Geschichte und Kultur

Das Domus-Aurea-Projekt

Als vor fünf Jahren im „Goldenen Haus“ ein Gewölbe einstürzte, schien Neros Palast für immer verloren. Doch im Bauch des Oppius-Hügels erwecken Forscher den Mythos zu neuem Leben.

Von Federico Gurgone
Bilder Von Marco Ansaloni

Als vor fünf Jahren im „Goldenen Haus“ ein Gewölbe einstürzte, schien Neros Palast für immer verloren. Doch im Bauch des Oppius-Hügels erwecken Forscher den Mythos zu neuem Leben.

Das Handy klingelte um 8.30 Uhr. Zu früh für dienstliche Informationen, viel zu früh für Höflichkeitsanrufe, dachte Fedora Filippi, die wissenschaftliche Leiterin der Domus Aurea in Rom. „Sie kamen sofort auf den Punkt: Einsturz.“ Als Filippi am Oppius-Hügel aus dem Taxi stieg, blieb sie wie angewurzelt stehen. Überall liefen aufgeregte Feuerwehrleute herum, mit Hunden suchten sie die Einsturzstelle im Park ab. „Sie wollten unbedingt ausschließen, dass jemand unter den Trümmern liegt.“ Doch die Archäologen und Restauratoren, die an den unterirdischen Ruinen des ehemaligen Nero-Palastes arbeiteten, sollten an diesem Dienstag im März 2010 erst später auf der Arbeit erscheinen, niemand war zu Schaden gekommen.

Die Überreste von Neros „Goldenem Haus“, der Domus Aurea, liegen seit fast 2000 Jahren unter dem Oppius-Hügel gleich neben dem Kolosseum begraben. 104 n. Chr. begann Apollodor von Damaskus, einer der bedeutendsten Architekten der römischen Kaiserzeit, im Auftrag des damaligen Kaisers Trajan mit dem Bau der Trajansthermen. Neros prachtvolle Stadtvilla, aus der sämtliche wertvollen Materialien entfernt worden waren, machte er zum Untergeschoss der monumentalen Bäder. Das Obergeschoss der Domus Aurea wurde abgerissen und die untere Ebene mit Mauern verstärkt. So entstand eine Reihe von unterirdischen Räumen mit Tonnengewölben, die heute versteckt unter der Erde des Hügels liegen.

Es war eines dieser Gewölbe, das an jenem Morgen vor fünf Jahren eingestürzt war und einen 60 Quadratmeter großen Krater hinter- lassen hatte. Aber paradoxerweise hatte das Desaster letzten Endes sogar positive Folgen. „Der Einsturz war ein Wendepunkt, ein Aufruf zum Handeln“, sagt Filippi. „Es war klar: Wir brauchten einen Plan, wie wir den Palast retten können. Diagnosen reichten nicht mehr.“ Nachdem das eingestürzte Gewölbe entfernt war, stellte sich heraus, wie fragil die Mauern waren und dass sie den Park, der auf ihnen lastete, nicht mehr tragen konnten. Als Feinde der Domus Aurea identifizierten die Archäologen in den folgenden Tagen vier „Hauptverdächtige“: die schwache Bausubstanz des Gebäudes, das Gewicht des Parks, die Schäden, die Wurzeln verursacht hatten, und das eindringende Wasser.

Außen und innen, oben und unten – im Organismus Domus Aurea ist das untrennbar miteinander verbunden. Das haben die Römer nun erkannt. „Zum ersten Mal gehen wir das Problem wirklich ganzheitlich an. Und wir werden nicht aufhören, ehe wir den Palast gerettet haben, selbst wenn es noch einmal fünf Jahre dauern sollte“, sagt Filippi.

