Geschichte und Kultur

„Naturspiritualität ist im Begriff, zu einer neuen Weltreligion zu werden“

Der Biologe und Philosoph Andreas Weber über magisches Denken und den Sprung über den eigenen Tellerrand.Dienstag, 19. Februar 2019

Von Andrea Henke
Die Externsteine im Teutoburger Wald gelten schon lange als einer der magischsten Orte Deutschlands. Ob sich dort aber wirklich eine prähistorische Kultstätte befand, das ist nicht gesichert.

Sie haben für Ihre National Geographic-Reportage „Magisches Deutschland“ uralte Kraftorte, moderne Hexen und Schamanen besucht und schreiben über Natur als Seelenraum – was versteht man heute unter Magie?

Lange Zeit hat die christliche Religion den für sie unbeseelten Dingen eine göttliche, unsichtbare Welt entgegengestellt. Magisches Denken und Handeln wendet sich von diesem christlichen Prinzip ab und nimmt an, dass es in allem, aber besonders in der Natur ein Prinzip des Beseelten gibt: eine Seele, etwas Fühlendes, etwas Geistiges. Es geht davon aus, dass man sich mit diesem Prinzip verbinden kann und diese Verbindung etwas Heilsames und Fruchtbares hat.

Damit unterscheiden sie sich von Menschen, für die Welt nach Ursache und Wirkung funktioniert...

...und die davon ausgehen, dass auch sie letztlich unbeseelt sind und rein durch Physik und Chemie – sozusagen hormongesteuert – existieren.

Es geht bei Magie also weniger um die willentliche Beeinflussung von Ereignissen durch geistige Kräfte – also das, was man landläufig als „Hexerei“ bezeichnet?

Es gibt die Fraktion der parapsychologisch Aktiven, aber das sind wenige Menschen. Bei Magie geht es heute meistens um Naturspiritualität; das ist viel unspektakulärer, als man vielleicht erwartet. Eine Berliner Frauengruppe, die sich als „neue Hexen“ bezeichnet, traf sich beispielsweise lange bei Vollmond an der Krummen Lanke, einem See. Der Mond und der See haben eine spirituelle Kraft für sie. Im Hexenzirkel wird nicht unbedingt gehext.

Und Wahrsagen ist kein Hokuspokus?

Das klassische Wahrsagen ist oft weniger etwas Unerklärliches, als dass es praktischer Psychologie folgt: Es geht darum, die Wahrheit zu sagen. Wahrzunehmen. Zu versuchen, das, was sich auf dem Gesicht des Gegenüber zeigt, intuitiv zu erfassen und nichts auszublenden.

Naturspiritualität wird von Religionsforschern als neues Heidentum bezeichnet: Ist sie eine Religionsbewegung?

Experten sagen, dass Naturspiritualität viele Elemente einer Religionsbewegung habe. Sie kommt weltweit vor, bricht mit der herrschenden christlichen Theologie und stützt sich auf eine gemeinschaftliche Erfahrung mit anderen Wesen der Natur. Der Begriff Heidentum ist christlich geprägt – Heiden sind Ungläubige. Die, gegen die man Krieg führt. Die Kirchen spielen nach wie vor eine maßgebliche Rolle in der Bewertung von nichtchristlichen Glaubensrichtungen.

Wenn man Statistiken betrachtet, sieht man, dass viele Menschen an Magie glauben: Jeder Vierte ist offen für Geist- und Wunderheiler, fast die Hälfte glaubt an Astrologie...

Es gibt sehr viele, bei denen die Tür zur Magie ein wenig geöffnet ist: Das Kind hat eine Warze, die nicht weggeht, und man bekommt die Empfehlung, sie besprechen zu lassen. Das passt nicht in das eigene Weltbild, man macht es aber trotzdem. Oder nehmen Sie Yoga. Hunderttausende praktizieren es. Die achtsame Einnahme bestimmter Körperpositionen soll ganzheitlich die Persönlichkeit entfalten und mit dem Universum in Verbindung bringen.

Was für Menschen sind Ihnen bei Ihrer Recherche begegnet?

Menschen, die sich für die innere Gestalt dieser Welt interessieren. Die im Alltag sehr gut funktionieren, aber auch intuitiv sind und ein emotionales Interesse an der Beschaffenheit der Wirklichkeit haben.

Haben Sie mehr Frauen als Männer getroffen?

Ja. Vielleicht lässt das männliche Selbstbild tendenziell weniger spirituelle Erfahrungen zu. Die spirituell aktiven Männer, die ich getroffen, habe, waren eher in der Rolle von Lehrenden als von Suchenden. Hier ist noch Arbeit gefragt.

Warum ist diese Bewegung heute so stark?

Die Religionspsychologie führt aus, dass wir inhärent sinnfähig sind und diesen Sinn auch herstellen müssen, um glücklich zu sein. Wir leben aber in einer Welt, die sich oft als total sinnentleert zeigt. Weil sie das auch ist. Wir können das wachsende Interesse an Naturspiritualität also psychologisch deuten: Unsere Gesellschaft ist über das Ziel hinaus geschossen, den Menschen fehlt wirklich etwas.

