Geschichte und Kultur

Initiationsriten der Bronzezeit: Hundeopfer in Russland

Zerstückelte Hunde aus einer russischen Grabungsstätte deuten auf alte Rituale hin. Mittwoch, 5. September 2018

Von Heather Pringle
In Russland werden junge Männer seit Langen in traditionellen Kampfkünsten unterrichtet. Womöglich umfassten bronzezeitliche Initiationsriten für junge Krieger auch das Töten geliebter Tiere.

Zunächst waren die Archäologen Dorcas Brown und David Anthony völlig ratlos. Bei Ausgrabungen an der russischen Stätte Krasnosamarkskoe in der Wolgaregion entdeckten sie die Knochen von mindestens 51 Hunden und 7 Wölfen. Allesamt waren während des Winters gestorben, wie man an den Wachstumslinien des Zahnschmelzes erkennen konnte – und alle waren im Anschluss gehäutet, zerstückelt, verbrannt und dann mit einer Axt zerteilt worden.

Wer auch immer die Tiere geschlachtet hatte, war außerdem sehr präzise und immer gleich vorgegangen. Er hatte die Schnauzen der Hunde in drei Teile und ihre Schädel in geometrische Bruchstücke von etwa 2,5 Zentimetern Größe zerteilt. „Das war äußerst merkwürdig“, sagte Anthony.

Für ihn und Brown vom Hartwick College in Oneonta in New York deuteten das Geschick und das standardisierte Vorgehen beim Schlachten der Hunde auf irgendeine Art Ritual hin. Die Zooarchäologin Pam Crabtree von der New York University, die an der Studie nicht beteiligt war, stimmte dieser Einschätzung zu. Sie verweist darauf, dass sich die Vorgehensweise beim Schlachten der Hunde grundlegend von jener unterschied, die anderswo im prähistorischen Europa und anderen Teilen der Welt zum Einsatz kam.

„Die Knochen sind in kleine Stücke gehackt worden, und zwar nicht auf die Art, wie man es tun würde, wenn man an die großen Muskelgruppen will“, sagte sie 2013 in einem Interview mit National Geographic.

Was also sollten die Forscher mit dem mysteriösen Fund von Krasnosamarskoe anfangen? Warum hatte jemand diese Tiere anscheinend geopfert?

ALTER INITIATIONSRITUS

Auf der Suche nach Antworten durchkämmten Anthony und Brown alte Mythen, Lieder und andere Schriften der frühen indoeuropäischen und verwandten Sprachen. In vielen Texten wurden Hunde mit dem Tod und der Unterwelt assoziiert. In Gebeten indischer Stämme, die bis auf die Zeit um 1.400 v. Chr. zurückgehen, fanden die Forscher Beschreibungen geheimer Initiationsriten für Jungen, die dazu bestimmt waren, ein Leben als umherziehende Krieger zu führen.

Im Alter von acht Jahren wurden die Jungen rituell gewaschen, bekamen den Kopf rasiert und wurden in Tierhäute gekleidet. Weitere acht Jahre später nahmen die Initiierten an einer Zeremonie zur Wintersonnenwende teil, bei der sie rituell starben und in die Unterwelt reisten. Im Anschluss verließen die jungen Männer ihr Zuhause und ihre Familien, malten ihren Körper schwarz an, trugen einen Umhang aus Hundefell und schlossen sich einer Gruppe von Kriegern an.

Brown und Anthony glauben, dass ähnliche Riten zu Beginn der jährlichen Raubzüge, die von der Winter- bis zur Sommersonnenwende stattfanden, auch in Krasnosamarskoe praktiziert wurden. Sie spekulierten, dass die Jungen im Rahmen der Zeremonie ihre eigenen Hunde töten mussten. Die toten Tiere waren zwischen sieben und zwölf Jahre alt, was dafür spricht, dass es sich um langjährige Gefährten handelte, die womöglich sogar von Geburt der Jungen an mit ihnen aufwuchsen.

„Das macht auf jeden Fall Sinn“, fand Brown. Damit aus einem unschuldigen Jungen ein Krieger werden konnte, musste er zunächst ein Mörder werden.

Forschungen von Militärpsychologen lassen darauf schließen, dass der Übergang von einem Zivilisten zu einem Soldaten äußerst schwierig sein kann. Mit anderen Worten: „Man muss die Leute aufs Töten trainieren“, wie Brown sagte.

Für bronzezeitlichen Jungen aus Krasnosamarskoe könnte dieses Training auch beinhaltet haben, dass sie einen guten Kindheitsfreund töteten: ihren treuen Hund.

Der Artikel wurde ursprünglich in englischer Sprache auf NationalGeographic.com veröffentlicht.

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