Reise und Abenteuer

Eine Reise durch Tolkiens Mittelerde in Neuseeland

Die gewaltigen Berge und bildschönen Täler Neuseelands dienten als Kulissen für die Fantasy-Filmreihen „Der Herr der Ringe“ und „Der Hobbit“.Thursday, January 11

Von Carrie Miller
Die Hobbithöhlen im Hobbingen-Filmset auf der Nordinsel sind das Portal, durch welches man in das Neuseeland der Filmindustrie eintaucht.

In Neuseeland kann selbst eine nichtssagende Schneise im Wald an einen ganz besonderen Ort führen. Diese magnetische Anziehungskraft, bei der man sehen will, was sich hinter der nächsten Ecke verbirgt – ob nun ein schimmernder Gletscher oder ein Urwald – mag ich an Neuseeland am liebsten.

Hier, auf einer Schafsfarm auf der Nordinsel, im Tal der zerklüfteten Kaimai Range, kann ich diesen Rausch spüren. Eine Lichtung öffnet sich und ich trete in eine Geschichte ein. Der Anblick, der sich mir bietet, fiel auch dem einheimischen Filmemacher Peter Jackson auf. Er erkannte diesen Ort sofort als Hobbingen, das Dorf der Hobbits aus den Büchern „Der Hobbit“ (1937) und „Der Herr der Ringe (1954) von J. R. R. Tolkien. In insgesamt sechs Filmen verewigte er den idyllischen Ort auf der Leinwand.

Während ich die Szenerie überblicke, kann ich Gandalf sehen – den weisen Zauberer der Geschichte –, der auf seinem Ponywagen durch die aufgehäuften Hügel auf der Lichtung fährt. Ich stelle mir Bilbo Beutlin vor, der ohne sein Taschentuch aus der Tür rennt. Vor mir befinden sich 44 Hobbithöhlen in der grünen Hügellandschaft. Pfade führen hinauf, hinab und über die Hügel hinweg. Auf Leinen trocknet Wäsche. Die Äste der Äpfel- und Birnbäume werden durch die schwere Last der letzten Früchte des Sommers nach unten gezogen.

Ich spüre einen Kloß im Hals. Obwohl ich mich mental auf ein Übermaß an Souvenirständen vorbereitet hatte, fühlt sich Hobbingen nach mehr als nur einem Filmset für Touristen an. Es ist meine zum Leben erweckte Vorstellungskraft.

Als 14-Jähriger in Minnesota, der unter der Bettdecke bei dem Licht seiner Taschenlampe Tolkien las, sehnte ich mich nach den Abenteuern und den Freundschaften, die ich in den Seiten fand. Vor zehn Jahren unternahm ich meine eigene Reise nach Wellington, in das Herz von Neuseelands Filmindustrie.

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Damals strömten Herr-der-Ringe-Touristen zu Tausenden hierher – und schon bald gesellten sich Hobbit-Fans dazu. Filmemacher verwandelten die surreale Landschaft des abgelegenen Landes zu Kulissen für Filme wie „King Kong“, „River Queen“, „Die Chroniken von Narnia“ und „Last Samurai“.

Selbst James Cameron nutzte das technische Können von Weta Digital – einem Unternehmen für visuelle Effekte in Wellington –, um das dystopische Traumland Pandora für seinen Blockbuster „Avatar“ zu erschaffen. Die Nordinsel hatte Cameron so verzaubert, dass er ein Stück Land in Wairarapa östlich von Wellington gekauft hat, wo er an einem Sequel-Trio zu „Avatar“ arbeitet. (Sehenswert: 5 Abenteuer aus der Welt von „Game of Thrones“)

Trotz all dem – oder vielleicht gerade deshalb – wollte ich Neuseeland nie als Filmset betrachten. Ich habe es immer vorgezogen, meine Liebe für Tolkien von der Liebe für die zerzauste Landschaft, die zu meiner Heimat geworden ist, voneinander zu trennen.

Aber als mein Freund Lance Lones – ein „importierter“ Kalifornier mit 17 Jahren Berufserfahrung in der Filmindustrie – vorschlug, Filmsets als Wegpunkte für einen Roadtrip zu benutzen, überzeugte er mich davon, dass die Magie der Geschichten dabei helfen könnte, meine Beziehung zu beidem zu vertiefen. „Wir haben eine echte emotionale Verbindung zu Filmen. Unterschätz das nicht“, sagte er. „Komm mit mir nach Hobbingen, dann wirst du schon sehen.“

Jedes Detail in Hobbingen ist ein Liebesdienst von Jackson und seinem Team aus Zauberern, selbst das Moos an den Zäunen, wie unser freundlicher Touristenführer Aidan O‘Malley uns während einer der 17 täglichen Touren erklärt. „Jackson beschloss, den natürlichen Sonnenauf- und Sonnenuntergang hier umzudrehen und änderte auch das Moos an den Zäunen, um das widerzuspiegeln“, sagt O‘Malley grinsend. „Hobbingen ist im ‚Hobbit‘ nur sieben Minuten lang zu sehen und in ‚Der Herr der Ringe‘ nur 35 Minuten – das ist eine Menge Perfektionismus für 42 Minuten.“

