Kleine Geschichte der Erschöpfung: Leben wir in der anstrengendsten Zeit?

Heutzutage ist die Technologie schuld daran, dass wir ständig müde sind. Im 18. Jahrhundert war es die Masturbation. Im Mittelalter eine geistige Schwäche.Mittwoch, 4. März 2020

Die heutige Zeit muss die anstrengendste in der Geschichte der Menschheit sein: Dauernd gibt es neue Nachrichten zu lesen, E-Mails zu beantworten, Arbeit zu erledigen, Fotos zu posten – und all das nach Nächten, in denen man zu wenig Schlaf bekommen hat. Oder?

Eher nicht. Immer wieder haben Gelehrte und Wissenschaftler im Laufe der Geschichte ihre eigene Zeit als die erschöpfendste betrachtet – und eine Reihe frevelhafter Tätigkeiten und moderner Fortschritte gefunden, die daran schuld gewesen sein sollen. Im Mittelalter war ein Grund für einen Mangel an Energie beispielsweise dämonische Besessenheit. Im 18. Jahrhundert war es exzessive Masturbation. Im Industriezeitalter war es die kapitalistische Ermüdung.

„In vielen Zeitaltern gab es die Tendenz, die eigene Zeit als die erschöpfendste darzustellen – als wäre Erschöpfung eine Auszeichnung und der Wettbewerb um den ersten Platz eine Sportart“, schreibt Anna Katharina Schaffner in ihrem Buch „Exhaustion: A History“.

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Im Interview mit National Geographic spricht die Literatur- und Medizinprofessorin von der University of Kent darüber, wie wir seit jeher mit der Erschöpfung kämpfen – ob wir sie nun als Todsünde oder als Burnout bezeichnen.

Was genau ist Erschöpfung?

Die Art von Erschöpfung, mit der ich mich befasse, kann gar nicht so leicht mit körperlichen Symptomen beschrieben werden. Ich interessiere mich eher für die unscharfe Art, die im Grenzbereich zwischen Körper und Geist existiert. Solche Erschöpfungssymptome tauchen in der ganzen Geschichte immer wieder in Form unterschiedlicher Syndrome auf, die Erschöpfung auf radikal unterschiedliche Weise beschreiben. Die Gesundheit und das Wohlbefinden des Individuums und der Gesellschaft beeinflussen einander. Ich glaube, dass solche Erschöpfungstheorien tatsächlich Barometer für größere medizinische und soziale Veränderungen sind.

Warum haben Sie sich mit den Formen der Erschöpfung im Laufe der Jahrhunderte beschäftigt?

Ich komme aus Deutschland. Dort sind die Medien geradezu besessen von Burnout. Viele der Berichte darüber beginnen damit, dass irgendwer sagt: „Wir leben im anstrengendsten Zeitalter überhaupt.“ Sie alle argumentieren damit, dass das Leben früher besser war und die Menschen nie an solchem Stress und dieser Art von Erschöpfung litten, die wir erleben. Da habe ich mich gefragt, ob das wirklich stimmen kann. Historisch betrachtet haben wir alle die Tendenz, unsere Zeit als die herausfordernste zu betrachten. Wir blicken nostalgisch auf die Vergangenheit und romantisieren sie. Ich wollte wissen: Sprachen schon die alten Griechen über Erschöpfung? War das im Mittelalter ein Thema? Überraschenderweise fand ich heraus, dass sich die Menschen schon immer darum gesorgt haben, weniger Energie zu haben. Was sich im Lauf der Geschichte tatsächlich verändert hat, ist nicht, dass wir uns um Erschöpfung Gedanken machen, sondern wie wir sie erklären. 

Gibt es historische Beschreibungen von Erschöpfung, die unseren heutigen Ansichten ähneln?

Einige Theorien tauchen in leicht abgewandelter Form immer wieder auf. Derzeit sind neue Technologien sehr zentral. Die Neurasthenie-Theorien aus dem 19. Jahrhundert sind sehr ähnlich. Damals fand man auch, dass das Stadtleben uns Energie raubt und es zu viele Reize gibt. Ständig wurde unsere Aufmerksamkeit von Zügen, Autos und Telegrafen in Anspruch genommen. Man fand, dass der Rhythmus des Lebens schneller geworden war – und dass es kognitiv schwierig sei, da mitzuhalten. Man sieht auch heute noch, dass Medizinjournalisten eine tendenziöse Sicht auf das Thema haben und Dinge an ihrer eigenen Zeit kritisieren wollen. Sie pathologisieren bestimmte Tendenzen und Phänomene.

