Geschichte und Kultur

Azteken im Ballfieber: Frühe Formen des Fußballs

Früher stand für die Spieler beliebter Ballsportarten manchmal mehr als nur der Sieg auf dem Spiel. Montag, 18 Juni

Von Erin Blakemore

Lange vor der Erfindung von Basketball und Fußball begeisterte ein alter Ballsport mesoamerikanische Kulturen. Mittlerweile gibt es im heutigen Mexiko engagierte Athleten, die den Ballsport ihrer Vorfahren wiederaufleben lassen.

Fußball ist mit Abstand der beliebteste Sport der Welt. Mit mindestens 265 Millionen Fußballenthusiasten weltweit hat man kaum Probleme, für ein spontanes Spiel in einem Hinterhof oder auf einer Wiese Mitspieler zu finden.

Die Geschichte der Ballsportarten ist aber deutlich länger als die Geschichte des Fußballs. Eine der frühen und bekanntesten Formen des Ballspiels war die der alten mesoamerikanischen Kulturen.

In China entwickelte sich im 2. Jahrtausend v. Chr. ein fußballähnlicher Sport zu militärischen Trainingszwecken. Bis zum 2. Jh. v. Chr hatte sich dieses Ballspiel aber zu einem beliebten Zeitvertreib entwickelt, für den sogar Regel aufgeschrieben wurden. Den Vorgänger der meisten modernen Ballsportarten findet man einigen Forschern zufolge wohl aber in Amerika.

„Das Konzept des Teamsports wurde in Mesoamerika erfunden“, sagt Mary Miller. Die Professorin für Kunstgeschichte an der Universität Yale hat sich mit den überlieferten Zeugnissen des Sports beschäftigt.

GEFÄHRLICHER BALLSPORT

Lange, bevor Kolumbus einen Fuß auf den großen Doppelkontinent im Westen setzte, erblühten diverse Zivilisationen in Mesoamerika – der großen historischen Region, die sich vom heutigen Mexiko bis nach Costa Rica erstreckte. Viele von ihnen gingen einem Sport nach, bei dem ein schwerer Ball aus Kautschuk eine wichtige Rolle spielte.

Wo genau der etwa 3.000 Jahre alte Sport erfunden wurde, ist nicht ganz klar, aber er war in ganz Mesoamerika bei Kulturen wie denen der Azteken, der Maya und der Bewohner Teotihuacáns beliebt. Die Azteken nannten ihn ullamaliztli und die Maya entweder pok-ta-pok oder pitz. Aber nicht nur der Name variierte, sondern auch die Regeln: Manchmal musste man den Ball mithilfe seines Körpers in Bewegung halten, manchmal aber auch mit Schlägern.

Diese alten Zivilisationen perfektionierten den Herstellungsprozess für ihre Gummibälle Jahrtausende, bevor die Menschheit den modernen Gummi aus vulkanisiertem Kautschuk herstellte.

„Die Leute stellten diese Gummibälle wahrscheinlich zu Tausenden her“, sagt Miller. Ihr zufolge waren die Bälle wohl hohl und wogen bis zu sieben Kilogramm.

Sie schienen in den Kulturen, in denen sie eine wichtige Rolle spielen, fast allgegenwärtig, sodass viele davon in archäologischen Fundstätten erhalten blieben. Weitere Hinweise auf den Sport finden sich auf Keramikgefäßen und mehr als 1.300 steinernen Spielbereichen, die in der Region verstreut sind und jeweils Platz für zahlreiche Zuschauer boten.

Historische Beschreibungen finden sich hingegen in Berichten aus der Kolonialzeit. Die dominikanische Priester Diego Durán beschrieb beispielsweise jene Ballspiele der Azteken, die er 1585 mit eigenen Augen sah.

Die aztekischen Spieler schossen den Ball dabei nur mit ihren Hüften und ihrem Hintern zwischen den Mannschaften hin und her – der Einsatz von Händen und Füßen war verboten. Dabei versuchten sie, den Ball über eine Mittellinie zu befördern und mit nur einem Aufprall die hintere Wand des gegnerischen Spielfelds zu treffen. Oft zogen sie sich lebensgefährliche Verletzungen zu, wenn er harte, schwere Ball sie traf. (Auch für moderne Fußballspieler können Kopfbälle gesundheitliche Folgen haben.)

Wenn ein Spieler es schaffte, den Ball durch einen hoch angebrachten Ring auf der Seite der gegnerischen Mannschaft zu befördern, galt das automatisch als Sieg.

Der Gewinner des Spiels, so schrieb Durán, „wurde als ein Mann geehrt, der viele besiegt und eine Schlacht gewonnen hatte“.

DAS OPFER DER VERLIERER

Obwohl der Sport genau wie Basketball oder Fußball zum tagtäglichen Vergnügen gespielt wurde, spielte er für mesoamerikanische Kulturen auch eine wichtige Rolle in der Religion und bei Kriegen. Berichten zufolge diente das Ballspiel einigen aztekischen Königen auch als Ersatz für Kriege. Ein Sieg konnte über Herrschaftsrechte entscheiden oder diplomatische Verwicklungen entschärfen.

Bei den Maya und der Klassischen Veracruz-Kultur ging es sogar um mehr als das: Nach manchen rituellen Spielen wurden die Verlierer geopfert.

Details sind nicht bekannt, aber auf einigen Spielfeldern fand man Darstellungen blutiger Opferungen der Verlierermannschaft. Auch im Schöpfungsmythos der Maya liegen Sport und Opferungen nah beieinander. Darin besiegen zwei heldenhafte Zwillinge die Herren der Unterwelt in einem Ballspiel. Dadurch stiegen die Zwillinge zum Himmel auf und wurden zur Sonne und zum Mond.

Die Maya „traten den Göttern tagtäglich im Rahmen eines Ballspiels entgegen“, so Miller. „Der Konflikt zwischen Göttern und Menschen ist ein zentrales Element.“

Trotz der Belege dafür, dass die Verlierer manchmal sprichwörtlich den Kopf verloren, weigerten sich manche Archäologen des 20. Jahrhunderts zu glauben, dass irgendwer anderes als die Gewinner geopfert wurde, erzählt Miller.

„Sie konnten nicht glauben, dass die Maya Menschenopfer darbrachten“, sagte sie. „Wir wissen natürlich, dass das Quatsch ist – genau wie die Vorstellung, dass Gewinner geopfert wurden.“ In der Mythologie der Maya wird der Verlierer eines Ballspiels enthauptet, und mittlerweile gehen auch die meisten Gelehrten davon aus, dass die Verlierer – und nicht die Gewinner – dieses Schicksal erlitten.

Allerdings ist noch immer nicht vollständig geklärt, wie genau das Spiel gespielt wurde und wie der Ritus aussah, der einige Verlierer erwartete. Der Teamgeist, den Miller den Spielen attestiert, findet sich jedoch auch noch im heutigen Ballsport und bei den Millionen von Spielern, die tagtäglich in Stadien, auf Hinterhöfen oder Wiesen und Bolzplätzen begeistert den Ball durch die Gegend kicken.

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