Geschichte und Kultur

„Made in China“: Die Heimatstadt der Billigware

Viele der preiswerten Waren auf der ganzen Welt kommen aus einer einzigen Stadt.Donnerstag, 9. November 2017

Von Daniel Stone
Bilder Von Raffaele Petralla
Galerie ansehen

Made in China. Die drei allgegenwärtigen Worte auf billigen Produkten überall auf der Welt. Zahnstocher, Tennisschläger, Kerzen für Geburtstagskuchen, Duftbäumchen. All das und mehr kommt aus China, aber ein Großteil davon – etwa 60 Prozent der preiswerten Konsumgüter der Welt – kommen aus einer einzigen Stadt: Yiwu.

Für chinesische Verhältnisse ist sie mit 1,2 Millionen Einwohnern eine kleine Stadt. Aber sie ist von globaler Bedeutung – und von ganz persönlicher für jeden, der schon mal Socken, Reißverschlüsse oder in letzter Minute ein preiswertes Halloweenkostüm gekauft hat.

Die Stadt zieht Geschäftsleute aus der ganzen Welt an. Käufer kommen, um Produkte zu begutachten und Großbestellungen zu machen. Die Waren landen dann in Baumärkten, Souvenirläden und bei Einzelhändlern auf fast jedem Kontinent. Laut einer Schätzung einer lokalen Handelsgruppe stammen mehr als 60 Prozent aller Weihnachtsdekoartikel – besonders Lichterketten – aus Yiwu.

„Weihnachten fängt hier im September an“, sagt Raffaele Petralla. Der Fotograf hat die Stadt besucht, um sich die Waren aus der Nähe anzusehen. „Weihnachten war in China mal verboten, während der Jahre des Kommunismus. Jetzt sieht man es aber als große Gelegenheit, um Waren zu verkaufen.“

Der Weihnachtsmarkt bedeckt eine Fläche, die größer als ein Fußballstadion ist. Es gibt auch einen Markt für Spielzeug, einen nur für Reißverschlüsse und noch einen für Socken. Der größte Markt, ein buntes Sammelsurium aller möglichen Produkte, umfasst knapp 260 Hektar Fläche und besteht aus mehr als 58.000 Ständen.

Die meisten Produkte werden in Fabriken direkt in Yiwu hergestellt, aber der Produktionsgeist erstreckt sich auch auf die Vororte und das umliegende Land. Dort nähen die Menschen in ihrem Zuhause und verkaufen die Waren an einen Markt, von wo aus sie dann an einen Käufer aus Korea, Japan, den USA oder einem anderen Land weiterverkauft werden. Einer Schätzung zufolge verlassen etwa 1.000 Schiffscontainer Yiwu jeden Tag in Richtung ausländischer Häfen.

Für Petralla war es surreal, von so vielen billigen Produkten umgeben zu sein. Überall wurden Dinge verkauft, in jedem Stockwerk, auf dem Gehweg, selbst auf den Straßen. Er lief an Ständen voller Menschen vorbei, die alle die gleichen Produkte verkauften, die in der Nähe gefertigt wurden. Wasserspritzpistolen, Fußbälle, Schmuck, Kuscheltiere, Haargummis, Telefonhüllen. Alles gab es für ein paar Cent.

Wie es bei so vielen chinesischen Städten der Fall war, basierte auch Yiwus Wirtschaft einst auf der Landwirtschaft und konzentrierte sich auf Bereiche wie Hühnerzucht und Zuckerproduktion. In den 1950ern begann sie sich dann zum Produktionszentrum für Handelsgüter zu wandeln. Die Stadt investierte in Infrastruktur und Fabriken. Bauern, die sonst vielleicht weggezogen wären, wurden in den Fabriken an die Arbeit geschickt und produzierten Waren, die auf dem internationalen Markt billig verkauft werden konnten.

Yiwu hat seine Ökonomie für das 21. Jahrhundert auf Quantität ausgerichtet, aber in den letzten paar Jahrzehnten hat die Stadt auch mehr in Qualität investiert. 2005 investierte ein Sockenhersteller mehr als 100 Millionen Dollar, um „das fortschrittlichste Paar Socken“ herzustellen, das aus experimentellen Materialien gefertigt wurde und haltbarer ist. Dieselbe Entwicklung konnte man bei Reißverschlüssen sehen, die einst billige Wegwerfware waren und nach beträchtlichen Investitionen nun schlanker und stabiler sind.

So viel Produktion und Kommerz führt zu einer Kultur des Konkurrenzdenkens, in der jeder versucht, einen höheren Preis als der Nachbar zu erzielen.

Was aber alle vereint, scheint der Stolz darauf, Waren herzustellen, die überall auf der Welt verkauft werden. „Von den Ärmsten bis zu den Reichsten schien über alle sozialen Klassen hinweg jeder in Yiwu stolz auf seine Leistung zu sein“, sagt Petralla. Gürtel, Angelhaken, Handschuhe – die Arbeit einer einzigen Stadt, die milliardenfach reproduziert wird.

Wei­ter­le­sen