erste Fotodokumentation über die scheuen Tiere. Montag, 26 November

Von Jens Schröder

Herr Arndt, freilebende Pumas zu dokumentieren gehört zu den schwierigsten Herausforderungen für einen Tierfotografen. Wie kam es, dass Sie sich diesem Projekt mit so viel Hingabe gewidmet haben?

Das ist eine lange Geschichte. Meine erste Reise in den Torres del Paine Nationalpark liegt heute schon 17 Jahre zurück. Damals kam ich, um Guanakos zu fotografieren. Während dieser fünf Wochen hatte ich nur eine einzige kurze Begegnung mit einem Puma. Aber der Moment hat sich so stark in mein Gedächtnis eingebrannt, dass ich immer wieder davon träumte, zurückzukehren. Und mich dann nur mit Pumas zu beschäftigen.

Wenn Sie in fünf Wochen nur ein einziges Tier gesehen haben, hätten Sie aber auch leer ausgehen können.

 In den vergangenen Jahren haben sich die Chancen, im Nationalpark Pumas zu entdecken, deutlich verbessert. Die Tiere stehen dort schon länger unter Schutz. Aber ein ernsthaftes Fotoprojekt, bei dem es nicht um schöne Einzelfotos geht, sondern um das Dokumentieren nie gesehener Verhaltensweisen – das ist immer noch eine logistische Herausforderung. Mir war klar, dass ich das nicht allein würde finanzieren können: Fährtenleser, Unterkunft, zwei Geländewagen ... als ich die Kosten überschlug, wurde mir fast schwindelig. Etwas in dieser Dimension hatte ich vorher noch nie gemacht. Mit der Unterstützung von Partnern habe ich im Zeitraum von zwei Jahren sechs Reisen unternommen und insgesamt sieben Monate vor Ort verbracht, bis ich alle Bilder im Kasten hatte, die ich wollte.

Und dann haben Sie sich am Anfang ausgerechnet den Winter ausgesucht.

Da ist es einfach ruhiger im Park, es gibt weniger Besucher. Aber es war schon hart: Unser kleines Team wohnte in einer Hütte am Rand des Schutzgebietes. Vor lauter Kälte sind wir in unseren Daunenschlafsäcken meist schon morgens um vier aufgewacht. Erst wenn der Ofen brannte, wurde es erträglicher. Aber all das hat uns zusammengeschweißt. Später war das sehr hilfreich. Denn Pumas im Gelände zu finden ist echte Teamarbeit, mit Spähposten und Funkgeräten und so weiter.

In afrikanischen Safariparks sind die Guides meist gut im Bilde, wo sich ihre großen Katzen gerade aufhalten.

Das ist bei Pumas schwieriger. Man kann das nicht mit dem Fotografieren von Löwen oder Leoparden vergleichen. Pumas sind extrem scheue Einzelgänger. Und die Tiere haben auch normalerweise keine Lieblingsplätze, an denen sie sich immer wieder ausruhen und daher leicht zu finden sind. Sie sind unberechenbar und tauchen immer wieder an neuen Orten auf.

Das heißt: Man muss auch als Fotograf weite Strecken zurücklegen, bis man die Tiere vor die Kamera bekommt?

Ja, erst mit Geländewagen zum Ausgangspunkt und dann weiter zu Fuß durch unwegsames Terrain. An manchen Tagen musste ich mit der ganzen Ausrüstung 20 Kilometer laufen, um einem Puma zu folgen. Und wenn man einen Augenblick nicht aufpasst, sind die Tiere auf einmal mit der Landschaft verschmolzen – wie vom Erdboden verschluckt. Pumas sind Meister des Tarnens, weil Guanakos, ihre Hauptbeute, sehr wachsame Tiere sind. Sie warnen einander sofort, wenn sie einen Puma sehen, der sich beim Anschleichen nicht geschickt genug angestellt hat. Die Katzen haben bei der Jagd nur eine Chance, wenn sie wirklich jede Deckung ausnutzen – und das macht es für Fotografen schwierig.

Und wenn man an strategisch guten Stellen mit der Kamera lauert?


Ja, das ist auch eine Option. Oft habe ich komplette Tage hinter einem Felsen versteckt bei Wind und Kälte ausgeharrt, bis sich endlich eine Fotomöglichkeit ergab. Aber ich mag das: Die Elemente zu spüren, zu schwitzen, zu frieren und am Ende die Begeisterung, wenn dieses eine ersehnte Bild gelingt. Das liebe ich an meinem Beruf.

Gab es auch gefährliche Situationen?

Generell sind Pumaangriffe sehr selten. Aber einer folgte mir einmal, er wirkte angriffslustig. Dann senkte er plötzlich den Kopf und kam direkt auf mich zu. Ich riss mein Stativ hoch und machte Lärm, um ihn einzuschüchtern. Danach bin ich nicht mehr allein in sein Revier gegangen.

Erinnern Sie sich an einen besonderen Glücksmoment?


An ganz viele. Aber einige ragen natürlich heraus. An einem Tag waren wir zum Beispiel auf der Suche nach Sarmiento, einem Weibchen, das wir immer wieder gesehen hatten. Einer der Fährtenleser, Jorge, hatte den Verdacht geäußert, dass sie in einer der unzähligen Felshöhlen am Ufer des Lago Sarmiento Junge versteckt haben könnte. Und ich war mit Jorge schon lange genug unterwegs gewesen, um zu wissen: Der hat einen siebten Sinn für die Pumas, wenn der eine Vermutung hat, stellt die sich fast immer als richtig heraus.

Diesmal wohl auch?

