Geschichte und Kultur

Die Mythen der Bibel (Extra): Babylon

Nur wenige Stunden, dann wird Babylon wieder den Atem anhalten. Trommelschläge künden schon vom Ereignis, Räucherwerk weiht die Luft.

Von Hans-Joachim Löwer
Bilder Von Pierre Adenis/Laif; Erich Lessing/AKG-Images

Nur wenige Stunden, dann wird Babylon wieder den Atem anhalten. Trommelschläge künden schon vom Ereignis, Räucherwerk weiht die Luft. Ein Priester mit einer Fackel tritt in den Tempel Esagila, den Wohnsitz des höchsten Gottes Marduk, besprengt die Mauern mit Wasser aus dem Euphrat und salbt die Türen mit Zedernharz. Ein Schafbock wird enthauptet, das Blut an die Wände gestrichen. Beschwörungsformeln, überliefert seit Generationen, erfüllen die Halle, in der sich die Zeremonienmeister versammelt haben. Dann wird das tote Tier zum Strom hinuntergetragen und in die Fluten geworfen. Es soll symbolisch alle Sünden des abgelaufenen Jahres mitnehmen. Tags darauf, so will es das Ritual, folgt der menschliche Sühneakt. Priester und Tempelverwalter sehen mit starren Gesichtern zu, wie Nebukadnezar II., der mächtigste aller Herrscher Mesopotamiens, zu einem Büßer gedemütigt wird. Ring, Zepter und Krone, die Zeichen seiner Macht, werden ihm abgenommen. Sie liegen nun zu Marduks Füßen, und der König muss auf die Knie. "Ich habe nicht gesündigt, o Herr des Landes", spricht er vor der Statue des Weltenschöpfers, "ich habe deine Göttlichkeit nicht vernachlässigt, ich habe Babylon keinen Schaden zugefügt ..." Der höchste Priester schlägt ihm zweimal auf die Wange, zieht ihn an den Ohren, gibt ihm Ohrfeigen. Unfassbar, was sie mit ihm tun, zum Glück sieht das niedere Volk nicht zu. Erst als dem Regenten die Tränen herunter laufen, lassen sie ab. Marduk, der Herr des Himmels, ist zufrieden. Und sein Statthalter Nebukadnezar, der Herr der Stadt und des Reichs an Euphrat und Tigris, erhält seine Insignien für ein weiteres Amtsjahr zurück.

Wie stark muss ein König sein, dass er so etwas mit sich machen lässt? Alle weltliche Macht ist nichts, wenn sie nicht einer noch höheren dient. Das ist die Botschaft von Babylon. Wie ein ewiger Mahnruf weht sie über die Dächer der Stadt. Sie sät Furcht in die Herzen der Menschen - aber sie bringt ihnen auch neuen Mut und neue Kraft. Vier Tage nach dem Züchtigungsakt erreicht das elftägige Neujahrsfest, die Mutter aller babylonischen Feste, einen weiteren Höhepunkt. Die Steinfigur des Marduk wird vom Tempel Esagila, dem "Haus, das sein Haupt hoch erhebt", über eine 24 Meter breite Prozessionsstraße aus weißen und roten Platten zu einem Festhaus am Stadtrand getragen, wo ein riesiges Bankett aufgebaut ist. Tausende säumen den feierlichen Zug. Nur bei dieser Feier sehen sie beide, den Mächtigen und den Allmächtigen. Schließlich, am elften Tag, kehrt Marduk nach Esagila, zu seiner irdischen Residenz, zurück. Nebukadnezar II. und seine Priester durchschreiten ein Stadttor, wie es die Welt noch nicht gesehen hat. Es ist mehr als 14 Meter hoch, wird von treppenartigen Zinnen gekrönt und übertürmt einen zweifachen Mauerring. Auf gebrannten, blau glasierten Ziegeln blinken weiße und gelbe Relieffiguren in der Sonne: schreitende Stiere, die Symbole der Fruchtbarkeit und des Wettergotts Addad, und schreitende Drachen in Schuppenkleidern - Marduk-Sinnbilder mit Vorderbeinen wie Geparde und Hinterbeinen wie Raubvögel. Jedes Wesen hat einen Schlangenkopf mit gespaltener Zunge, zwei Hörner wie eine Hornviper und am Schwanz einen Stachel.

