Geschichte und Kultur

Neue Entdeckung könnte helfen, die Knotensprache der Inka zu entschlüsseln

Die neuen Spuren in diesem alten Geheimnis sind nicht in Stein gemeißelt, sondern in Schnüre geknüpft. Donnerstag, 9. November 2017

Von Daniel Stone
Die Inka waren sehr organisiert und nutzten die Knotenschrift Quipu, um ihren Lagerbestand festzuhalten. Kompliziertere Versionen dieser Aufzeichnungen könnten kodierte Nachrichten enthalten.

Eine Entdeckung, die kürzlich in einem abgelegenen Bergdorf in den peruanischen Anden gemacht wurde, deutet darauf hin, dass die Inka ihre Buchhaltungs-Knotenschrift mit farbigen Schnüren für mehr als nur Buchhaltung verwendet haben.

Die Gebilde, die man genau wie die Knotensprache selbst als Quipu bezeichnet, nutzten Kombinationen von Knoten, um Zahlen darzustellen und so Güter wie Mais, Bohnen und andere Lebensmittel zu erfassen. Die spanischen Berichte aus Kolonialzeiten behaupten, dass Quipu auch verwendet wurden, um die Geschichte des Volkes, Biografien und Briefe aufzuzeichnen. Wissenschaftler konnten bisher aber noch keine nichtnumerische Bedeutung aus den Schnüren und Knoten herauslesen.

Ein Paar Quipu, das seit der Kolonialzeit von Dorfältesten in den Anden beschützt wurde, könnte neue Hinweise darauf liefern, wie Informationen in komplexeren Knotengebilden festgehalten und weitergegeben wurden.

Die Anthropologin Sabine Hyland untersucht ein Quipu-Brett, eine Erfindung aus der Kolonialzeit, die frühe Inkatechnologie einfließen ließ.

„Wir haben eine Reihe komplexer Farbkombinationen zwischen den Knoten gefunden“, erzählt Sabine Hyland, eine Professorin für Anthropologie an der St. Andrews Universität in Schottland und National Geographic Explorer. „Die Schnüre haben 14 verschiedene Farben, was 95 einzigartige Muster in den Schnüren ermöglicht. Diese Zahl befindet sich innerhalb der Bandbreite von Symbolen in logosyllabischen Sprachen.“

Hyland hat die Theorie, dass spezifische Kombinationen von farbigen Schnüren und Knoten Silben oder Worte repräsentiert haben könnten. Ihre Analyse der Quipu erscheint in der Fachzeitschrift „Current Anthropology“.

GEHEIME BOTSCHAFTEN

Hyland machte diese Entdeckung im Andendorf San Juan de Collata, als zwei Dorfälteste sie einluden, zwei Quipu zu untersuchen, welche die Gemeinde über Generationen hinweg sorgfältig aufbewahrt hat. Die Dorfältesten sagten, dass die Quipu „Schilderungen zur Kriegsführung“ seien, die „von lokalen Häuptlingen“ gefertigt wurden, so Hyland.

Die Quipu wurden in einer hölzernen Kiste aufbewahrt, die bis vor Kurzem vor Außenseitern geheim gehalten wurde. Neben den Quipu enthielt die Kiste außerdem Dutzende Briefe aus dem 17. und 18. Jahrhundert. Die meisten der Dokumente sind offizielle Briefwechsel zwischen den Dorfführern und der spanischen Kolonialregierung, in denen es um Landrechte geht.

Die spanischen Geschichtsschreiber erwähnten, dass die Boten der Inka Quipu wie Briefe mit sich trugen. Es gebe Hinweise darauf, dass die Inka Briefe in Form von Quipu verfassten, um während der Rebellion gegen die Spanier Geheimhaltung zu wahren, so Hyland.

Ein Quipu aus dem Andendorf San Juan de Collata könnte Informationen über die Geschichte des Dorfes enthalten.

