Geschichte und Kultur

Die Polygamisten

Sie halten ehern fest an der Mehrfachehe. Nach einem Skandal in Texas stehen die Sektierer nun in der Kritik - und vor Gericht. Doch die Mitglieder der „Fundamentalistischen Kirche Jesu Christi der Heiligen der Letzten Tage“ verteidigen ihre Überzeugung.

Von Scott Anderson
Bilder Von Stephanie Sinclair
Die Polygamisten

Die ersten Trauernden treffen gegen sechs Uhr abends im Gemeindezentrum von Colorado City im US-Bundesstaat Arizona ein. Eine halbe Stunde später reicht die Warteschlange bereits bis zum Parkplatz. Um sieben Uhr ist sie dann schon Hunderte Meter lang. Es sind mehrere tausend Gläubige. Männer und Jungen in Anzügen, Frauen und Mädchen in pastellfarbener Prärietracht. Sie nehmen Abschied von der 68-jährigen Foneta Jessop, die einem Herzinfarkt erlegen ist. In einem riesigen Saal steht der offene Sarg, neben ihm ihr Mann Merril, am unteren Ende ihre Söhne. Hinter Merril warten die übrigen Ehefrauen, alle in identischen weißen Kleidern. Foneta war die Erste, die er geheiratet hat.

Colorado City ist ein besonderer Ort. Zusammen mit Hildale im US-Bundesstaat Utah ist er die Geburtsstätte der „Fundamentalistischen Kirche Jesu Christi der Heiligen der Letzten Tage“ (FLDS), einem polygamistischen Ableger der Kirche der Mormonen, der „Kirche Jesu Christi der Heiligen der Letzten Tage“ (LDS). Hier, an der Grenze zwischen Utah und Arizona, siedelten sich in den zwanziger und dreißiger Jahren des 20. Jahrhunderts eine Handvoll polygamer Familien an. Die Mormonen-Führung wollte mit der Vielehe brechen, um von Amerikas Öffentlichkeit akzeptiert zu werden. 1935 stellte sie den Bewohnern dieser Siedlungen ein Ultimatum: Abkehr von der Vielehe oder Exkommunikation. So gut wie alle weigerten sich und nahmen den Ausschluss in Kauf.

Beim Gottesdienst für die Verstorbene halten ihr Ehemann und ihre drei Söhne Reden, in denen sie betonen, wie sehr sich Foneta dem religiösen Grundsatz der Vielehe verbunden gefühlt habe. Aber aus den Sätzen wird auch erkennbar, welchen Konflikt die Familie hatte. Der Mann macht Andeutungen über seine schwierige Beziehung zu Foneta. Und für jedermann ist sichtbar, dass Carolyn, seine vierte Frau, fehlt. Sie hat 2003 mit ihren acht Kindern die Familie verlassen und danach einen Bestseller über ihr Leben als FLDS-Mitglied verfasst. Sie beschreibt darin eine geradezu klösterliche Enge. Foneta habe die Gunst ihres Ehemanns verloren und tagsüber meist nur geschlafen. Erst am Abend sei sie aus ihrem Zimmer gekommen, um zu essen, Wäsche zu waschen und im Fernsehen alte Filme anzuschauen.

Nach dem Gottesdienst gehen die meisten Trauergäste zum Friedhof. Dass so viele aus FLDS-Gemeinden in Texas und Colorado und sogar aus dem kanadischen British Columbia angereist sind, liegt nicht nur in der prominenten Stellung des Ehemanns: Merril Jessop ist Bischof einer großen Gemeinde in Westtexas. Der mir zugeteilte Begleiter Sam Steed, ein sanftmütiger 37-jähriger Buchhalter, erklärt, Beerdigungen würden immer zu großen Zeremonien. „So ein Ereignis gibt es 15- bis 20-mal im Jahr“, sagt er. „Selbst wenn ein kleines Kind stirbt, können Sie mit 3000 bis 4000 Trauergästen rechnen. So ist bei uns der Zusammenhalt. Wir fühlen uns als Mitglieder einer größeren Gemeinschaft. Wir geben uns gegenseitig Kraft.“

Kaum jemand in den USA hatte bis April 2008 von dieser fundamentalistischen Abspaltung der Mormonen gehört. Dann aber gab es Fernsehbilder von einer Razzia auf einer entlegenen Ranch mit dem Namen „Yearning for Zion“ („Sehnsucht nach Zion“) in Westtexas: Hunderte Kinder und Frauen, Letztere in altmodischer Prärietracht und mit kunstvoll hochgestecktem Haar, wurden von Polizisten und Sozialarbeitern in Schulbussen weggebracht.

