Alter Maya-König in Grab der Tausendfüßer-Dynastie entdeckt

Unter den gefundenen Artefakten befinden sich auch bemalte Knochen und eine Grabmaske aus Jade.Donnerstag, 9. November 2017

Die Stätte „Burial 80“ während der Ausgrabungen. Im Zentrum befindet sich ein weißes Steingefäß, das von Knochen umgeben ist, die Jahrhunderte nach der Bestattung rot angemalt wurden.
Die Stätte „Burial 80“ während der Ausgrabungen. Im Zentrum befindet sich ein weißes Steingefäß, das von Knochen umgeben ist, die Jahrhunderte nach der Bestattung rot angemalt wurden.
bild JUAN CARLOS PÉREZ, PROYECTO ARQUEOLÓGICO WAKA’ AND THE MINISTRY OF CULTURE AND SPORTS OF GUATEMALA

Als einige Forscher gerade ihre Ausgrabungen in El Perú zum Abschluss brachten – eine kleine Siedlung im Norden Guatemalas –, fand einer der Wissenschaftler unverhofft die Gebeine eines alten Maya-Herrschers.

„Er ist zufällig an das Fußende des Grabes gelaufen und hat dann auf die Knochen eines Königs gestarrt“, sagte einer der Forschungsleiter, David Freidel. Das Team aus Archäologen und Anthropologen des El Perú Waka’ Archaeological Project rief dann die guatemaltekische Armee, um das Gebiet zu sichern – laut Freidel eine Standardprozedur, um Grabraub zu verhindern.

Die Überreste gehörten einem Mann, der „mit dem Kopf nach Osten“ begraben, „in Stoff eingewickelt und auf seinen Opfergefäßen platziert“ worden war, sagte Freidel. All das sind Anzeichen dafür, dass es sich um eine Person von Bedeutung gehandelt hat. Daraus schließt das Team, dass er ein Mitglied der herrschenden Klasse gewesen ist.

Aber woher können sie wissen, dass es das Grab eines Königs ist? Ohne offizielle Inschriften auf den Artefakten oder Grabwänden könne man nur spekulieren, so Friedel. Aber es gibt ein paar Hinweise in dem Grab, mit deren Hilfe sie eine Hypothese dazu aufstellen konnten, wem diese Gebeine gehören.

Sie vermuten stark, dass es sich um den König Te‘ Chan Ahk gehandelt haben könnte, dessen Name dokumentiert ist, aber über den sonst kaum etwas bekannt ist.

Die Knochen wurden mit einer roten Farbe bemalt, bei der es sich laut den Forschern womöglich um ein Material namens Zinnober oder Cinnabarit handelt, einer Form von Quecksilbersulfid. Wahrscheinlich wurden die Knochen etwa im Jahr 600 zeremoniell bemalt, also Jahrhunderte, nachdem der König verstorben und sein Fleisch verwest war. Für die religiösen und politischen Führer der Maya bedeutete der Tod nicht das Ende. In dem Glauben, dass die Seelen der Verstorbenen weiter lebendig blieben, kehrten die Maya regelmäßig in deren Gräber zurück, um ihnen Respekt zu zollen.

Der König wäre ein frühes Mitglied der Waka-Dynastie – also der Tausendfüßer-Dynastie – gewesen, die vom vierten Jahrhundert bis ins achte Jahrhundert überdauerte. Die ursprüngliche Datierung der Artefakte im Grab lässt darauf schließen, dass die Bestattung zwischen 300 und 350 n. Chr. stattgefunden hat. Damit ist es eines der frühesten königlichen Gräber, die in dieser Region Guatemalas bisher gefunden wurden.

Nach dem Bau des Grabes wurde in den folgenden Jahren ein aufwendiger Komplex darum herumgebaut, wie Freidel anmerkt. Die Forscher nennen den Komplex einfach „Burial 80“, und in den letzten Jahren hat er sich als ein Dreh- und Angelpunkt für Hinweise auf die Maya-Vergangenheit Guatemalas herausgestellt. 2012 machte das Team eine seiner eindrucksvollsten Entdeckungen, als es das Grab einer Maya-Königin namens „Lady Snake Lord“ fand, und 2006 entdeckte es womöglich sogar den ersten Herrscher der Waka-Dynastie.

DIE IDENTIFIKATION EINES KÖNIGS

Obwohl viele der Knochen und Artefakte in dem Grab gut erhalten sind, sind die Seiten des kleinen Raums seit dessen Erbauung eingestürzt. Um den Tempel herum wurde ein großer Palastkomplex errichtet, und wahrscheinlich hat eine Invasion einer benachbarten Maya-Region zu den strukturellen Schäden geführt. Die Forscher mussten sich auf Händen und Knien in den Raum zwängen.

Während der Ausgrabungen wurde eine Jademaske gefunden, die mit rotem Zinnober bemalt worden war. Auf der Oberseite ist ein Symbol zu erkennen, das eine Verbindung zur Maisgottheit Hun Nal Yeh andeutet.
Während der Ausgrabungen wurde eine Jademaske gefunden, die mit rotem Zinnober bemalt worden war. Auf der Oberseite ist ein Symbol zu erkennen, das eine Verbindung zur Maisgottheit Hun Nal Yeh andeutet.
bild JUAN CARLOS PÉREZ, PROYECTO ARQUEOLÓGICO WAKA’ AND THE MINISTRY OF CULTURE AND SPORTS OF GUATEMALA

Das aufschlussreichste Artefakt, das bei den Ausgrabungen gefunden wurde, ist jedoch eine rote Jademaske. Sie zeigt den König mit jener Art von Schmuck, die man für gewöhnlich bei Darstellungen des Maisgottes der Maya sieht. Freidel erklärte, dass es üblich war, Könige als religiöse Figuren darzustellen. Zeichnungen auf den Grabwänden zeigen den König ebenfalls als religiöse Figur, und die Jadesteine an seinen Zähnen lassen erkennen, dass er zu einer der oberen Klassen gehörte.

Insgesamt wurden 22 Artefakte sichergestellt, unter denen sich 20 Grabgefäße befinden – flache Tontöpfe mit breitem Rand.

„All diese Gefäße sind womöglich hastig hergestellt worden, was bedeuten könnte, dass die Person unerwartet verstarb“, sagte Damien Marken, einer der Forscher, die an dem Projekt arbeiten. Er wies darauf hin, dass es vielen der Gefäße an der Symmetrie und der Kunstfertigkeit mangelte, die Keramiken der Maya für gewöhnlich aufweisen.

Laut Marken enthielten die kleinen Töpfe Opfergaben wie Tamale, Schokolade oder andere Lebensmittel, die der Tote mit ins Nachleben nehmen sollte. Freidel und sein Team planen eine chemische Analyse der Rückstände in einigen der Töpfen, um sich ein genaueres Bild machen zu können. Er stimmt mit Marken darin überein, dass einige von ihnen Nahrungsmittel enthalten haben könnten. Allerdings vermutet er auch, dass in anderen vielleicht Rückstände von Rauschmitteln zu finden sind, womöglich Nikotin oder Ginseng-Marihuana. Beides hat man schon in anderen Grabgefäßen gefunden.

Das Team arbeitet seit 2003 an den Ausgrabungen in El Perú und sagt, dass es noch viel mehr zu entdecken gibt. Im Frühjahr 2018 werden die Ausgrabungen an dieser alten Stätte deshalb weitergehen.

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