Geschichte und Kultur

Inkamumien widerlegten positiven Drogentest des Fußballers Paolo Guerrero

Nachdem der Spieler Paolo Guerrero positiv auf Kokain getestet wurde, zogen Wissenschaftler Inkamumien als Beweismittel zu seinen Gunsten heran. Mittwoch, 27 Juni

Von Sarah Gibbens

Als der Drogentest des peruanischen Fußballspielers Paolo Guerrero im vergangenen Oktober Spuren von Benzoylecgonin aufwies, schien es unwahrscheinlich, dass der Starspieler mit zur WM 2018 antreten würde.

Das liegt daran, dass Benzoylecgonin ein Abbauprodukt von Kokain ist. Die FIFA sieht für Spieler, die illegale Drogen konsumieren, harsche Strafen vor. Guerrero wurde ein 14-monatiges Spielverbot auferlegt, was bedeutet hätte, dass er den Beginn der diesjährigen Weltmeisterschaft verpasst hätte.

Allerdings ging der Peruaner gegen diese Entscheidung vor, die er als ungerecht empfand. Er gab an, dass ihm vermutlich versehentlich Coca-Tee serviert worden sei, nachdem er Tee bestellt hatte, um seine Erkältungsbeschwerden zu lindern. Durch den Zusatz von Zucker und Gewürzen wäre der Coca-Geschmack nur schwer erkennbar gewesen, wie er und sein Anwalt gegenüber der FIFA äußerten.

Glücklicherweise erhielt der 34 Jahre alte Sportler Unterstützung von wütenden peruanischen Fußballfans, der Biochemie und einer 500 Jahre alten Inkamumie.

500 JAHRE ALTE BEWEISE AUF EIS

„Das ist eine der spannenden Wege, auf denen Mumien noch immer mit uns sprechen können“, sagt der Archäologe Johan Reinhard. Der National Geographic Explorer war einer der Leiter des Teams, das 1999 drei Kindermumien in den Anden fand.

Reinhard und sein Team aus neun Forschern brauchten zwei Wochen, um die Überreste zu entdecken, die sich auf dem argentinischen Vulkan Llullaillaco in 6.700 Metern Höhe über dem Meeresspiegel befanden. Die eiskalten Temperaturen verlangsamten die Aktivität der Bakterien, die für die Zersetzung von Leichnamen zuständig sind. Aus diesem Grund bleibt eine beträchtliche Menge des genetischen Materials der Menschen erhalten, die im Eis begraben werden. Die Llullaillaco-Mumien zählen zu den besterhaltenen der Welt.

Die drei Kindermumien – die 13-jährige „Llullaillaco-Jungfrau“ und zwei jüngere Kinder, der Llullaillaco-Junge und das „Blitzmädchen“ – starben wahrscheinlich bei einer Zeremonie, bei der gezielt Kinder geopfert wurden. 2013 führte ein Forensikteam eine Analyse durch, um sich das genetische Material anzusehen, das im Haar der Llullaillaco-Jungfrau erhalten geblieben war. Dadurch fanden die Wissenschaftler heraus, dass sie in ihrem letzten Lebensjahr größere Mengen von Coca-Blättern und Alkohol konsumiert hatte. Womöglich wurden die Substanzen genutzt, um sie auf ihrer Reise auf den Berg gefügig zu machen. Eventuell spielten sie aber auch bei diversen Ritualen eine wichtige Rolle.

„Man kann an ihren Lippen noch kleine Stücken von Coca-Blättern sehen“, sagt Reinhard. „Und sie hat einen [Coca-]Klumpen im Mund.“

Die indigene Bevölkerung des Andenraums konsumiert Coca schon seit Jahrhunderten. Die Pflanze lindert die Symptome der Höhenkrankheit. Wenn Menschen in große Höhen aufstiegen, schoben sie sich daher Coca-Klumpen in die Wangen und kauten darauf herum.

GUERRERO UND DIE LULLULLAILLACO-JUNGFRAU

Sowohl im Fußballspieler aus dem 21. Jahrhundert als auch in der Mumie aus dem 15. Jahrhundert fanden sich Spuren von Benzoylecgonin – eine Gemeinsamkeit, die Guerrero zum Vorteil gereichen sollte.

Der Archäologe Charles Stanish sagte für Guerrero aus, nachdem ihn ein Biochemiker mit Verbindungen zu dem Fußballspieler kontaktiert hatte.

Stanish zufolge bestand seine Rolle darin zu beweisen, dass eine Person positiv auf Kokain getestet werden konnte, ohne die illegale Droge konsumiert zu haben.

„Der offensichtlichste Weg besteht darin, eine 500 Jahre alte Mumie zu haben, die positiv auf Kokain getestet wird, obwohl es Kokain damals überhaupt nicht gab“, sagt er.

Das Alkaloid Kokain wurde erst im 19. Jahrhundert isoliert und als Droge synthetisiert.

Stanish merkte auch an, dass Coca-Blätter noch immer ein fester Bestandteil der südamerikanischen Kultur sind.

„Ich habe erklärt, dass Coca-Tee selten pur getrunken wird. Meist ist eine Menge Zucker enthalten, der den Geschmack überdeckt. Das ist in Lima mittlerweile ein Bestandteil der neuen, trendigen Gastronomie geworden“, sagt er und verweist darauf, dass man Coca in allen möglichen Lebensmitteln finden kann, von Brot bis zu Süßigkeiten.

Guerrero ist nicht der einzige, dem so etwas schon passiert ist. Von Piloten bis zu Touristen sahen sich schon etliche Leute nach einem Aufenthalt in Peru plötzlich mit der Anschuldigung des Kokainkonsums konfrontiert. Für Stanish deutet das auf ein generelles kulturelles Missverständnis bezüglich der Bedeutung von Coca hin.

Nach mehreren Tagen vor Gericht und einer letzten Verhandlung hob das Schweizer Bundesgericht Guerreros Spielverbot vorläufig auf, damit er an der WM teilnehmen kann, während sein Fall noch einmal überprüft wird.

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