Geschichte und Zivilisation

Die Mythen der Bibel (V): Die Schlacht von Jericho

Bis heute gibt es keinen archäologischen Beleg für die Zerstörung Jerichos.

Von Christian Schüle

Sie kommen von Osten. An der Spitze gehen die Priester mit der Bundeslade aus vergoldetem Akazienholz. Feierlich schreiten sie durch das trockene Flussbett des Jordan. Wie schon im Schilfmeer beim Auszug aus Ägypten teilt Gott abermals das Wasser. In der Mitte des Flusses richtet Josua zwölf Steine auf, einen für jeden Stamm der Israeliten. Dann zieht das Volk Israel hinüber nach Jericho. In Gilgal, am Ostrand der Stadt, schlagen die 40 000 bewaffneten Männer ihr Heerlager auf und rammen zwölf weitere Steine in den Boden Palästinas. Die Könige der verschiedenen Stämme im Lande Kanaan sehen diesen gewaltigen Aufmarsch mit blankem Entsetzen. Die Schlacht kann beginnen. Sieben Priester tragen die Bundeslade und umkreisen Jericho. Das Volk folgt, die Priester blasen die Hörner. Sechs Tage lang. In der Morgenröte des siebten Tages brechen sie wieder von ihrem Lager auf, aber an diesem Morgen umrunden sie Jericho siebenmal. Und als die Priester in die Hörner blasen, befiehlt Josua dem Volk: "Macht ein Kriegsgeschrei!" Der Schall der Hörner stößt in die Stille des Tals, und da stürzen die stärksten Mauern der antiken Welt in sich zusammen. Jericho ist gefallen. Die Israeliten töten alles, was in der Stadt ist: Männer, Frauen, Kinder, Greise, Rinder, Schafe, Esel. Die Dirne Rahab lassen sie leben. Dann brennen sie Jericho nieder.

Alles falsch. Ob absichtlich oder nicht - die Bibel irrt. Jericho hat es zur Zeit der angeblichen Schlacht gar nicht gegeben. Der Ort war unbesiedelt. Bis heute gibt es keinen archäologischen Beleg für die Zerstörung der berühmten "Mauern von Jericho" durch Josua im 13. Jahrhundert v. Chr. Früher ja, später auch. Nach der Chronologie des Alten Testaments darbten die "Kinder Israels" im 13. Jahrhundert noch als Arbeitssklaven in der Ramsesstadt Pi-Ramesse im Nildelta. Pharao Ramses II. regierte zwischen 1279 und 1213 v. Chr. Der Exodus kann also nicht früher als 1279 stattgefunden haben. Um diese Zeit aber war Jericho definitiv unbesiedelt. "Es spricht alles dagegen, dass die Legende von der Schlacht um Jericho einen historischen Kern hat", resümiert Klaus Bieberstein, Lehrstuhlinhaber für Alttestamentliche Wissenschaften an der Universität Bamberg und Autor eines Standardwerks über Jericho. An den Brandspuren ausgegrabener Steine ablesbar ist indes, dass die Stadt um 1550 v. Chr. in Schutt und Asche lag - vermutlich zerstört, als Pharao Thutmoses I. in die südliche Levante vorstieß. Jericho glüht. 16 Uhr, noch immer 33 Grad, und selbst die Kamele strecken sich. Aus dem Toten Meer verdunstet täglich so viel Wasser, dass immer ein feuchtheißer Schleier in der Luft hängt. Das Meer wird jeden Tag kleiner. Über dem Westjordanland steht die Sonne, im Osten der Halbmond.

Wer nach Jericho will, muss den einzigen geöffneten israelitischen Checkpoint passieren. Die Palästinenser sagen: Schikane! Die Israelis sagen: Sicherheitsmaßnahme! Die Autoschlange ist ein- wie auswärts unangenehm lang. Zwei jüdische Soldaten kontrollieren all unsere Papiere. Die palästinensischen Soldaten 200 Meter weiter tanzen, singen und winken uns durch. Die Oase Jericho ist ein Stück arabischer Orient mitten im europäisch wirkenden Israel. Der Ort liegt scheinbar so ungünstig, dass es strategisch schon wieder günstig ist: Alles, was an seiner Ost- und Westflanke geschieht, ist weithin erkennbar. Im Zentrum herrscht unaufgeräumte Fröhlichkeit. Schulkinder scheren sich kein bisschen um den Verkehr, Rabauken auf Mountainbikes schießen quer, und zwei Frauen mit braunem Kopftuch und schwarzer Sonnenbrille, die aus einem Mercedes steigen, können gerade noch ausweichen. Zentrum, das ist gut gesagt. Was ich für eine sich verzweigende Zufahrtsstraße hielt, ist schon die Stadtmitte. Vier Straßen führen zur Kreisverkehrsinsel, auf der eine Palme steht und ein Stein mit der Aufschrift: "Jericho: City of the Moon". Jericho hat seinen Namen von der Mondgottheit Jarich.

Erst kann ich gar nicht fassen, wie klein die vermutlich älteste Stadt der Welt ist. Nicht mehr als ein in Nest in der Wüste. Süßlich duftet der Qualm von Apfeltabak, das Teehaus kann also nicht weit sein. Die Wasserpfeife rauchenden Männer können sich lange nicht einigen, wie viele Einwohner Jericho heute hat. 3000? 10 000? Bei 6000 schlagen sie ein. Offiziell sind es 25 000. Es ist eine Art symbolische Ironie der Weltgeschichte, dass hier nicht Israelis leben, sondern palästinensische Araber. Dann sehe ich Rampen, Zufahrtswege, erste Grabungsschnitte, Gruben und Schächte, in deren Lehm brunnenartige Rundungen aus Backsteinziegeln zu erkennen sind. Das Gelände ist schlecht gesichert, der Grabungshügel verwahrlost. Und da steht er dann plötzlich: der berühmte, 9000 Jahre alte und neun Meter hohe zylinderförmige Turm mit der Wendeltreppe aus Steinplatten, der älteste der Menschheit. Ein paar Meter weiter ist sie endlich da: die magische Mauer. Befreit von Lehm- und Steinschichten - aber beladen mit der Last der Deutung, ob und wie sie zum Einsturz kam. In der Tat: das oval verlaufende Bauwerk bot keinerlei Angriffsfläche. Die Mauer muss mindestens sechs Meter hoch gewesen sein, also nicht zu erklimmen. Man wird staunend vor ihr gestanden haben wie Jahrtausende später vor dem ersten Wolkenkratzer. Spätestens jetzt wird verständlich, warum Jericho als uneinnehmbar galt.

In der biblischen Geschichte um Jericho geht es überhaupt nicht um reale Mauern, nicht um die historische Faktizität der Schlacht. Die Schlacht ist eine Metapher und Jericho ein Symbol. Das einzigartig fruchtbare Jericho ist ein Geschenk Gottes an die Hebräer und steht am Anfang der Geschichte des Volkes Israel. Die Legende der Schlacht von Jericho ist ein weiterer Baustein der theologischen Ideologie einer Intervention Gottes zugunsten der "Kinder Israels".

(NG, Heft 9 / 2008, Seite(n) 112)

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