Nach der Tour durch das Gelände lassen Lones und ich den Tag im „Grünen Drachen“ ausklingen, Hobbingens Pub, der auch in den Filmen zu sehen ist. Vor uns knistert ein Feuer und der Sonnenuntergang leuchtet durch die Fenster an der Seite. Riesige Balken aus Zypressenholz durchziehen die Decke und sind mit Schnitzereien von Weintrauben, Gerste und einem blassen, grünen Drachen verziert. In der Küche hängen Kräuter. Über uns erklingt sanft keltische Musik. Ich lasse mich tiefer in meinen Ledersessel sinken und nehme noch einen Schluck Bier aus meinem Tonkrug.

Ich fange ein Gespräch mit Gemma Youlten und Tom Boreham an, einem britischen Paar, das gerade die erste Hälfte seiner Weltreise hinter sich gebracht hat. Ich erwähne, dass der Grüne Drache womöglich der Pub ist, den ich mein ganzes Leben lang gesucht habe. „Das hier ist das Highlight, das muss ich schon sagen“, stimmt Gemma mir zu. Sie spricht leiser, als ob sie mir ein Geheimnis anvertrauen würde: „Dabei bin ich nicht mal ein Herr-der-Ringe-Fan.“

Tom ist einer. „Ich habe das Buch zum ersten Mal gelesen, als ich zehn war – vor 25 Jahren –, und es ist mein Lieblingsbuch“, sagt er. „Ich war ehrlich gesagt besorgt, dass sie mein geliebtes Hobbingen disneyfizieren würden. Aber ich habe den Pub sofort erkannt. Es ist atemberaubend, wie die Idylle des Auenlandes hierin verkörpert wurde. Nur Neuseeland kann aus einer riesigen Filmattraktion einen Ort machen, der sich vertraut anfühlt.“

Am nächsten Morgen fahre ich uns nach Süden auf den Highways, die durch Piopio und Te Kuiti führen. Die Wälder dienten als Kulisse für den Trollwald in „Der Hobbit“ und für andere wichtige Filmszenen.

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Die Landschaft geht fließend von zerklüfteten Felsen in sanfte, wogende Hügel über, von verwitterten Kalksteinformationen zu Zäunen – ein steter Wandel jener Landschaft, die ich so liebe. Das landwirtschaftliche Grün der Nordinsel füllt die Autofenster aus.

Ich denke an meinen Freund Grant Roa. Es ist ein Autor, Produzent und Schauspieler, der mit den meisten Filmen, die in Neuseeland spielen, auf die eine oder andere Art zu tun hatte. Auch er hat eine Schwäche für diesen Teil des Landes. „Auf der Südinsel gibt es epische Landschaften, aber ich mag die Kontraste auf der Nordinsel“, erzählte er mir, als ich meine Reise plante. „Ich mag es, wenn man vor sich eine Hügellandschaft hat und sich umdreht und hinter sich schneebedeckte Berge sieht. Oder wenn man am Strand ist und hinter einem nur einheimisches Buschland ist.“

Etwa 225 Kilometer südlich von den Hügeln Hobbingens verkörpert der Tongariro-Nationalpark diese beiden Extreme. Es gibt dort drei aktive Vulkane – Ruapehu, Tongariro und Ngauruhoe – und das Skigebiet Whakapapa. Der Park wurde als Kulisse für das Schattenland Mordor genutzt, eine öde und trostlose Hochburg des Bösen in Mittelerde.

Tongariro ist außerdem eine Welterbestätte und einer meiner Lieblingsorte in Neuseeland. Nach einem halben Dutzend Besuche bin ich mittlerweile den Tongariro Alpine Crossing gewandert, die Hänge von Whakapapa hinabgefahren und habe die weiße Landschaft und die kalte Luft genossen, während ich mir vorkam, als stünde ich auf dem Dach der Welt.

Heute sind Lones und ich aber allein im Iwikau Village am oberen Ende des Skigebiets, eingehüllt von Nebel. Die Temperatur ist seit Matamata deutlich gefallen und bewegt sich um den Gefrierpunkt, während wirbelnde Winde uns von allen Seiten traktieren. Lone findet das seltsam. „Mordor sollte heiß und trocken sein“, sagt er.

Meine Interpretation von Mordor ist, dass es einfach ein durch und durch unangenehmer Ort ist – und trügerisch, was auf Tongariro definitiv zutrifft. Wann immer ich sonst hier oben war, war der Himmel so klar wie Glas. Ich weiß, dass das Wetter hier schnell – und heftig – umschlagen kann, aber das ist das erste Mal, dass Tongariro mir seine wilde Seite zeigt.

Nun sehe ich den wirren Haufen aus schwarzen und roten Resten erkalteter Lava deutlicher, zwischen denen sich die fast schillernde, weiß grüne Vegetation eine Existenz abzuringen versucht. Die Felsen scheinen nach dem Himmel zu greifen. Ich kann mir vorstellen, hier völlig verirrt zu sein. Tatsächlich sind wir nur zehn Autominuten vom Chateau Tongariro entfernt, dem Urvater aller neuseeländischen Hotels im historischen Whakapapa Village.