Der Einsatz war durch mehrere Telefonanrufe bei einem Frauenhaus ausgelöst worden. Eine angeblich 16-Jährige hatte darin geklagt, sie werde auf der Ranch von ihrem deutlich älteren Ehemann sexuell missbraucht und geschlagen. Die Behörden hielten die Anrufe für glaubwürdig, da die Bewohner der Ranch Anhänger der FLDS und ihres „Propheten“ Warren Jeffs waren. Der war 2007 von einem Gericht in Utah schuldig gesprochen worden, die 14-jährige Elissa Wall und ihren 19-jährigen Cousin Allen Steed getraut zu haben. Die Behörden hatten freilich nicht genug Beweise, um mehr als 400 Minderjährige auf Dauer unter ihrer Obhut zu behalten. Die meisten Kinder kehrten daher binnen zwei Monaten zu ihren Eltern zurück.

Aber viele dieser Teenager waren schwanger oder hatten schon Kinder. Sie waren mit deutlich älteren Männern verheiratet - „versiegelt“, wie es in der Sprache der Mormonen heißt. Die Ehen, von Staats wegen illegal, waren innerhalb der FLDS geschlossen worden. Daher wurden zwölf Kirchenmitglieder, darunter Warren Jeffs, wegen Straftaten wie Bigamie und sexuellen Missbrauchs von Jugendlichen angeklagt. Raymond Jessop wurde im November 2009 in einem Punkt schuldig gesprochen. Die Verfahren gegen die übrigen Angeklagten sind für 2010 anberaumt.

Der Arizona Strip ist weites Hügelland mit Wüstensalbei, Pinyonkiefern und Wacholder. Es erstreckt sich von der Grenze Utahs gen Süden bis zum 80 Kilometer entfernten Nordrand des Grand Canyon. Zwei ummauerte Siedlungen, Hildale und Colorado City, liegen inmitten von Ackerland; Short Creek lautet ihr alter Name. „Als Junge kam ich zum ersten Mal nach Short Creek“, sagt Joe Jessop, ein Bruder von Merril. „Damals gab es ganze sieben Häuser. Es war richtiges Pionierland.“ Heute ist Short Creek mit etwa 6000 Einwohnern die größte Gemeinde der FLDS. Der 88-Jährige hat auf zweierlei Weise zu diesem explosiven Bevölkerungswachstum beigetragen.

Zum einen ist er der „Wassermann“. Er hat sich selber Ingenieurkenntnisse beigebracht und half mit, das weitläufige Netzwerk von Wasserleitungen, Kanälen und Staubecken anzulegen, mit dem das ausgedörrte Plateau seit Jahrzehnten bewässert wird. Zum anderen ist er der Patriarch einer Familie mit 46 Kindern und 239 Enkeln. „Meine Familie kam aus dem gleichen Grund nach Short Creek wie alle anderen auch“, sagt er. „Wir wollten das Gebot der Vielehe erfüllen und das Königreich Gottes errichten.“
FLDS-Mitglieder beschreiben das Leben, das die Jessops und andere Gründerfamilien führen, als idyllisch. Hier werde traditionelle Hingabe und nachbarschaftliche Hilfe noch großgeschrieben, und Kinder wüchsen in einer heilen Umgebung auf, ohne Fernsehen, Junkfood und soziale Zwänge. Kritiker hingegen sehen die FLDS als isolierten Kult, dessen Anhänger durch rigorose soziale Kontrolle zermürbt würden und die auf verstörende Weise einem Mann die Treue halten: ihrem „Propheten“ Warren Jeffs, der sich als Sprecher Gottes auf Erden sieht. Die meisten Bewohner meiden den Kontakt zu Fremden. NATIONAL GEOGRAPHIC wurde erst nach Billigung durch die Kirchenführung Zugang gewährt. Sie hatte darüber mit dem im Gefängnis sitzenden Warren Jeffs beraten.

Die Gemeinde versucht, sich so weit wie möglich selbst zu versorgen. Ihre Mitglieder bauen Obst und Gemüse an, führen Hotels, Werkzeug- und Maschinenbaubetriebe. Jeden Samstag gehen die Männer im Gemeindezentrum eine Liste von Bau- und Wartungsprojekten durch, für die Freiwillige gebraucht werden. Einmal bauten sie an einem einzigen Tag ein Haus mit vier Schlafzimmern: vom Fundament bis zum ziegelgedeckten Dach.

(NG, Heft 2 / 2010, Seite(n) 100)

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