Im 19. Jahrhundert gab ein deutscher Psychiater allem Möglichen die Schuld an Erschöpfung, von „Bildern, die eine sinnliche Reaktion hervorrufen“ bis hin zu Trapezkünstlern. Was waren die seltsamsten Theorien, auf die Sie gestoßen sind?

Die Masturbationspanik, die im 18. Jahrhundert begann, war eine interessante Verschiebung weg von theologischen Modellen und hin zu medizinischen. Die Intention war es, das als Sünde zu behandeln, und den Patienten hat man mit theologischen Modellen Angst eingejagt. Die medizinische Theorie war immer noch von der Säftelehre beeinflusst. Wenn man also viel masturbierte, verlor man demnach wertvolle Lebensenergie. Und wenn man das zu oft tut, wird man blass, schwach und krank.

Die glaubten wirklich daran, dass der Verlust von ein bisschen Sperma genauso schlimm war wie der Verlust von einer großen Menge Blut. Das ist eine ganze witzige Theorie und auch ein ganz spannender Moment in der Geschichte. Man wollte die Menschen dazu bringen, im Sinne der Moral und Religion zu handeln, aber mithilfe von medizinischen Argumenten.

Astronomie und Astrologie sind uns heute auch sehr fremd in dieser Hinsicht. Damals herrschte die Vorstellung, dass unser Leben von den Bewegungen der Planeten und anderer Himmelskörper beeinflusst wird. Und wenn wir nicht in Harmonie mit den Planeten leben, kämpfen wir gegen irgendein universelles Gesetz an.

Wurde Erschöpfung je stigmatisiert?

Eigentlich galt es nur im Mittelalter als sehr negativ, erschöpft zu sein. Die Acedia, eine theologische Version der Melancholie, galt im Mittelalter als sündhaft. Erschöpfte Menschen waren damals Sünder, weil sie mental nicht stark genug waren und nicht die Willenskraft hatten, ihr Leben Gott zu widmen. 

Wann wurde Erschöpfung zur Mode?

In der klassischen Antike galt Melancholie als ein Zustand, unter dem nur besondere Individuen litten. Der Melancholiker war oft ein Künstler, Gelehrter oder Träumer. Während der Romantik verstärkte sich dieses Bild noch. Damals war Neurasthenie eine Modekrankheit, die sich viele Autoren und Künstler mit großer Leidenschaft zu eigen machten.

Den Theorien zufolge ist der Neurastheniker sehr empfindsam, kultiviert und gebildet: ein durch und durch überlegenes Geschöpf. Jeder wollte ein Neurastheniker sein. Das änderte sich zur Zeit des Ersten Weltkriegs. Die Neurastheniker wurden nicht mehr besonders ernst genommen und die Diagnose verlor an Beliebtheit.

Bei berühmten Personen wie Franz Kafka, Oscar Wilde und Virginia Woolf erhielten alle die Diagnose Neurasthenie. Wie wirkte sich Erschöpfung auf die Kunst aus?

In Dantes „Göttlicher Komödie“ dreht sich alles darum, seine spirituelle Erschöpfung zu überwinden – indem man die Höllenkreise durchschreitet. In Darwins Briefen finden sich viele Hinweise darauf, wie er seine Energiereserven mit einem strengen Regiment gemanagt hat: Er legte sich hin, um die Zeitung zu lesen, dann ließ er sich von jemandem seine Korrespondenzen vorlesen und dann machte er eine Pause.

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Charlotte Perkins Gilman schrieb eine berühmte Kurzgeschichte mit dem Titel „Die gelbe Tapete“. Darin geht es um eine Frau, die aus heutiger Sicht an postnataler Depression leidet. Sie muss sich einer Liegekur unterziehen und liegt den ganzen Tag ohne intellektuelle Stimulation in einem Raum, während sie langsam wahnsinnig wird.

