Geschichte und Zivilisation

Die Mythen der Bibel (I): Der Garten Eden

Es muss ein göttlicher Ort gewesen sein. Ein Ort, wo Safran wuchs und Zimt und die Heilpflanze Kalmus. Gerste, Einkorn und Grünkern. Ein Ort, an dem es weder Krankheit noch Alter gab. Weder Unglück noch Trauer, keinen Hass und keine Gewalt.

Von Christian Schüle
Bilder Von Maps, The British Library

Es muss ein göttlicher Ort gewesen sein. Ein Ort, wo Safran wuchs und Zimt und die Heilpflanze Kalmus. Gerste, Einkorn und Grünkern. Ein Ort, an dem es weder Krankheit noch Alter gab. Weder Unglück noch Trauer, keinen Hass und keine Gewalt. Ein Ort, an dem sich Auerochs, Wildschwein und Gazelle friedlich tummelten. Wo der Löwe nicht tötete und die Raben nicht krächzten und die Flüsse reich an Welsen, Karpfen, Aalen und Barben waren. Ein Ort, der Juden, Christen und Muslimen heilig ist. Eine Welt, mit sich im Reinen. Das Leben sorglos, alle Bedürfnisse gestillt. Es ist bis heute der ideale Ort für fast alle Menschen und Völker, die Chiffre der Sehnsucht nach dem Schönsten und Üppigsten, dem Glückseligen und Friedvollen. Die Werbung arbeitet mit diesem Motiv genauso wie die Priester aller Religionen. Christen und Muslimen gilt der Ort auch als das Ziel des Lebens, als Anfang und Ende der Menschheitsgeschichte.

Alle kennen diesen Ort: das Paradies. Aber gab es ihn? Gibt es ihn? Und wenn ja: Wo? Meine Suche konnte nur dort beginnen, wo diese wundersame Geschichte ihren Anfang hat: in Jerusalem. Nach allem, was Archäologen, Historiker und Religionswissenschaftler bis heute herausgefunden haben, ist die Bibel hier geschrieben worden. Um dem Paradies nachzuspüren, musste ich dort anfangen, wo die Verfasser des Alten Testaments den besten Ort der Welt ersonnen haben. Und so stand ich an einem heißen Novembertag südlich des Felsendoms in den Ruinen der Davidsstadt und las, im Lärm Tausender Touristen und rußender Busse, die magische erste Zeile des Buches Genesis*:

"Am Anfang schuf Gott Himmel und Erde." Ein paar Absätze weiter folgen die ersten Koordinaten des Paradieses: "Und Gott der Herr pflanzte einen Garten in Eden gegen Osten hin und setzte den Menschen hinein, den er gemacht hatte." Dies ist der erste Fingerzeig dafür, dass Eden der Name einer Region ist und dass es dort einen Garten gab. Eden lag "gegen Osten". Osten von Jerusalem aus gesehen? Oder der Osten einer mythischen Ferne? Vielleicht gar der symbolisch-astronomische Osten, in dem die Sonne aufgeht, das heilige Licht, also das Leben?

Der Reiz, den idealen Ort zu finden hält an, seit Menschen die Bibel lesen. In der Ära des Kirchenvaters Augustinus im 5. Jahrhundert n. Chr. hatte man das Paradies irgendwo zwischen Nil und Ganges angesiedelt. Manche wollten es im heutigen Saudi-Arabien erkennen. Später auch in der Mongolei. Und dann gar in Südamerika. Die meisten Gelehrten der Neuzeit jedoch suchten es zwischen dem antiken Mesopotamien , dem heutigen Irak und der heutigen Südtürkei. Noch im Jahr 2000 gelangte der New Yorker Anwalt und Bibelforscher Gary Greenberg zu der festen Überzeugung, es liege in On, der auf Griechisch Heliopolis genannten "Stadt der Sonne" in Ägypten. Sie war zwischen 1500 und 1070 v. Chr. ein bedeutendes Kultzentrum; geblieben sind davon nichts als ein paar Tempelruinen neben einer Müllkippe im Stadtteil El Matariyah nahe dem Präsidentenpalast von Kairo. Aus der Palette der Vermutungen und Theorien, von denen manche plausibel, viele aber auch unsinnig erscheinen, stechen drei hervor, denen ich unbedingt nachgehen wollte.

Der Reiz, den idealen Ort zu finden, hält an, seit Menschen die Bibel lesen. Vielleicht ist das Paradies aber kein geographisch bestimmbarer Ort, sondern rein fiktiv. Der Garten Eden diente den Menschen als Metapher, um zu erklären, wie das Böse in die Welt gelangte. Was meinen Sie, gab es das Paradies wirklich oder ist die Erzählung aus der Bibel bloß erfunden?

(NG, Heft 4 / 2008, Seite(n) 46)

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