Das elegante, neo-georgianische Gebäude aus den 1920ern strahlt ein europäisches Ambiente aus. Ein Gefühl von Smoking und Kristallgläsern, direkt an der Wand eines aktiven Vulkans. Während ich ein Glas Rotwein aus Gisborne trinke – einem etwa 420 Kilometer entfernten Weinbaugebiet an der Ostküste –, sinniere ich darüber, dass ich Zeit mit zwei guten Freunden verbringe. Nicht nur mit Lones, sondern auch mit dem Ort, der mein Herz schon erobert hat, als ich ihn das erste Mal sah.

„Das ist das Tolle an Orten aus Filmen“, sagt Lones. „Wenn man den Ort vermisst, den man liebt, kann man ihn in den Filmen immer wieder besuchen.“ Und der Besuch von Tongariro mit „Der Herr der Ringe“ im Hinterkopf hat es mir ermöglicht, ihn auf eine andere Art zu sehen. Tongariro hat eine beeindruckende und tiefgreifende Unvorhersehbarkeit.

Die Buchen rangeln um den besten Standort und drängen sich an die Straße, die vom Bergdorf Ohakune zum südlichen Ende von Tongariro führt. Es ist schwer zu glauben, dass dieses verschlafende Skiörtchen, das auf den Winter wartet, nur 45 Minuten östlich von Pipiriki liegt. Dort, am Rande des Whanganui-Nationalparks, stellten die üppigen Wälder die Kulisse für „River Queen“. Der Film aus dem Jahr 2005 thematisiert den Kampf zwischen den einheimischen Maori und den europäischen Siedlern in den 1860ern. ((Lesenswert: Reiseziele für „Star Wars“-Fans)

Ein paar Minuten hinter Ohakune sind die meisten Spuren der Außenwelt in unserem Rückspiegel verschwunden. Wir fahren in Richtung des Skigebiets Turoa am Fuße des Ruapehu, etwa 30 Minuten südlich des Hotels, um die Mangawhero Falls zu suchen. Ich bin schon mehrfach in Turoa Ski gefahren, aber habe nie nach links oder rechts gesehen, sondern war immer auf die Straße vor mir konzentriert. Gut drei Kilometer vor dem Skigebiet entdecken wir auf der rechten Straßenseite das Schild, das den Weg zum Wasserfall weist. Unter dem tropfenden Blätterdach der Buchen führt ein torfbrauner Weg, der mit roten Pilzen und weißen Flechten gesprenkelt ist, plötzlich in eine vertraute Szenerie.

Während ich den kleinen Fluss über die rostbraunen Felsen hinwegplätschern sah, bevor er sich als Wasserfall hinabstürzte, traf es mich auf dieselbe Art, wie wenn man einen Lieblingssong im Radio hört: Hier hatte der doppelzüngige Gollum in „Die zwei Türme“, dem zweiten Film der „Herr der Ringe“-Reihe, einen Fisch gejagt. Meine Erinnerung an diesen Ort war so klar wie das Wasser, obwohl ich ihn zum ersten Mal sah. Ich watete in den Fluss hinein. Das Wasser war beißend kalt und meine Füße schmerzten.

Ich bin diese Straße schon mehrfach entlanggefahren und wusste nie, dass dieser Ort hier ist. „Und wir hätten ihn verpasst, wenn er nicht im Film gewesen wäre“, sagt Lones. „Die Locationscouts haben schon die ganze Arbeit gemacht und diese umwerfenden Orte sorgfältig ausgewählt. Das ist wie eine Schatzkarte. Man muss ihr einfach nur folgen.“

Wir kehren nach Wellington zurück, der südlichsten Stadt der Nordinsel. Hier habe ich in Neuseeland zuerst gewohnt – die Basis für meine frühen Erkundungstouren – und es ist auch das Zuhause des Filmgenies, welches Tolkien auf die große Leinwand übertragen hat. Aber einen Halt gibt es noch auf meiner Reise:

Ich wähle einen Weg, den ich zuvor noch nie gegangen bin, und finde mich auf den gespenstischen, mit Kiefernnadeln übersäten Pfaden des Mount Victoria wieder. Ich erklimme einen Hügel und verharre plötzlich, als ich etwas erkenne. Vor mir liegen die gewundenen Baumwurzeln, in denen sich vier kleine Hobbits vor den bösen, verhüllten Ringgeistern, den Nazgûl, versteckt haben, nachdem sie in „Die Gefährten“ eine Abkürzung zu ein paar Pilzen gefunden hatten.

Ich kenne dieses Gefühl jetzt, als würde man in einer Menschenmenge ein bekanntes Gesicht sehen; diese Aufregung, als würde man einen lange verlorenen Freund wiederfinden.

Der Artikel schien erstmals in der englischsprachigen Ausgabe Juni/Juli 2015 von National Geographic Traveler.