Virginia Woolf musste ebenfalls eine Liegekur machen, nachdem sie die Diagnose Neurasthenie erhalten hatte. Sie hat es gehasst.

Bei der Liegekur war jegliche Bewegung verboten und man musste „vier Pint Milch“ am Tag trinken. Was für unsinnige Heilmittel gab es noch?

Ich habe eine Theorie eines Gelehrten aus der Renaissance gefunden, der sich eine Menge bizarre Rezepte für Energydrinks ausgedacht hat – mit Zutaten wie Goldstücken und Teilen von seltenen Tieren. Manchen Theorien zufolge sollte man den Verzehr von Walfleisch vermeiden, während andere Rotwein als schädlich darstellten.

Die Liegekur war sehr unappetitlich: viel Milch und viel rotes Fleisch. Der Patient sollte an Gewicht zulegen. Außerdem gab es dabei ein fieses Ungleichgewicht bei den Geschlechtern, weil die Kur hauptsächlich Frauen verschrieben wurde. Sie wurden von ihren Freunden und ihrer Familie isoliert und sollten sich dick essen.

Dachte man, dass Erschöpfung Frauen härter trifft?

Bis zum 19. Jahrhundert sprachen die meisten Theoretiker über männliche Erschöpfung, weil sie das Dilemma der „geistigen Arbeiter“ ergründen wollten – also der Männer. Die Diagnose Neurasthenie betraf aber sowohl Männer als auch Frauen. Die Frauen wurden der Gesellschaft entzogen, während Männer sich eher eine Beschäftigungstherapie suchen sollten, irgendwas Sportliches. Ein amerikanischer Arzt empfahl Ausritte in der Prärie.

Die Liegekur wurde vornehmlich Frauen verschrieben. Wenn man sich Texte vom Erfinder dieser Kur durchliest, sieht man, wie unglaublich frauenfeindlich die sind. Man könnte seine Versuche, Frauen auf das Schlafzimmer zu beschränken, als Reaktion auf die aufkeimende Emanzipationsbewegung deuten – und als Versuch, Frauen daran zu hindern, sich weiterzubilden und zu arbeiten.

Welche Art der Erschöpfung ist heutzutage in Mode?

Heute gilt es nicht mehr als stigmatisiert, wenn man sagt, dass man Burnout hat. Da hängt eher noch ein Stigma an der Depression. Aber unter einer Burnout-Diagnose leidet das Selbstbild oft nicht so sehr. Menschen mit Burnout können Menschen sein, die viel Verantwortung tragen. Selbst, wenn man nur sagt, dass man sich gestresst fühlt, klingt als, als wäre mal viel beschäftigt. In einigen europäischen Ländern gilt das sogar als medizinische Diagnose. In Schweden und den Niederlanden kann man sich mit Burnout krankschreiben lassen.

Ein Haufen "schlafender" Haie gefilmt

Warum versucht jede Generation, sich als die erschöpfteste darzustellen?

Das hat etwas damit zu tun, dass wir stolz darauf sein wollen, wenn wir glauben, dass wir in der schwierigsten Zeit leben und uns trotzdem durchschlagen. Unser Kampf klingt dann heroischer, als er vielleicht ist. Wir fühlen uns von den vollen Posteingängen und dem E-Mail-Bombardement erschlagen und denken dann, dass es das früher nicht gab und die Leute deshalb sicher ein idyllisches und harmonisches Leben hatten.

Dabei vergessen wir, dass die ihre ganz eigenen Probleme hatten, mit denen ich nichts zu tun haben wollen würde. Die mussten sich mit der Pest, Hunger und Krieg herumschlagen. Ich will unseren eigenen Stress gar nicht herunterspielen – ich glaube schon, dass Mails und Smartphones einen starken Einfluss auf unser Leben, unsere Gefühle und unsere Alltagsstruktur haben. Aber in anderen Zeiten gab es eben andere Stressfaktoren. Wir sind nicht die einzigen, die glauben, dass sie in der schlimmsten Zeit leben.

Dieses Interview wurde zugunsten von Länge und Deutlichkeit redigiert.

Der Artikel wurde ursprünglich in englischer Sprache auf NationalGeographic.com veröffentlicht.

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