Die Archäologin Elisabetta Segala wird fast zur Dichterin, wenn sie die Malereien an den Wänden und Gewölben betrachtet, die die Restauratoren heute wieder zum Leben erwecken. „Die Bauten und Fresken in Pompeji sind sicher außergewöhnlich. Aber hier, im Inneren des Oppius-Hügels, können wir uns auf den Flügeln des Mythos durch das einzige erhaltene kaiserliche Gebäude tragen lassen.“ Achill wandelt in Frauenkleidern zwischen den Mädchen von Skyros, Odysseus blendet Polyphem, Hektor verabschiedet sich von Andromache. Nero ließ sich von der Pracht kampanischer Villen inspirieren und erkühnte sich, den größten und schönsten Palast des Imperiums zu bauen. „Die Architektur der Anlage sollte ein Ausdruck von Macht sein. Denn Nero wollte eine absolute Monarchie“, sagt Segala.

„Endlich ein Haus, das eines Menschen würdig ist“, sagte der Kaiser damals. Heute ist es nicht mehr möglich, die großartige Architektur, einst eingebettet in eine Landschaft zwischen Palatin, Caelius und einem künstlichen See, zu bewundern. Es blieb nur der Pavillon erhalten. Doch die Überreste genügen, um einen Ein- druck von der Pracht des Palastes zu vermitteln.

Es ist ein enormer Kraftakt, ein derart gewaltiges Monument zu sanieren. Auch die Parkanlage wird neugestaltet; sie soll eines Tages an die geometrischen römischen Gärten erinnern, wie sie die römischen Schriftsteller Columella und Plinius beschrieben haben. Allerdings wird nur etwa die Hälfte des Parks erhalten bleiben. Die Schäden, die die Wurzeln der Bäume verursachen, wenn sie zum unterirdischen Palast durchstoßen, lassen den Restauratoren keine andere Wahl. „Wir müssen uns entscheiden: entweder die Domus Aurea oder die Pflanzen“, sagt die Direktorin Filippi. Die Bäume werden herausgerissen, die Erde wird abgetragen, und zwar bis zu 3,50 Meter tief. Dann wird der Garten auf dem „tiefergelegten“ Erdboden komplett neu angelegt. Aber nicht, bevor noch eine Isolierschicht in das Erdreich eingezogen wurde, um die antike Bausubstanz vor Witterungseinflüssen zu schützen.

Der Aufwand ist ohnehin immens, aber die Archäologen müssen auch noch zusätzliche Vorsichtsmaßnahmen treffen. Wenn sie bei­ spielsweise Bereiche freilegen, die jahrhunderte­ lang an 90 Prozent Feuchtigkeit gewöhnt waren, würde das Wasser in den Mauern und im Stuck schlagartig verdunsten – und das Gemäuer da­ durch schnell und unumkehrbar verfallen. Die Archäologen mussten sich an diese Aufgabe herantasten. Die Verfahren, die sie nutzen, wur­den im Labor getestet. Seit einem Jahr läuft auch eine Versuchsgrabung im Westteil der Domus Aurea. Unter einem großen provisorischen Zelt wird Erde abgetragen, Mauerwerk an die Ober­fläche gebracht und die Isolierschicht installiert. Ein Physiker überwacht dabei das Klima in den unterirdischen Räumen.

Von 2006 an war die Domus Aurea für Be­sucher dauerhaft geschlossen; seit dem ver­gangenen Herbst gibt es zumindest an den Wo­chenenden wieder Führungen für Gruppen. 60 Millionen Euro Fördergeld fließen in das Pro­jekt. Etwa 70 Experten arbeiten auf dem Hügel und in seinem Bauch – Archäologen, Restaura­toren, Architekten, Ingenieure, Physiker, Che­miker, Biologen, Botaniker und Agrarwissen­schaftler, auch Spezialisten vom Deutschen Archäologischen Institut in Rom. Das klingt nach einem großen Team. Doch im Palast gibt es 150 Räume, sie erstrecken sich teilweise über eine Länge von 240 Metern. Die Fresken und Stuckarbeiten an Wänden und Gewölben be­decken etwa 30.000 Quadratmeter – eine Fläche, 30­mal so groß wie in der Sixtinischen Kapelle.