„Die Collata-Quipu sind die ersten Quipu überhaupt, die von den Nachfahren ihrer Erschaffer zuverlässig als narrative Epistel bestimmt werden konnten“, schreibt Hyland in ihrer Analyse. Sie weist darauf hin, dass sie größer und komplexer als die typischen Versionen zur Buchhaltung sind. Anders als die meisten Quipu, die aus Baumwolle gemacht waren, bestehen die Collata-Quipu aus Haaren und Fasern von einheimischen Tieren der Anden wie Vikunjas, Alpakas, Guanakos, Lamas, Rehen und Viscacha.

Tierische Fasern können Farbe besser als Baumwolle aufnehmen und speichern, daher sind sie als Medium geeigneter für Quipu, bei denen sowohl Knoten als auch Farbe benutzt wurden, um Informationen zu übermitteln.

Die Dorfbewohner erzählten Hyland, dass Informationen sogar von diversen Variablen kodiert werden – darunter auch Farbe, Faserart und sogar die Webrichtung oder Drehrichtung des Zwirns. Zum Lesen der Quipu sind daher sowohl der Tastsinn als auch visuelle Wahrnehmung nötig.

Hyland zitiert in dem Zusammenhang einen spanischen Chronisten, der berichtet hat, dass Quipu aus tierischen Fasern „eine Vielfalt an lebhaften Farben“ aufwiesen und „historische Erzählungen mit derselben Mühelosigkeit wie europäische Bücher aufzeichnen konnten“.

DIE GROSSE FRAGE

Die Collata-Quipu stammen vermutlich aus der Mitte des 18. Jahrhunderts, also mehr als 200 Jahre nach der Ankunft der spanischen Kolonisatoren 1532. Das wirft die Frage auf, ob sie eine verhältnismäßig neue Erfindung waren, die von dem Kontakt mit alphabetischer Schrift beflügelt wurde, oder ob sie eine große Ähnlichkeit zu früheren narrativen Quipu aufweisen.

„Diese Funde sind historisch gesehen sehr interessant, aber die Zeit ist ein großes Problem“, sagt der Harvard-Anthropologe Gary Urton. „Ob wir diese Erkenntnisse auf die Vergangenheit anwenden können oder nicht, das bleibt die große Frage.“

Vor ein paar Jahren entdeckten Urton und ein peruanischer Archäologe namens Alejandro Chu einen großen Quipu-Fund in einer Struktur, die womöglich mal eine Quipu-Werkstatt oder sogar ein Archiv für die Aufzeichnungen der Inka gewesen ist.

Die Muster zu entschlüsseln, die in diesen Gebilden versteckt sind, könnte letztendlich eine Aufgabe für Computer werden, so Urton. Er und seine Harvard-Kollegen verwalten ein digitales Archiv namens Khipu Database, welches Bilder, Beschreibungen und Vergleiche von mehr als 500 Artefakten kategorisiert.

Auf dem Höhepunkt ihrer Zivilisation haben die Inka Tausende Quipu gefertigt, vielleicht sogar Hunderttausende. Archäologen vermuten aber, dass der natürliche Zerfall und die europäischen Kolonisatoren einen Großteil davon zerstört haben. Heute existieren weniger als 1.000 bekannte Quipu.

Hyland plant, im Juli nach Peru zurückzukehren und ihre Forschung weiterzuführen. Letzten Sommer traf sie am letzten Tag ihrer Feldforschung eine ältere Frau, die sich daran erinnerte, Quipu als junges Mädchen verwendet zu haben. Bevor Hyland weitere Fragen an sie richten konnte, eilte die Frau aber davon, um sich um ihr Vieh zu kümmern.

Hylands Ziel ist es nicht nur, ein historisches Geheimnis zu enträtseln, so sagt sie, sondern auch, Licht in die „unglaublichen intellektuellen Errungenschaften der amerikanischen Ureinwohner“ zu bringen.

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