Wie spiegelt sich das wachsende Interesse an magischem Denken in der Wissenschaft?

Eine aktuelle Strömung in der Anthropologie nennt sich „Neuer Materialismus“. Das bedeutet: Wir sollten heidnische Kulturen nicht nur beschreiben, sondern von ihnen lernen, wie wir mit dem Leben in der Natur und in uns umgehen. Schon lange entwickeln sich Psychologie und Psychotherapie in eine spirituelle Richtung, und Naturerfahrungs-Pädagogik hat großen Zulauf.

Das physische Prinzip von Spiritualität allgemein wird in der Neurologie untersucht...

Es gibt eine tolle Versuchsreihe von Neurobiologen mit meditierenden buddhistischen Mönchen, die auf Zuruf in bestimmte Meditationsstadien eintreten können. Man sieht, wie deren Gehirn sich nach jahrelanger Meditation verändert. Das Problem ist: Viele Wissenschaftler blockieren institutionell, weil sie sich mit einer bestimmten Vorstellung etabliert haben und keinen Wandel wollen. Das ist schade, weil dieses Thema interessant ist und viele Menschen betrifft, die Meditation in ihrem Alltag praktizieren.

Wie sehr knüpft die neue Naturspiritualität an dieses Phänomen in vorchristlicher Zeit an?

Ich finde es spannend, dass wir heute Anknüpfungspunkte zu einem so alten kosmischen Glauben haben. Eine in bestimmten Ritualen häufig wiederkehrende Formulierung ist: „Zum Wohle aller Wesen“. Das ist eine Verbindung zu älteren naturspirituellen Praktiken in Europa: zu Praktiken, wie sie in Stammeskulturen außerhalb Europas ja nach wie vor existieren.

Wann ist der allgemeine Glaube an Magie in Deutschland gekippt?

Im Mittelalter war der Druck der christlichen Mehrheit und der Kirche noch sehr willkürlich. Viele naturspirituelle Praktiken konnten sich halten. Das änderte sich mit der Inquisition. Der Höhepunkt der Verfolgung liegt interessanterweise schon in der Neuzeit, von 1550 bis 1650, als Amerika bereits entdeckt war. Die Verbindung von christlichem Glauben einerseits und wissenschaftlichem Weltbild andererseits hat dem magischen Glauben mehr zugesetzt als das Mittelalter, das selbst sehr mystisch war.

Werden manche Bräuche und Rituale noch praktiziert?

Einige haben sich als Volksfeste erhalten, wie die Mittsommernacht mit dem Johannisfeuer. Es gibt zudem Bräuche, die sich noch bis zum Beginn der industriellen Moderne in der Landbevölkerung gehalten haben: Zauberwasser aus einer Quelle schöpfen oder einen Baum mit Blumen schmücken. Heilige Bäume werden noch heute in Europa verehrt – etwa in Estland.

Was ist mit dem Weihnachtsbaum?

Der wäre früher sofort als heidnisches Symbol verbannt worden. Ostern ist voller Eier und Hasen, das ist ein großes Fruchtbarkeitsritual. Die christliche Kirche hat sich an die naturspirituelle Einsicht angepasst und feiert die Erneuerung eben aus christlicher Perspektive. Die Überwindung des Todes durch das immer wiederkehrende Leben steht bei beidem im Mittelpunkt.

Gibt es magische Orte in Deutschland?

Natürlich die Hotspots wie die Externsteine im Teutoburger Wald oder den Brocken im Harz. Aber rituelle Orte sind überall – oft erkennbar an Flurnamen, die Heilige oder böse Mächte zitieren, wie etwa der Berliner Teufelssee.

Wie haben Sie sich als Biologe und Wissenschaftsjournalist dem Thema Magie genähert?

Ich bin der Ansicht, dass Wissenschaft sich vielen Erfahrungen und Einsichten reflexhaft zu früh verschließt und ihre ureigene Aufgabe vernachlässigt, sich immer wieder zu verändern, indem sie Neues in sich aufnimmt. Alle großen Erkenntnisse sind doch intellektuelle Durchbrüche, die uns das Alte haben verwerfen lassen. Ich war da als Journalist zum Glück freier als die Forscher.

Andreas Weber schreibt in seinem neuen Buch "Indigenialität" über Dekolonialisierung, innere Wildheit, wahre Lebendigkeit und eine neue Kultur.

Haben Sie auch über Ihren eigenen Tellerrand geguckt?

Ich musste durchaus springen. Das war eine wichtige Erfahrung. Es ist mir ein Anliegen, Wege zu beschreiben, die Auswege aus dem Dilemma unserer Gesellschaften zeigen können. Wir zerstören die Natur und damit auch uns. Auch daraus entwickelt sich die Frage: Gibt es andere Formen der Sicht auf uns selbst, auf den Kosmos und das Miteinander, als die, die uns dorthin gebracht haben, wo wir jetzt stehen?

 

Lesen Sie auch die Titelgeschichte "Magisches Deutschland" in Heft 2/2019 des National Geographic-Magazins!

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