Geschichte und Zivilisation

Die Mythen der Bibel (IV): Der Auszug aus Ägypten

Fand der Exodus überhaupt statt? Alle ernst zu nehmenden Bibelgelehrten bejahen es.

Von Christian Schüle
Bilder Von Kenneth Garrett/National Geographic Image Collection

Mein Auszug aus Ägypten beginnt unter den Augen von acht Sicherheitspolizisten im Marschland des Nildeltas. Sie sitzen auf den Ladeflächen zweier blauer Toyotas, die Maschinenpistolen auf dem Schoß. Seit 1977 schreibt das Gesetz vor, jeder Gast Ägyptens sei zu schützen. Wie ein Staatsmann reise ich auf den Spuren Moses’ und der Hebräer, angekündigt vom Martinshorn zweier vorausfahrender Motorräder. An diesen Straßen standen vor 3200 Jahren die Soldaten des Pharaos an bewachten Checkpoints, die Toyotas waren Streitwagen. Unbemerkt blieb und bleibt in Ägypten niemand. Auf einmal wird die Luftfeuchtigkeit höher, das Schilf dichter. Dattelpalmen stehen in Reih und Glied, es riecht nach Öl. Vorn kommt das türkisfarbene Wasser des Suezkanals in Sicht. Ein zwei Kilometer breiter Streifen längs des Kanals ist militärisches Sperrgebiet. Davor, mitten im Marschland, liegt das Dorf Abu Halaka. Hier zerfließt der Nil in Hunderte von Armen und Ärmchen. Das sämig wirkende Wasser ist mal dunkelgrün, mal hellbraun, mal nachtschwarz. Im dunstverschleierten Hintergrund erheben sich die Bergketten des oberen Sinai. Hier war einst Ägypten zu Ende. Hier begann mit dem Exodus, der Flucht aus ägyptischer Gefangenschaft, die Geschichte des Volkes Israel.

Aber fand der Exodus überhaupt statt? Alle ernst zu nehmenden Bibelgelehrten bejahen es. Die entscheidende Frage ist, wann genau er sich zutrug. Addierte man alle Jahresangaben der Bibel rückläufig, so wären die "Kinder Israels" um 1876 v. Chr. in Ägypten gewesen. Der Auszug unter Moses hätte im Jahr 1446 stattgefunden und die anschließende Landnahme Kanaans durch die Hebräer im Jahr 1406 begonnen. Nimmt man dagegen an, dass die "Kinder Israels" die königliche Hauptstadt Pi-Ramesse gebaut haben, wären sie, da Ramses II . von 1279 bis 1213 v. Chr. regierte, noch im späten 13. Jahrhundert v. Chr. in Ägypten gewesen - zwei ganze Jahrhunderte nach der Datierung in der Bibel. Jeder in Pi-Ramesse, 150 Kilometer nordöstlich von Kairo, kennt Manfred Bietak, den Direktor des Österreichischen Archäologischen Instituts in Kairo. Er gräbt seit 1966 an diesem Ort. Weiß, was unter jedem Quadratmeter Erde verborgen ist. Bietak hat eine Großstadt erkannt, mit Villen und Palästen. Eine solch große Stadt brauchte Tempel, Paläste, Wohnhäuser, Militäranlagen. "Ägypten", sagt er, "hatte einen gewaltigen Appetit auf Fremdarbeiter." Sklaven bedeuteten Wohlstand. Kriegsgefangene wurden in großer Zahl nach Ägypten verschleppt. Vermutlich auch die Protoisraeliten. Das waren die Hebräer, um die es in der Exodus-Legende geht. Erst mit dem Eintritt ins Gelobte Land kann man sie Israeliten nennen. Hier, in Pi-Ramesse, beginnt ihre Geschichte, eine Geschichte von Versklavung und Errettung. Die Geschichte des biblischen Moses, der von Gott als Erlöser auserwählt worden sein soll, sein Volk in die Freiheit zu führen. Der auf dem Weg durch die Wüste am Berg Sinai (Horeb) die Zehn Gebote und das Bundesbuch empfing, das dann als Heiligtum mitgeführt wurde.

Alle drei möglichen Auszugsrouten der Hebräer beginnen im Wadi Tumilat, einer Region im östlichen Nildelta, etwa eine Autostunde von Pi-Ramesse entfernt. Wie viele Israeliten flohen aus der ägyptischen Knechtschaft, und wie lange waren sie unterwegs? Woher rührt die Legende von Moses, der das Wasser teilte und seinem Volk die Flucht vor den Soldaten des Pharaos ermöglichte? Vor allem aber: Welche Route nahmen diese Menschen? Vieles bleibt unklar. Nahezu einig sind sich die Archäologen und Historiker aber darin: Der Auszug aus Ägypten ist kein einzelnes Ereignis, sondern ein sich im 14. und 13. Jahrhundert v. Chr. über Jahrzehnte hinziehender Prozess. Diese Fluchten im Schutz von Schilf und Nacht Richtung Osten wurden später zu einer einzigen großen Legende verdichtet. Vermutlich gelang es immer wieder ein paar Glücklichen, kanaanäisches Gebiet zu erreichen. Und sie schafften es, ihre Erlebnisse in ein kollektives Geschichtsbild einzubringen, so dass 500 Jahre nach dem Exodus die wirkmächtige Erzählung entstehen konnte: "Wir alle waren im Grunde in Ägypten".

Einige Tage nach meinem Auszug aus Ägypten stehe ich dort, wo am Ende Moses stand, wenn es ihn gegeben hat. Totaler Einsamkeit umgibt mich. Auf dem Gipfel des Nebo herrscht Stille. In der Ferne liegen Bethlehem und Jerusalem, rechts unten schlängelt sich der Jordan ins Tote Meer. Die Berge aus rot getöntem Sandstein strahlen im Sonnenuntergang, selbst der Dunst über dem Meer leuchtet roséfarben. Das Land gibt sich hin wie eine Verheißung, während im Franziskanerkloster eine Gruppe südkoreanischer Christentumstouristen in Turnschuhen und Windjäckchen eine Moses-Messe feiert.

Die Exodus-Erzählung ist im Kern der poetisch stilisierte Mythos einer Rettung. Die Chiffre für alle Rettungsvorstellungen: für die Tatsache, überlebt zu haben, wie für die Hoffnung, auch künftig überleben zu können. Der Kristallisationskern der israelischen Identität und des israelischen Selbstverständnisses. Das jährliche Pessachfest ist die rituell vollzogene Erinnerung an diese Ur-Erfahrung; im Ritual des Festes wird der Exodus als Errettung durch Gott gefeiert und an die Nachkommen weitergegeben: Seht, wir haben überlebt, wir sind noch da! Was würden Sie den "Kindern Israels" raten, damit sie dauerhaft friedlich mit ihren Nachbarn leben können? Wie könnte sich ein Volk, durch dessen Geschichte sich Unterdrückung, Krieg, Flucht und Verfolgung wie ein roter Faden zieht, nachhaltig aus der Spirale der Gewalt lösen? Schreiben Sie Ihre Meinung an leserbriefe@nationalgeographic.de unter Angabe Ihrer Anschrift.

(NG, Heft 8 / 2008, Seite(n) 112)

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