Geschichte und Kultur

Uralte Steinwerkzeuge in Asien schreiben menschliche Geschichte um

Neue Funde verweisen darauf, dass unsere alten Cousins Afrika deutlich eher als gedacht verließen. Dienstag, 17 Juli

Von Michael Greshko

Die entfernten Verwandten des modernen Menschen verließen Afrika früher als bisher angenommen. Damit wird ein wichtiges Kapitel in der Vorgeschichte der Menschheit umgeschrieben, wie die entsprechende Studie zeigt, die kürzlich in „Nature“ erschien.

In der archäologischen Stätte Shangchen in Zentralchina hatte man fast 100 Steinwerkzeuge gefunden, welche die Ausbreitung unserer alten Cousins – der Hominini – jenseits von Afrika auf dem Zeitstrahl mehr als eine Viertel Million Jahre nach hinten schieben.

Die Werkzeugmacher besiedelten Shangchen vor 2,1 bis 1,3 Millionen Jahren immer wiederholt und hinterließen in diesen 800.000 Jahren Werkzeuge, die man außerhalb Afrikas bisher nicht gefunden hatte. Die ältesten Werkzeuge der Stätte sind circa 300.000 Jahre älter als Dmanisi. Die 1,8 Millionen Jahre alte Fundstätte in Georgien enthielt die ältesten bekannten Fossilien unseres ausgestorbenen Cousins Homo erectus.

FRÜHE WANDERER

Der heutige moderne Mensch, Homo sapiens, geht auf eine Wanderungswelle vor etwa 60.000 Jahren zurück. Aber er war weder der Erste, noch der Einzige, der den afrikanischen Kontinent verließ. Überreste von Homo erectus schlummerten von Georgien bis nach Java im Erdboden. Die Vorfahren der Neandertaler zogen vor etwa einer halben Million Jahre durch Europa. Vor mindestens 700.000 Jahren verstreuten sich frühe Hominini über den Südpazifik – aus ihnen gingen dann Homo floresiensis und andere Werkzeug bauende Inselbewohner hervor.

Manche Stätten deuten gar auf eine noch frühere Hominini-Präsenz in Asien hin. Einigen Forschern zufolge könnten Steinwerkzeuge in Pakistan bis zu zwei Millionen Jahre alt sein. Im Jahr 2004 fand ein chinesisches Team 1,66 Millionen Jahre alte Steinwerkzeuge im Nihewan-Becken im Norden Chinas. Erst 2015 schlussfolgerten Forscher, dass ein Schädel eines Homo erectus, der in der Nähe von Shangchen gefunden wurde, mehr als 1,6 Millionen Jahre alt ist.

Zhaoyu Zhu war überzeugt, dass es in China noch ältere Stätten zu entdecken gibt. Der Hauptautor der neuen Studie und Geologe der Chinesischen Akademie der Wissenschaften begann 2004 mit den Grabungen in Shangchen.

Im Juli 2007 entdeckte einer von Zhus Kollegen in der Stätte einen Stein in einem steilen Aufschluss. Wie sich herausstellte, handelte es sich um ein Werkzeug, das von einem Hominini-Vertreter bearbeitet worden war. Bis zum Jahr 2017 hatte Zhus Team in Shangchen eine mehr als 70 Meter tiefe Schichtenfolge freigelegt – mehr als 17 der Schichten enthielten Steinwerkzeuge.

“Meine Kollegen und ich, wir waren alle sehr aufgeregt”, sagt Zhu. „Diese Schichtenfolge ist einfach zu gewaltig und zu spektakulär.“

Aber wann genau waren die Werkzeuge entstanden? Um das herauszufinden, maß Zhus Team die unterschiedlichen Magnetfelder in jenen Bodenschichten, die Werkzeuge enthielten.

