Die Reise, die unsere Raubkatzen rettet

Ob Auswilderung in Gefangenschaft aufgewachsener Geparde oder Rettung verwahrloster Löwen: Der Wildtierschutz ermöglicht Raubkatzen eine lebenswerte Zukunft.

Johnny Langenheim

Foto von National Geographic CreativeWorks

Der Handel mit Geparde

Diese Gepardjungen wurden in Somaliland, einer selbsternannten Autonomieregion am Horn von Afrika, aus den Händen von Wildtierhändlern gerettet. Der Handel mit Wildtieren bildet eines der größten illegalen Handelsnetze der Welt und nur von Drogen, Menschenhandel und Fälschungen übertroffen. „Exotische“ Arten werden illegal verkauft: aufgrund ihrer Körperteile, um im Zirkus aufzutreten oder im Zoo ausgestellt zu werden. Oder um als prestigeträchtiges Haustier zu enden. Diese Jungtiere wären wohl im Nahen Osten in den Händen von Privatpersonen gelandet. In freier Wildbahn existieren nur 7.000 ausgewachsene Geparde. Ihre Zahl sinkt stetig. Schuld daran sind der Lebensraumverlust, die niedrigen Reproduktionsraten, ein zu kleiner Genpool und der illegale Handel.

Foto von Nichole Sobecki

Das Ashia Cheetah Center

Das Ashia Cheetah Center ist eine Aufzuchtstation für Tiere aus Gefangenschaft am südafrikanischen Westkap, 45 Autominuten von Kapstadt entfernt. 2016 gründeten Chantal Rischard und Stephan Illenberger, Unternehmer, die zu Naturschützern wurden, das Zentrum, um den Rückgang der Gepardpopulation in freier Wildbahn aufzuhalten. Das Ashia Cheetah Center unterstützt nicht nur Rettungsaktionen und bietet einen Schutzraum. Es bereitet auch in Gefangenschaft aufgezogene Geparde Schritt für Schritt auf ein Leben in freier Wildbahn vor. Per Flugzeug und auf dem Landweg werden die Tiere in Wildreservate gebracht. Momentan leben 13 Geparde im Center, darunter fünf dauerhaft. Die anderen acht Tiere sollen ausgewildert werden.

Foto von National Geographic CreativeWorks

Vorbereitung der Geparde auf das Leben in freier Wildbahn

In der ersten Phase des Auswilderungsprozesses werden die Geparde in Ashia mit rohem Wildfleisch gefüttert und durchlaufen Fasten- und Fitnessprogramme, DNA-Tests, Gesundheitschecks und Impfungen. In der zweiten Phase werden sie in Großgehege in privaten Wildreservaten umgesiedelt, wo sie vor ihrer Auswilderung leben. Dort wird die Wildnis simuliert, sodass die Geparde lernen können, Wild zu jagen. Schließlich werden die Geparde in Abstimmung mit den zuständigen Naturschutzbehörden in privaten Wildtierreservaten und Nationalparks in Südafrika und im Süden von Afrika ausgewildert. Seit 2018 wurden 36 Geparde aus dem Ashia Cheetah Center in die Freiheit entlassen.

Foto von Barry Christianson

Genetische Vielfalt als Ansatz zur Arterhaltung

Marna Smit, Direktorin für Naturschutz des Ashia Cheetah Center, untersucht mit einem Mikroskop den Kot von Geparden auf Darmparasiten. Es ist entscheidend, dass Raubkatzen vor der Auswilderung bei guter Gesundheit sind. Nur so können die Tiere den Gefahren des Lebens in der Wildnis trotzen. Weil der genetische Bestand wilder Geparde begrenzt ist, kommt es oft zu Inzucht. Durch das Einbringen der Gene von Tieren aus Gefangenschaft, die mehrere Generationen von ihren Artgenossen in der Wildnis entfernt sind, hoffen Naturschützer, den Genpool der sogenannten „Metapopulationen“ zu verbessern. Der Erfolg der Auswilderungsprogramme ist allerdings auch davon abhängig, wie erfolgreich die Lebensräume wiederhergestellt und die Wilderei und der illegale Wildtierhandel eingedämmt werden können.

Foto von Barry Christianson

Schutzgebiet für wilde Geparde

13 Kilometer außerhalb von Grahamstown an Südafrikas Ostkap liegt ein großes privates Wildreservat. Das Reservat umfasst unterschiedliche Lebensräume einschließlich Wald, Busch und Savanne. Ein großer Teil besteht aus früher landwirtschaftlich genutzten Flächen, die auf Initiative der Privateigentümer renaturiert wurden. Es ist ein Schutzgebiet für eine Reihe von gefährdeten Wildtierarten, darunter Nashörner, Elefanten, Leoparden und Geparde. Geparde wurden 2019 erstmals aufgenommen. 2020 wurde Khatu, ein in Gefangenschaft aufgezogener Gepard aus dem Ashia Cheetah Center, hierher verlegt. Neben Südafrika setzt Ashia Geparden auch in Wildreservaten in anderen Ländern des südlichen Afrikas aus, darunter Mosambik und Sambia.