Das mächtige Monument der Domus Aurea könnte nun langsam die Aufmerksamkeit be­kommen, die seiner Größe entspricht. „Man muss nur ihren Namen erwähnen, und schon zieht sie selbst Menschen in ihren Bann, die sie noch nie gesehen haben. Es gibt viele Am­phitheater, aber nur eine Domus Aurea“, sagt Filippi. Wenngleich die Bedeutung der Anlage lange Zeit unterschätzt wurde. „Zu der Zeit, als ich an der Universität war, war sie noch kaum bekannt, und auch in den Lehrbüchern fand man sie selten.“ Bis heute gibt es keine vollstän­dige Veröffentlichung über Neros Bauwerk. Zwar wurden mehrere 3­D-­Rekonstruktionen angefertigt, aber sie sind nicht immer genau.

Die wiedergewonnene Anziehungskraft hat bestimmt auch mit Neros umstrittenem Ruf zu tun. Dass sein Palast von der Erde ver­schluckt wurde, macht diese unterirdische Ruine nicht minder geheimnisvoll. Die Domus Aurea kann ohnehin im wahrsten Wortsinne verwirrend sein. Besucher fühlen sich dort un­ten oft desorientiert. Es fällt schwer, sich vor­ zustellen, dass all das hier ursprünglich ganz anders aussah, dass der klare farbige Marmor das helle Sonnenlicht von den Wänden und Böden in die Säle warf und dass die Architek­tur mit dem ständigen Wechsel zwischen dem kunstvollen Innen und der prächtigen Natur draußen spielte.

Heute ist selbst die schwache künstliche Be­leuchtung trügerisch. Um den Wuchs von Al­gen, Pilzen und Flechten einzudämmen, werden Weißlicht­-LEDs eingesetzt, die nicht mehr als 35 Lux pro Raum abgeben (ein Büro wird mit etwa 500 Lux ausgeleuchtet). Man braucht viel Phantasie, um in der Dunkelheit des 21. Jahr­hunderts den goldenen neronischen Barock zu erkennen, der sich durchaus messen könnte mit den illusionistischen Perspektiven, die ein Fran­cesco Borromini 16 Jahrhunderte später schuf.

Vor welchen Herausforderungen die Restau­ratoren stehen, sieht man am besten in „Raum 41“. Vor Beginn der Arbeiten war das zwölf Meter hohe Gewölbe einsturzgefährdet. Der Ver­fall war weit fortgeschritten, vor allem wegen des Wassers, das die Wurzeln der Steineichen nach unten tragen. Sie haben sich aus dem Park in den Bereich zwischen der Gewölbedecke und der verzierten Oberfläche gedrückt.

„Um die Fresken am Gewölbe zu retten, mussten wir insgesamt etwa 30 Quadratmeter von ihnen ablösen. Eine riskante Entscheidung, aber sie war unvermeidlich“, sagt Maria Bartoli, die für die Restaurierung der Malereien zustän­dig ist. Die Restauratoren wollten die Dekora­tion erhalten, bis hin zu den kleinsten Details des Blattgoldüberzugs. Deshalb benutzten sie das Trennmittel Cyclododecan, einen Kohlen­wasserstoff, der vollkommen reversibel ist. Sie trugen das Mittel dünn auf die bemalte Ober­fläche auf, dann klebten sie Baumwollbinden darüber. Abschnitt für Abschnitt lösten sie die Bemalung ab und brachten sie schließlich in einen Raum mit identischen klimatischen Be­dingungen. Wenn die Restaurierung des Ge­wölbes beendet ist, wird die Bemalung wieder angebracht.

Diese Arbeit wäre nie in Angriff genommen worden, hätte man die Gemäldeschicht nicht zunächst stabilisiert, denn sie war bereits zu Pulver geworden. Man brauchte sie nur zu streifen, schon klebte die Farbe an den Fingern. Alessandro Danesi, der diese heikle Aufgabe verantwortet, verbrachte mehr als zwei Monate damit, in Alkohol gelöste Kalk-Nanopartikel aufzusprühen. „Innerhalb von Minuten war die Luft so gesättigt mit der Lösung, dass wir oben auf dem Gerüst selbst mit Gasmasken nicht mehr arbeiten konnten“, erzählt der Restaurator. „Wir haben dann ein Absaug- und Filtersystem installiert, das mit dem Nebenraum verbunden war.“ Dabei durfte möglichst kein Luftzug entstehen, der das Klima verändert hätte. Denn selbst Kleinigkeiten können die Balance gefährden. Wenn sich zwei Personen nur eine Stunde in dem Raum aufhalten, erhöht sich die Temperatur bereits um ein Grad, was zu einer starken Vermehrung von Pilzen führt.

