Geschichte und Kultur

Hightech im Königsgrab: Rätsel um reichen Frühchristen in England

Lange glaubten Forscher, dass das Prittlewell-Grab dem ersten christlichen König von Essex gehörte. Neue Erkenntnisse schließen diese Option nun aus. Montag, 13 Mai

Von Roff Smith

Sie galt als einer der aufregendsten archäologischen Funde in Großbritannien seit Jahrzehnten: eine unberührte angelsächsische Grabkammer, die während eines Straßenbauprojekts bei Prittlewell in der englischen Grafschaft Essex entdeckt wurde. Damals im Jahr 2003 hatten die Archäologen sie auf Anfang bis Mitte des 7. Jahrhunderts datiert. Im Hinblick auf die christlichen Kreuze, die sich unter den Grabbeigaben befanden, spekulierten sie, dass es sich um das Grab von König Sæberht handelte, der als erster König von Essex zum Christentum konvertierte.

Aber seither ist viel geschehen. Insgesamt 40 Spezialisten des Museum of London Archaeology (MOLA) haben dem Grab Stück für Stück seine Geheimnisse entlockt. Mit einem Aufgebot moderner Techniken – von CT-Scans bis zur Bodenmikromorphologie – haben Experten aus zahlreichen Feldern, von Ingenieuren bis zu Kunsthistorikern, eine detaillierte Rekonstruktion der Grabkammer und ihrer Artefakte erstellt. Dank ihnen wissen wir heute, wie die Kammer am Tag des Begräbnisses wohl ausgesehen hat.

Eine Zusammenfassung der aktuellen Forschungsergebnisse wurde auf der Website veröffentlicht, die sich rund um die Grabkammer dreht, darunter auch eine neue Datierung des „Prinzes von Prittlewell“. Sie schließt König Sæberht als Grabinhaber aus, wirft dabei aber neue spannende Frage um das frühe Christentum in diesem Teil Englands auf.

Kleine Proben, große Funde

Zu den faszinierendsten Funden in der Grabkammer gehörten die Überreste einer Leier – das erste vollständige angelsächsische Exemplar, das je gefunden wurde. Der hölzerne Korpus des Instruments ist fast vollständig verrottet, sodass davon kaum mehr als ein Fleck im Boden übrig ist, in dem noch ein paar Holzreste und Metallbeschläge lagen.

Um den kostbaren Fund zu erhalten, wurde der verfärbte Bodenbereich sorgsam als Block ausgehoben und zur weiteren Untersuchung ins Labor transportiert. Der vermeintlich karge, bröckelige Fund offenbarte jedoch eine Fülle an historischen Details. „Es ist erstaunlich, was man von ein paar Flecken am Boden und ein bisschen organischer Materie alles erfahren kann“, sagt Sue Hirst, eine MOLA-Expertin für angelsächsische Begräbnisse und eine der Spezialistinnen, die an dem Projekt mitgewirkt haben. CT-Scans und Mikroausgrabungen offenbarten die gesamte Kontur der Leier im Detail. Sie bestand aus Ahornholz und hatte einen hohlen Klangkörper sowie Wirbel aus Esche. Zwei verzierte Kupferscheiben mit eingelassenen Steinen aus Granat hielten den Steg an den Armen.

„Aufgrund des Detailgrades konnten wir sogar erkennen, wo das Instrument irgendwann mal gebrochen ist und repariert wurde“, so Hirst. „Da auch einige Tierhaare vorhanden waren, schlossen wir daraus, dass es in einer Tasche aus Tierhaut aufbewahrt wurde.“

Mithilfe der Raman-Spektroskopie wurde die chemische Zusammensetzung der Granatsteine in den Kupferbeschlägen analysiert. Die Ergebnisse deuten darauf hin, dass sie entweder aus Indien oder Sri Lanka kamen. Zusammen mit der Kupferflasche aus Syrien und den Goldmünzen aus dem Frankreich der Merowinger verdeutlichen die Grabbeigaben, dass der Verstorbene Zugang zu einem gut ausgebauten Handelsnetz hatte.

König Sæberht abgesetzt

Da der Großteil der organischen Materie im Prittlewell-Grab in dem sauren Boden verrottete, war eine Radiokarbondatierung in diesem Fall eine schwierige Angelegenheit, wie Hirst erklärt. Aber dank der Beschleuniger-Massenspektrometrie, die schon mit geringen Materialmengen gute Ergebnisse liefert, konnten die Forscher ein Trinkhorn und einen hölzernen Becher sehr genau datieren. Die Gegenstände zeigten, dass das Prittlewell-Begräbnis tatsächlich in einem Zeitraum zwischen 575 und 605 n. Chr. stattfand – viel zu zeitig, um als Grab von Sæberht infrage zu kommen. Der König starb im Jahr 616.

Wer genau der christliche Adelige war, der dort zur Ruhe gebettet wurde, bleibt vorerst ein Mysterium. Aufgrund des sauren Bodens blieb vom Skelett nicht mehr erhalten als einige Reste des Zahnschmelzes. Der Stil der Gewandschnallen und die Beigabe von Waffen lassen auf einen Mann schließen, womöglich ein Heranwachsender. Ausgehend von der relativen Position der Zahnfragmente, der Blattgoldkreuze auf seinen Augen, der Gürtelschnalle an seiner Taille und seinen Schuhschnallen vermuten die Forscher, dass er etwa 1,70 Meter groß war.

„Abgesehen davon können wir nur mit Sicherheit sagen, dass er einen hohen Status hatte und eindeutig Christ war“, sagt Hirst. „Die Kreuze aus Blattgold, die auf seinen Augen platziert wurden, sind ganz klar ein persönliches Bekenntnis zum Christentum. Wir wissen, dass [Augustin von Canterbury, der als Begründer der Church of England gilt] im Jahr 597 aus Rom kam, um diesen Teil Britanniens zu missionieren. Aber die Mehrheit der Befunde in diesem Grab deuten darauf hin, dass es aus den 580ern oder 590ern stammt.“

Hirst zufolge besteht eine Möglichkeit darin, dass es sich bei dem Bestatteten um Sæberhts Bruder Seaxa handeln könnte, und dass das Christentum inoffiziell schon ein paar Jahre früher in die Region kam, in diesem Fall durch König Æthelberht von Kent und seine christliche Frau Bertha. Æthelberhts Schwester Rocila heiratete Sledda, den König von Essex und Vater von Sæberht und Seaxa.

„Aber das ist alles nur Spekulation“, merkt Hirst an. „Wir haben alles erfahren, was wir mit unseren aktuellen Technologien und finanziellen Mitteln in Erfahrung bringen können. Es gibt noch viel zu entdecken, aber daran können sich dann künftige Forscher versuchen.“

Der Artikel wurde ursprünglich in englischer Sprache auf NationalGeographic.com veröffentlicht.

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