Foto von National Geographic CreativeWorks

Die Beobachtung der wilden Geparde ist wichtig für ihren Bestand

Yonela Yizani, ein Wildtierbeobachter, setzt Telemetrie ein, um Khatu mithilfe ihres Funkhalsbands zu orten. Khatu ist durch ihre Aufzucht in Gefangenschaft mit Menschen vertraut, aber nicht mehr an sie gewöhnt. Die Ortung erlaubt es den Naturschützern, ausgewilderte Raubkatzen zu beobachten und Daten über die Nutzung des Lebensraums, die Dichte der Population, Bewegungsmuster und Überlebensraten zu sammeln. Nach ihrer Auswilderung sind die Raubkatzen vielen Bedrohungen ausgesetzt, darunter Krankheiten oder die Begegnung mit anderen Raubtieren. Yizani ist mit Khatu vertraut: Seit ihrer Ankunft schaut der Wildtierbeobachter beinahe täglich nach, wie es ihr geht.

Foto von Nichole Sobecki

Der Genpool von Geparden soll vergrößert werden

Khatu kuschelt mit ihren Jungen, nachdem sie und ihre Jungen einen Kudu gefressen haben, den sie im privaten Wildtierreservat erbeutet hat. Seit ihrer Umsiedlung im Jahr 2020, hat Khatu bereits drei Würfe mit insgesamt 15 Jungtieren zur Welt gebracht. Elf von ihnen haben überlebt. Die Jungen der Geparde werden zwar erst nach drei bis vier Monaten von der Muttermilch entwöhnt, beginnen aber schon nach sechs bis sieben Wochen, Fleisch zu fressen. Sie bleiben für ungefähr 18 Monate bei ihrer Mutter und lernen von ihr das Jagen von Beutetieren. Sechs Jungtiere aus Kathus früheren Würfen konnten bereits erfolgreich in ein nahegelegenes Wildreservat umgesiedelt werden, wo Naturschützer hoffen, dass sie den Genpool der Metapopulation diversifizieren sollen.

Foto von Nichole Sobecki

Gefangene Großkatzen in Osteuropa

Mehr als 8.500 Kilometer entfernt von Afrika, in der Ukraine – Wochen vor der russischen Invasion. Hier wird ein Löwenmännchen, das zur Unterhaltung von Menschen in Gefangenschaft gehalten wurde, aus dem Betongehege befreit, in dem es die meiste Zeit seines Lebens verbracht hat. Warriors of Wildlife ist eine Nichtregierungsorganisation, die Wildtiere – unter anderem Löwen, Tiger und Bären – hauptsächlich aus Zoos und Zirkussen in Osteuropa rettet, um sie in Wildtierauffangstationen in Südafrika zu bringen. Der Gründer von Warriors of Wildlife, Lionel de Lange, sagt: „Es gibt keine Einrichtungen oder Auffangstationen für Wildkatzen [in Osteuropa], also müssen wir sie dort herausholen.“

Foto von Warriors of Wildlife

Wildtiere in Bewegung

Im Januar 2022 siedelte Warriors of Wildlife fünf Löwen und einen Tiger aus Gefangenschaft in der Ukraine über die Türkei in ihre Wildtierauffangstation Simbonga in der südafrikanischen Provinz Ostkap um. Für 87 Stunden waren die sedierten Raubkatzen unter Beaufsichtigung von Tierärzten während der gesamten Reise in Transportboxen untergebracht. Ihre Reise wurde vom Logistikanbieter DHL ermöglicht. Dabei waren eine Reihe von Röntgenaufnahmen, tierärztlichen Kontrollen und Zollformalitäten nötig. DHL transportiert im Rahmen von Rettungs- und Schutzmaßnahmen regelmäßig Wildtiere. 2020 ermöglichte das Unternehmen den Transport eines 36 Jahre alten asiatischen Elefanten, dessen Partnerin vor kurzem gestorben war. Er wurde aus Pakistan in eine Auffangstation in Kambodscha gebracht, wo er nun in Gesellschaft von anderen Elefanten leben kann.

Foto von Warriors of Wildlife

Ein Leben für die Wildtiere

Lionel de Lange ist Gründer und Direktor von Warriors of Wildlife. De Lange, der sich selbst einen Tierliebhaber nennt, widmet sich sein Leben lang der Wildtierrettung, seit er aus Südafrika in die Ukraine gezogen ist und dort Zeuge davon wurde, dass ein Zoo große Schwierigkeiten hatte, seine Tiere zu ernähren. Heute ist De Lange auf vielfältige Weise aktiv: Er untersucht Missbrauchsberichte, plant in Kooperation mit Logistikunternehmen wie DHL Rettungsmissionen und hilft bei den Einsätzen der Auffangstation von Warriors of Wildlife und Simbonga Game Reserve and Sanctuary in der südafrikanischen Provinz Ostkap. Seine Organisation hat bis heute 27 Löwen, einen Tiger und sechs Bären gerettet und umgesiedelt.

Foto von National Geographic CreativeWorks

Von der Gefangenschaft in Osteuropa nach Afrika

Nach ihrer langen Reise aus Osteuropa gewöhnen sich die fünf Löwen Hercules, Cher, Khaya, Ilana und Aslan und die Tigerin Kisa an ihr neues Zuhause im Simbonga Game Reserve and Sanctuary. Jedem Tier stehen mindestens 2.500 Quadratmeter Platz zur Verfügung. Anders als Geparde, die speziell für die Auswilderung in Wildtierreservaten aufgezogen wurden, haben die Löwen und Tiger nie gelernt, zu jagen und in der Wildnis zu überleben. Aber die halbtrockene Steppe und die rund 3.000 Stunden Sonne pro Jahr sind deutlich artgerechter als die eisigen Winter und die Betonkäfige, in denen sie die meiste Zeit ihres Lebens verbrachten.

 

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Foto von National Geographic CreativeWorks

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