Wenn sich eine Bodenschicht bildet, bilden die Mineralien im Boden die Ausrichtung des Erdmagnetfelds zu jener Zeit ab. Da sich das Magnetfeld der Erde immer wieder umkehrt, lässt sich auch an den Schichten die Polumkehrung feststellen.

Durch einen Vergleich der Sedimente von Shangchen mit gut datierten afrikanischen Bodenschichten, in denen diese magnetischen Umkehrungen nachvollziehbar sind, konnte Zhu jeder Schicht von Shangchen ein akkurates Alter zuweisen. Sechs der 96 Werkzeuge, die in der Studie vorgestellt wurden, stammen aus einer 2,21 Millionen Jahre alten Schicht.

WER MACHTE DIE WERKZEUGE?

Da sich neben den Werkzeugen von Shangchen keine Hominini-Fossilien fanden, kann niemand mit Sicherheit sagen, aus wessen Hand sie stammen.

Womöglich sind sie ein Produkt des Homo erectus, der auch die Werkzeuge in Dmanisi herstellte. Die Art hatte also das nötige Wissen und die Fähigkeiten zum Werkzeugbau und verfügte außerdem über eine entsprechende Statur und einen Gang, die nötig wären, um ganze Kontinente zu durchqueren. Allerdings sind die bisher ältesten bekannten Fossilien des Homo erectus etwa 1,8 Millionen Jahre alt und damit jünger als Shangchens älteste Werkzeuge.

„Es ist absolut möglich, dass Homo erectus China zu jener Zeit besiedelte. Aber aufgrund des Alters der Fundstätte und der Möglichkeit, dass sich vielleicht noch ältere Artefakte finden werden, könnte Asien auch von einem anderen Mitglied der Gattung Homo bevölkert worden sein, vielleicht von einem Vorfahren ähnlich dem Homo habilis“, sagt Michael Petraglia. Der Paläoanthropologe vom Max-Planck-Institut für Menschheitsgeschichte erforscht alte Steinwerkzeuge aus Asien.

María Martinón-Torres ist die Leiterin von Spaniens National Center of the Study of Human Evolution (CENIEH) und eine weltweite Autorität auf dem Gebiet asiatischer Hominini-Fossilien. Ihr zufolge könnte es sich lohnen, einen zweiten Blick auf einige chinesische Hominini-Fossilien zu werfen, die zuvor als H. erectus eingeordnet wurden.

„Es wird Zeit zu akzeptieren, dass nicht alle in Asien gefundenen Hominini in das Taxon des asiatischen H. erectus passen – einer Art, die größtenteils als Sammelbegriff genutzt wurde“, sagt sie. „Ich glaube, dass die Frage nach der Identität des ersten asiatischen Hominini-Vertreters noch nicht geklärt ist.“

Unabhängig von ihrer Identität hatten die Werkzeugmacher von Shangchen wohl aber Gehirne, deren Größe ungefähr einem Drittel unserer heutigen Gehirne entsprach. Auch wenn im Falle von Gehirnen Größe nicht alles ist, sind Experten erstaunt, dass ein solcher menschlicher Vorfahre es vor zwei Millionen Jahren von Afrika aus bis nach China geschafft hat.

Künftige Forschung wird wohl zeigen, wer diese mysteriösen Hominini waren. Dennell würde sich gern Sedimentschichten ansehen, die älter als 2,1 Millionen Jahre sind. In Shangchen war das leider nicht ohne weiteres möglich, da diese Bereiche mittlerweile von Farmland bedeckt sind. Aber auch an anderen Orten in Asien sind weitere spektakuläre Funde praktisch garantiert.

„Lange Zeit hat die Wissenschaftsgemeinde Asien im Vergleich zu Afrika eher zweitrangig behandelt, wenn es darum ging, die relevanten Abschnitte unserer Evolution zu erklären“, so Martinón-Torres. „Mit der zunehmenden Feldforschung in Asien bin ich aber sicher, dass dort noch mehr Überraschungen auf uns warten.“

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