Genau. Wir verteilten uns in der Morgendämmerung am Ufer und fanden Sarmiento tatsächlich. Sie schlich vor dem Eingang einer der Höhlen hin und her. Es dauerte nicht lang, bis wir auch ihre beiden Jungen zu Gesicht bekamen, noch ganz klein, mit der typischen leicht eckigen Zeichnung und sehr blauen Augen. Die Familie machte an diesem Tag einen ihrer ersten Ausflüge. Wir folgten in gebührendem Abstand. Und dann konnte ich mein Glück kaum fassen: Sarmiento kuschelte sich mit den beiden Jungen für uns gut sichtbar auf einem Felsen in eine Mulde. Es kommt extrem selten vor, dass sich ein Muttertier mit dem Nachwuchs so offen präsentiert.

Das Bild dazu zeigen wir unseren Lesern natürlich auch.

Man muss dazu sagen: Es war dann trotzdem kompliziert. Ich habe die ersten Aufnahmen mit dem Teleobjektiv gemacht und festgestellt: Die Luft hatte sich an diesem Morgen schon so aufgeheizt, dass sie flimmerte. Die Bilder wurden unscharf. Ich habe dann in wenigen Minuten mehr als tausend Fotos gemacht, in der Hoffnung, dass irgendeins davon vielleicht funktioniert. Erst am Abend, bei der Bildkontrolle am Rechner, kam dann die Erleichterung: Einige waren scharf geworden.

Ist das Weibchen Sarmiento die Hauptfigur in Ihrem Bildband?


Nicht unbedingt, ich habe über die Monate mehr als 20 Einzeltiere begleitet und viele von ihnen immer wieder gesehen. Aber Sarmiento war ein besonderes Fotomodell, oft fühlte sie sich von uns offenbar nicht gestört.

Haben Sie noch andere besondere Situationen mit ihr festgehalten?

Ich habe auch die wohl besten Bilder von Jagdszenen mit diesem Pumaweibchen bekommen. Eines Morgens fanden wir sie unterwegs, ohne den Nachwuchs. Da haben wir sofort gehofft, dass sie in Jagdlaune ist, denn das Anschleichen klappt ohne die oft noch tapsigen und unvorsichtigen Jungen meistens besser.

Und Sarmiento suchte sich tatsächlich eine arglose Guanakoherde?

Ja, aber es war nicht so leicht für sie. Die ersten Versuche scheiterten, weil die Guanakos die Räuberin entdeckt hatten, trotz aller Schleichkunst. Erst als ein einzelner Guanako-Wachposten die Gefahr nach einer Stunde offenbar vergessen hatte, ergab sich eine echte Chance. Wir beobachteten, wie Sarmiento loslief und eine Freifläche umrundete, um das Beutetier von hinten anzugreifen. Ich positionierte mich mit meinem Teleobjektiv 50 Meter vor dem Guanako. Meine beiden Fährtenleser verteilten sich so, dass sie den Puma im Auge behalten konnten. Eine halbe Stunde passierte nichts. Dann bekomme ich einen Funkspruch: „Zehn Meter.“ Der Puma musste direkt neben dem Guanako sein.

Was kann man in so einer Situation tun, um sich auf den entscheidenden Moment vorzubereiten?


Man muss überlegen, wo die Schärfe liegen soll. Ich fokussierte den Hals, weil sie ja genau dorthin springen musste, um das große Guanako-Männchen niederzureißen. Und plötzlich, wie aus dem Nichts, fliegt Sarmiento von hinten heran. Das Guanako reagiert aber ebenfalls blitzschnell und weicht ihr aus. Diesen Moment habe ich im Bild festgehalten. Es gab dann noch einen vier Sekunden kurzen Kampf: Sarmiento sprang auf ihre Beute, aber das Guanako ließ sich so geschickt fallen, dass es mit seinem ganzen Gewicht auf dem Puma landete. Dann konnte es sich aus den Pranken winden. Sarmiento war sicher enttäuscht. Aber wir konnten unser Glück kaum fassen über diese Szene, und lagen uns vor Freude in den Armen.

Aber eine Paarungsszene hat Ihnen das Pumaweibchen dann nicht auch noch geliefert, oder?


Nein, den Gefallen hat uns aber Sarmientos ältester Sohn getan, Charqueado. Wir konnten die gesamte Anbahnung aus diskretem Abstand begleiten, bis zu dem Moment, in dem er seine Partnerin beinahe zärtlich mit der Pranke zu Boden bat, und die Paarung begann. Unser erfahrener Guide Roberto sagte, er habe so eine Situation in 20 Jahren nur ein einziges Mal beobachtet, und damals auch nur aus mehreren Hundert Metern Entfernung. 

Können Sie verstehen, dass die Pumas als Hauptattraktion immer mehr Touristen in den Park locken?


Ja, natürlich. So ein atemraubend schönes Gebiet sollte auch Besuchern zugänglich bleiben. Die Parkgebühren helfen außerdem, wichtige Naturschutzprojekte zu finanzieren. Im Moment ist es aber ein wichtiges Thema, dass klare Regeln für das Puma-Tracking aufgestellt werden müssen. Es gibt einige Führer, die schlecht ausgebildet und rücksichtslos sind, das sollte sich ändern. Und in den vergangenen Jahren gab es auch zwei große Waldbrände, die nachweislich auf Lagerfeuer unvorsichtiger Camper zurückgingen. Wenn man solche Probleme in den Griff bekommt, etwa durch bessere Ausbildung von Guides und strengere Regeln für die Besucher, dann können viele Menschen weiterhin diese wilde und ursprüngliche Landschaft genießen.

 

Dieses Interview stammt aus Heft 12/2018 des National-Geographic-Magazins. Hier finden Sie auch eine Reportage über die Pumas in Patagonien mit Fotos von Ingo Arndt. Jetzt ein Abo abschließen!

Wei­ter­le­sen