Geschichte und Kultur

Eine kleine Stadt in Mexiko lebt den Islam

In Chiapas schaffen sich 400 Ureinwohner eine neue Identität, indem sie ihre indigenen Praktiken mit dem Islam kombinieren. Mittwoch, 22 November

Von Nina Strochlic
Bilder Von Giulia Iacolutti

Im Heimatland der Fotografin Giulia Iacolutti, Italien, dreht sich die Debatte über den Islam um Angst und Terrorismus. Aber als sie nach Mexiko kam, war davon nichts zu spüren.

2014 stellte einer von Iacoluttis Professoren ihr einen Imam einer der Moscheen vor, die im Umkreis von Mexiko-Stadt entstanden war und einer wachsenden Gemeinschaft von Muslimen dient. Ein Jahr lang war sie zu Gast in den Häusern der Gemeindemitglieder, war bei ihren Ritualen und Festen anwesend und machte Bilder für ihr Projekt „Jannah“. Das arabische Wort steht für das Paradies des Islam. (Lesenswert: So feiern Millionen von Muslimen auf der ganzen Welt das Ende des Ramadan)

Der Islam kam über die letzten paar Jahrzehnte stoßweise nach Mexiko – mit Immigranten aus dem Libanon und Syrien, und sogar mit einer Gruppe spanischer Sufis, die in den Neunzigern kamen, um die indigenen Zapatista-Revolutionäre zu konvertieren. Die Religion fasste schnell Fuß. In dem Land leben nun 5.270 Muslime – dreimal so viele wie noch vor 15 Jahren, sagt Iacolutti. Ein Arabischlehrer hilft ihnen dabei, den Koran zu lesen, und über ein Stipendium erhalten sie die Möglichkeit, in Jemen zu studieren.

Iacolutti fand heraus, dass es im größtenteils katholischen Mexiko wichtiger ist, dass man überhaupt einem Glaubenssystem folgt, als einer bestimmten Religion anzugehören. Sie sprach mit katholischen Müttern, die nicht wollten, dass ihre Töchter zum Islam konvertieren. Aber sie waren erfreut, wenn dieser Wandel sie zu einem gottesfürchtigeren Leben inspirierte. „In Mexiko ist es besser als in Europa, zum Islam zu konvertieren“, sagt sie. „Die Leute denken hier nicht an Terroristen. Sie wollen sich eine Identität aufbauen“, sagt Iacolutti über die mexikanischen Muslime.   

Nach einem Jahr in der Gemeinde bat Iacolutti darum, die Imame kennenzulernen, die sich um eine ländliche Gemeinde von Muslimen im südlichen Bundesstaat Chiapas kümmern. Da sie ihre indigenen Praktiken mit den Bräuchen des Islams kombinieren, leben diese 400 Konvertiten ein deutlich anderes Leben als ihre Pendants in Mexiko-Stadt.

Sie fallen beispielsweise kaum auf, da auch viele indigene Frauen Tücher um ihre Köpfe wickeln. „Ich will meine Sprache sprechen, ich will meine indigene Kleidung tragen, aber ich will auch an Allah glauben“, erzählten sie Iacolutti.

Die Abgeschiedenheit kann es allerdings erschweren, manche religiösen Grundsätze zu befolgen. Chiapas ist ein armer Bundesstaat, und Halal-Fleisch von Tieren, die nach den Regeln des Islam geschlachtet wurden, ist selten. Während eines Feiertags sah Iacolutti dabei zu, wie die Gemeinde zwei Kühe opferte und sofort Fleisch zu ihren christlichen Nachbarn brachte. „Ein Ideal des Islam ist es, dass man ärmeren Menschen helfen muss“, sagt sie. „Es ist nicht wichtig, ob man an einen anderen Gott glaubt – du bist mein Nachbar und du kannst das gleiche Essen essen.“

Iacolutti ist Atheistin, wurde aber nie gebeten, zu konvertieren. In diesem streng religiösen Land schienen ihre Gastgeber sich überhaupt nicht an der Ungläubigen in ihrer Mitte zu stören. Während eines Gesprächs mit einer muslimischen Frau in Mexiko-Stadt verspürte sie eine große Sehnsucht nach all dem, was der Glaube der Frau mit sich brachte. „Ich glaube, Sie haben ein sehr reiches Leben, weil sie gläubig sind“, sagte Iacolutti zu ihr. „Ich bin nicht gläubig. Ich sehe Sie und denke, dass Sie ein besseres Leben haben.“

Die Frau rügte sie. „Sie machen Fotos“, antwortete sie. „Ihr Gott ist die Fotografie und die Schönheit und Information. Sie glauben daran. Ich glaube an Allah.“.

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