Geschichte und Kultur

„Auch hier in Deutschland ist die Situation traumatisch“

Belastende Erlebnisse und viele offene Fragen: Eine Traumatherapeutin berichtet über ihre Arbeit mit geflüchteten Jugendlichen. Mittwoch, 10 Januar

Von Kathrin Fromm

Sie arbeiten am Zentrum Überleben mit unbegleiteten minderjährigen Flüchtlingen. Welche besonderen Probleme bringen diese Jugendlichen mit?
Sie haben eine Vielzahl von Traumata hinter sich, weil sie zum Beispiel Kindersoldaten waren, einen Bombenangriff überlebt haben oder mitbekamen, wie jemand aus der Familie verschleppt wurde. Häufig war das Leben davor aber auch schon traumatisch, weil die Familie in Armut lebte oder in ihrer Region schon seit mehreren Generationen Krieg herrschte, wie etwa Afghanistan. Das sind gravierende Risikofaktoren für eine gesunde Entwicklung. Dann kommt die Flucht, auf sich allein gestellt, durch die Wüste und übers Mittelmeer. Junge Menschen sind einer Vielzahl von Gefahrensituationen ausgesetzt: Inhaftierungen, Folter, Zwangsarbeit oder sexuelle Übergriffe um nur einige zu nennen. Auch hier in Deutschland ist die Situation traumatisch.

Warum das?
Die Jugendlichen sind getrennt von ihren Familien, wissen oft nicht, wie es ihren Verwandten in der Heimat geht. Hinzu kommt, dass oft noch vieles ungeklärt ist: die Wohnsituation, der Aufenthaltsstatus. Dies spielt für die Psychotherapie eine wichtige Rolle. Wenn nichts geklärt ist, dann ist das an sich schon so belastend, dass verschiedene Symptome wie Panikzustände, Schlafstörungen und Depressionen daraus abgeleitet werden können. Wird der Asylantrag abgelehnt, wirkt das zusätzlich destabilisierend. Die Jugendlichen haben das Gefühl, dass nicht anerkannt wird, was sie durchgemacht haben, dass man ihnen unterstellt, nicht die Wahrheit zu sagen. Diese instabilen Lebenssituationen stellen die größte Hürde bei der Verarbeitung der Traumata dar.

Wie gehen Sie in solchen Situationen vor?
Wir arbeiten hier immer im Team von Psychotherapeuten und Sozialarbeitern. Schon im ersten Gespräch versuchen wir uns ein Bild davon zu machen, wie die Lebensbedingungen aussehen. Dann kommen die Jugendlichen ein- oder zweimal die Woche für eine therapeutische Sitzung. Darüber hinaus begleiten die Sozialarbeiter sie im Alltag, helfen bei rechtlichen Fragen oder Problemen in der Schule.

Gibt es eine Warteliste?
Ja, der Bedarf ist enorm. Wir können etwa zehn bis 15 Prozent der Anfragen bedienen, und selbst dann müssen die Jugendlichen mindestens vier bis fünf Monate auf einen Platz warten. Das sind langfristige Behandlungen, die auf ein, zwei Jahre angelegt sind. Wir konzentrieren uns auf die besonders schweren Fälle: Jugendliche, die Suizidgedanken haben, sich selbst verletzen, sehr aggressiv sind. Einmal in der Woche bieten wir zudem eine telefonische Sprechstunde an. Wir haben ein Netzwerk an niedergelassenen Therapeuten aufgebaut, zu denen vermitteln wir die Patienten. 

Wie lösen Sie in Ihrer Therapie die Sprachprobleme?
Wir arbeiten mit Sprachmittlern, die wir hier am Zentrum Überleben schulen. Eine dritte Person in einer Therapiesitzung ist ungewöhnlich, kann aber auch hilfreich sein. Die Sprachmittler übersetzen nicht nur, sondern kennen sich auch in kulturellen und religiösen Fragen aus. Da kann es schon sein, dass mich die Kollegin nach der Sitzung darauf aufmerksam macht, dass ein bestimmtes Thema sensibel oder eine Geste tabu ist. Gleichzeitig lernen viele Jugendliche sehr schnell Deutsch. Oft geht es nach einem halben Jahr oder Jahr schon ohne Dolmetscher. Dann hilft die deutsche Sprache manchmal, weil sich so eine Distanz herstellen lässt zu dem Erlebten. Es fällt manchen leichter, in einer Fremdsprache darüber zu reden.

Seit der Flüchtlingskrise 2015 sind vermehrt Jugendliche ohne Eltern in Deutschland angekommen. Wie viele davon sind psychisch belastet?
Etwa 30 bis 40 Prozent entwickeln eine klinische Symptomatik. Das bedeutet nicht, dass der Rest der Jugendlichen unbelastet ist. Die meisten bringen traumatische Erlebnisse mit. Sicherlich brauchen nicht alle geflüchteten Jugendlichen eine Psychotherapie, aber alle brauchen Unterstützung. Eine Person, die sie begleitet und zuhört, wenn sie Kummer haben. 

Ein Artikel über Flüchtlingskinder, die in Serbien gestrandet sind, steht in der Ausgabe 1/2018 des National Geographic Magazins. Jetzt ein Magazin-Abo abschließen!

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