In den feuchten Räumen der Domus Aurea endet der Arbeitstag um 16.30 Uhr. Fünf Minuten vorher versammeln sich die Arbeiter in der Aula Ottagonale. Dieser Saal mit seinem kühnen achteckigen Entwurf war das Zentrum des Pavillons auf dem Oppius-Hügel und bot einen Blick über Haine voller wilder Tiere und Neros künstlichen See. Hier standen möglicher-weise die Originale der Bronzestatuen „Sterbender Gallier“ und „Galliergruppe Ludovisi“, die im Jahr 64 von der Akropolis von Pergamon geraubt worden waren.

Wegen seiner Größe und weil er nah am Ausgang liegt, dient der Saal heute als unterirdische Einsatzzentrale für die Bauunternehmen, die auch ihre Gerätschaften und Materialien hier lagern. Jeden Nachmittag, bevor sie nach Hause gehen, müssen die Arbeiter mithilfe eines Kompressors den Schmutz von ihrer Kleidung entfernen. Dann steigt eine dicke Staubwolke zum Opaion auf, zur großen runden Öffnung in der Kuppel des Oktagons, die ein wenig Licht in die Düsternis lässt.

Im Kryptoportikus, dem Gewölbegang im hinteren Teil des achteckigen Speisesaals, dringt hingegen kein Licht durch die Fenster. Während in anderen Bereichen die Sonnenstrahlen wie Honig von den Marmorwänden und den Einlegearbeiten aus Blattgold heruntertropften und den Raum in warmes Licht hüllten, hatten die Architekten hier einen Chiaroscuro-Effekt geschaffen, so dass Licht und Schatten eigene scharfe Linien in den Raum zauberten.

Ja, die Domus Aurea führe ein eigenes, magisches Leben, sagt Filippi. „Sie ist wie ein riesiges dunkles Wesen, das auf alle Einflüsse von Außen reagiert, teilweise unberechenbar. Erst durch Vermessung, Forschung und Restaurierungsarbeiten kannst du sie besser verstehen.“

Das verschüttete „Goldene Haus“ wurde im späten 15. Jahrhundert von Künstlern wiederentdeckt, die in die Gänge hinabstiegen und alles abzeichneten, was sie dort sahen. „Diese Männer standen dort unten auf hohen Erdhaufen, unter denen vielleicht noch etwas anderes, größeres lag. Sie müssen sich wie Riesen auf den Schultern von Riesen gefühlt haben“, schwärmt Filippi.

Später schufen die Künstler Werke nach den Vorbildern an den Wänden der Ruine. Es war die Zeit der Renaissance, und die Malerei der Domus Aurea war ein Kommunikationsmittel, das den Malern von der Kunst der antiken Klassik erzählte. Die Werke der Meister wiederum trugen diese Geschichte bis in die heutige Zeit weiter, in die Moderne. Auch das Wiederentdecken hatte an diesem Ort schon immer eine gewisse Größe und Bedeutung.

„Wir teilen dieses Privileg heute mit ihnen“, sagt Filippi. Aber sie will noch mehr. „Wir wollen der Domus Aurea ihre Würde zurückgeben. Sie hat viele Leben gelebt, aber sie blieb immer einzigartig. Wir werden sie erhalten und ihre Zukunft planen, ohne sie zu verraten, denn man darf sie nicht dem Tourismus in den Rachen werfen. Ihr Charme sollte das Erbe einer Menschheit sein, die noch ihr eigenes Schicksal zu gestalten weiß.“

Filippi zeigt auf einen schwarzen Greif mit roten Flügeln. „Jetzt“, sagt sie, „erwacht die Domus Aurea ein drittes Mal zum Leben.“

(NG, Heft 02 / 2015, Seite(n) 71 bis 75)

Wei­ter­le­sen