In Sichtweite des Herrscherpalasts, dessen festungsartige Mauern vom Flussufer in die Höhe steigen, steht ein Bauwerk, das an Höhe alles übertrifft, was die Menschen im alten Orient bis dahin errichtet haben. Etemenanki, so wird die siebenstufige Zikkurat genannt, "Haus, das das Fundament des Himmels und der Erde ist": ein 90 Meter hoher Turm aus Stampflehm mit einer mehr als zehn Meter dicken Backsteinschale, zu seinen Füßen ein 500 Meter langes und 400 Meter breites, von Mauern gerahmtes Hofareal. Als Sinnbild menschlicher Hybris wird der "Turm von Babel" später in die Bibel Eingang finden - und ist doch genau das Gegenteil dessen: der Ausdruck tiefster Frömmigkeit. Wie eine Weltenachse soll er den Grundwasserspiegel apsu mit dem Reich der Götter verbinden. Diese Stadt, die im 6. Jahrhundert v. Chr. am Euphrat zu nie gekannter Größe heranwuchs, wurde im Laufe der Geschichte so missverstanden wie kaum eine andere. Den Ruf, ein Hort der Frevler und Götzendiener, des Lasters und der Hurerei zu sein, haftete ihr mehr als zwei Jahrtausende lang an. Begründet wurde er durch alttestamentarische Schriften. In Wirklichkeit, so wissen die Forscher heute, war Babylon das größte kulturelle Zentrum, das es in Mesopotamien je gab.

Wie ein Magnet zog die Metropole Architekten und Gelehrte aus dem ganzen Orient an. Doch die Aura, mit der sie sich umgab, war nicht nur von dieser Welt. Babylon, bewohnt von möglicherweise einer halben Million Menschen, ist mehr als die Hauptstadt eines Reichs. "Band der Himmel", so lautet einer ihrer Titel, "Band der Länder" ein anderer. Sie ist "von den Göttern geschaffen und von ihnen als ihre Wohnstätte erwählt", heißt es in einer zeitgenössischen Beschreibung, "eine heilige Stadt, eine Quelle des Lebens und der Weisheit". Ihre Bewohner sehen sie als Zentrum der Welt und Sitz der Mächte, die sie für immer und ewig regieren. Nebukadnezar II., König von Gottes Gnaden, ist der mächtigste Herrscher in der Geschichte der Stadt. Sein Imperium reicht bis nach Ägypten und Kleinasien, zum Zagrosgebirge am Persischen Golf und bis zum Libanongebirge am Mittelmeer. Alle nach ihrer Glanzzeit immer noch stolzen und reichen Städte Mesopotamiens sind ihm untertan: Ur und Uruk, Mari und Larsa, Nippur und Sippar. Als Tribut schicken sie ihm Tausende Arbeiter, um am Euphrat die Stadt der Städte zu errichten: eine gigantische Mobilisierung menschlicher Kräfte, um eine religiöse Ideologie in Stein zu formen - vergleichbar dem Pyramidenbau am Nil.

In der Genesis werden die Babylonier für ihren Turmbau mit ewiger Sprachverwirrung bestraft. Schon immer träumen die Menschen davon, das sprichwörtliche "babylonische Sprachgewirr" zu überwinden - was bis heute nicht gelang. Übersetzungsprogramme wie Babel Fish oder Babylon Translator fabrizieren immer noch fehlerhafte bis gänzlich unverständliche Texte.

(NG, Heft 7 / 2008, Seite(n) 34)

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