Geschichte und Kultur

Herzlich Willkommen in der weltweit ältesten, noch bestehenden Puppenklinik

Inmitten von Lissabons geschäftigen Häuserfronten haucht das Hospital de Bonecas Puppen neues Leben ein.Friday, November 24, 2017

Von Ishay Govender-Ypma
Inmitten von Lissabons geschäftigen Häuserfronten haucht das Hospital de Bonecas Puppen neues Leben ein.

„Jeden Tag fragen uns Leute, ob wir die Braut von Chucky, der Mörderpuppe, bei uns haben“, erzählt Manuela Cutileiro, eine zertifizierte „Puppenchirurgin“ im Hospital de Bonecas. Es wurde 1830 an Lissabons belebtem Praça da Figueira eröffnet und gilt als älteste, noch bestehende Puppenklinik, die noch an ihrem Ursprungsort tätig ist. Puppen aller Arten – Plastik-, Porzellan-, Blech-, Woll- und Stoffpuppen – wird dort neues Leben eingehaucht.

Die Warteliste ist lang und die bedürftigen Puppen zeichnen ein zuweilen makabres Bild: Angeschlagene Gesichter, gebrochene Arme, aufgeplatzte rubinrote Lippen und fehlende Augen.

Von kunstvoll-kostümierten deutschen Porzellanpuppen in Vitrinen bis zu einer dunkelhäutigen Puppen, die 1915 in Angola hergestellt wurde – Cutileiro, eine ehemalige Grundschullehrerin, ist weit davon entfernt, sich vor dem bunten Haufen ihrer Patienten zu gruseln. 

Vitrinen voller Augen und anderer Ersatzteile für die mühevolle Reperaturarbeit.

Einige ihrer Geschichten sind der Zeit zum Opfer gefallen. Andere gingen mit Einwanderern und Flüchtlingen auf die Reise und stellen teilweise das letzte verbliebene Besitztum einer Familie aus der Heimat dar. „Wir ziehen aber nicht eine Puppe einer anderen vor“, sagt Cutileiro. „Für uns sind alle Puppen wertvoll.“

Die Puppen werden mit dem Aufnahmedatum und ihren Gebrechen beschildert und ruhen dann in Fächern oder „Betten“, während sie auf die Behandlung warten. Schränke und Schubladen voller kleiner Arme, Beine, Augen oder sogar Flügel befinden sich in unmittelbarer Nähe. Sie sind die bevorzugte Medizin. Die Arbeit ist mühsam und Cutileiro besitzt zusammen mit drei weiteren „Chirurgen“ ein Zertifikat des Fundaçao Ricardo Espírito Santo, einem Museum und Kulturzentrum, das sich für den Schutz und Erhalt traditioneller Kunst einsetzt. Einmal verheilt und wieder zusammengeflickt können die Puppen zurück in die liebevollen Arme ihres Besitzers.

Das Gebäude war einst ein Krankenhaus für Menschen und Cutileiro gehört der vierten Generation von Freunden und Familie an, die in dem Laden arbeitet. Es gehörte früher Carlota da Silva Luz, der Patentante ihres Vaters. Als Lilia Dinah da Silva Luz Tavares ohne eigene Erben an der Reihe war, übernahm Cutileiro, die für sie wie einer Tochter war, das Geschäft.

„Ich besuche oft Schulen und unterhalte mich mit den Kindern“, erzählt Cutileiro. „Wenn wir krank werden oder uns den Arm brechen, werden wir dann einfach weggeworfen? Wollen wir so in Zukunft unsere Familie und Freunde behandeln?“

Sie glaubt, die Portugiesen seien schon immer Opfer einer Wirtschaftskrise oder Krise im Allgemeinen gewesen, und in Kombination mit einem angeborenen Hang zur Sentimentalität oder suadade – einem bohrenden Gefühl für Nostalgie – ergebe Spielzeuge reparieren dort einfach Sinn. 

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