Der letzte Überlebende der ersten Expedition zum Gipfel des Mount Everest

Der 86-jährige Kanchha Sherpa hat in den vergangenen Jahrzehnten live miterlebt, wie sich der Tourismus am höchsten Berg der Welt verändert hat.

Thursday, June 18, 2020,
Von Freddie Wilkinson
Kanchha Sherpa, Edmund Hillary,  Tenzing Norgay und Team

Am 29. Mai 1953 schrieben Edmund Hillary (fünfter von links in der hintersten Reihe) und Tenzing Norgay (siebter von links in der hintersten Reihe) Geschichte: Sie und ihr Team waren mit der britischen Expedition 1953 die ersten, die den Gipfel des Mount Everest bezwangen. Kanchha Sherpa (zweiter von rechts in der letzten sitzenden Reihe) ist der einzige, der die Geschichte noch aus eigener Erinnerung erzählen kann: Er ist das letzte lebende Mitglied der Gruppe.

Bild Alfred Gregory, Royal Geographical Society/Getty Images

NAMCHE BAZAAR, NEPAL | Die Geschichte von Edmund Hillary und Tenzing Norgay ist längst Legende: Sie waren die ersten Menschen, denen der Aufstieg zum Gipfel des Mount Everest gelang. Lebhaft in Erinnerung sind der Nervenkitzel und die Emotionen dieses Tages vor 67 Jahren heute jedoch nur einem geblieben: Kanchha Sherpa. Er ist der Letzte der Ersten: das letzte lebende Mitglied der Expedition von 1953. Und nicht nur das: Seit dem Tag, an dem der Gipfel das erste Mal erklommen wurde, hat er beobachtet, wie sich das Leben für die Einheimischen am Fuße des Berges verändert hat – Jahr für Jahr ein Stückchen mehr.

„Damals war alles anders“, sagt Kanchha, ein heute 86 Jahre alter Mann mit Brille, faltigem Gesicht und funkelnden Augen. „Die Kleidung, die Ausrüstung, nichts war wie heute. Zum Kochen hatten wir nur Kerosin.“ Kanchha macht eine Pause, um mit zwei Fingern kurz die Gebetsperlen seiner Kette zu berühren, die er über dem Kragen seiner Fleecejacke trägt.

Kanchha hatte keinerlei Erfahrung im Bergsteigen, als er damals von Norgay gefragt wurde, ob er als Träger Teil der Expedition von 1953 werden wollte. Er sagte trotzdem zu – und arbeitete noch zwanzig weitere Jahre als Träger für Expeditionen ins Hochgebirge. Erst 1973 konnte ihn seine Frau überzeugen, sich einen weniger gefährlichen Job zu suchen. Heute gehört den beiden eine Touristenunterkunft im nepalesischen Namche Bazaar. Kanchha hat außerdem eine Stiftung zum Erhalt der Sherpa-Kultur ins Leben gerufen.

Bild Freddie Wilkinson, National Geographic

Kanchha ist in Namche Bazaar geboren und hat sein ganzes Leben dort verbracht. Vor hundert Jahren noch war der Ort ein verarmtes Dorf mit vielleicht 1.500 Einwohnern, heute ist es der Mittelpunkt des Sherpa-Lebens. Die Stadt ist das wichtigste Handelszentrum der Khumbu-Region. Vierstöckige Lodges für Touristen ragen über die schmalen Steingassen. Die Wege sind voll mit Wanderern, schlängeln sich zwischen Internetcafés, Souvenirläden und Cafés hindurch. Jedes Jahr kommen zehntausende Touristen aus der ganzen Welt ins Khumbu-Tal, und im Großen und Ganzen läuft das Business für die Bewohner von Namche heute sehr gut. Von dem verarmten Leben, in das Kanchha einmal hineingeboren wurde, ist nichts mehr übrig – den Gipfelstürmern sei Dank. „Damals hatten wir kein Geld und wenig Essen“, sagt er in einem Mix aus Sherpa, Nepalesisch und Englisch. In seinem Schlafzimmer im obersten Stockwerk der „Nirvana Home Lodge“, dem Familienunternehmen, das er und seine Frau gegründet haben, sind die Wände vollgehängt mit alten Fotografien und Erinnerungen aus seiner Jugend - darunter auch eine Widmung von Hillary persönlich. „Einige Leute hatten Kartoffeln, aber andere hatten keine“, erinnert sich Kanchha. Vieler Sherpas hätten sich hauptsächlich von Pilzen und Wildpflanzen ernährt, die sie im Wald gesammelt haben.

Dass der große Berg, auf den er aus seinem Heimatort immer schaute, einmal alles ändern würde hier, hätte Kanchha nicht gedacht. Als kleiner Junge wusste er nicht mal, dass Chomolungma der höchste Berg auf der Welt ist. Das änderte sich 1952, als Schweizer Bergsteiger zwei entschlossene Versuche starteten, diesen Berg, den sie Mount Everest nannten, zu besteigen. Kanchha, damals 19 Jahre alt, sah die Menschen auf dem Weg zum Berg durch Namche laufen und ihm fiel ein Mann auf: Tenzing Norgay, der charismatische „Sirdar“ (Vorarbeiter) der Träger der Expeditionen.

„Tenzing war wie ein König, ein sehr wichtiger Mann“, sagt Kanchha heute. Zu diesem Zeitpunkt war Norgay Ende dreißig und hatte sich einen Ruf als einer der besten indigenen Himalaya-Führer erarbeitet. Im selben Jahr, als Kanchha gerade einen schweren Korb auf einem Pfad unterhalb von Namche trug, begegnete er drei gut gekleideten Sherpas in westlicher Mode. „Ich fragte den einen: ‚Woher hast du das Geld für diese Jacke?‘“, sagt Kanchha. „Er antwortete, dass er in Darjeeling für Tenzing Norgay arbeitet.“ In diesem Moment beschloss Kanchha, nach Darjeeling zu gehen und Norgay zu suchen.

Vier lange Tage Fußmarsch musste er zurücklegen, bis er in der nordindischen Grenzstadt ankam. Kanchha und zwei seiner Freunde erreichten Norgays Haus erst lange nach Einbruch der Dunkelheit. „Tenzing kam ans Fenster und fragte nach dem Namen meiner Vorfahren.“ Und Kanchha hatte Glück: Norgay kannte Kanchhas Vater und lud ihn in sein Haus ein. Kanchhas Freunde hingegen wies er ab, sie sollten sich anderswo Arbeit suchen.

Norgay kaufte Kanchha neue Kleidung. Drei Monate lang erledigte Kanchha Hausarbeiten: Er trug Wasser ins Haus, wusch Wäsche, half in der Küche mit. „Dann sagte Tenzing: ‚Kanchha, wir fahren nach Kathmandu und dann zum Chomolungma‘“, erzählt er.

Kanchha hatte keinerlei Erfahrung im Bergsteigen, trotzdem war er begeistert: Er hatte einen Job. Die Bezahlung, fünf Rupien pro Tag, war viermal so hoch wie die, die er für das Tragen von Lasten in geringerer Höhe um den Khumbu-Gletscher verdient hatte. In Kathmandu trafen sie dann die Briten. Es war das erste Mal, dass Kanchha Menschen aus dem Westen persönlich begegnete. „Die Engländer hatten runde Augen und gelbe Haare. Und Hillary war so groß!“

Auf dem Everest zeigten die erfahreneren Sherpas Kanchha, wie man mit Steigeisen klettert und einen Eispickel benutzt. „Der Eisbruch war beängstigend. Wir haben Holzscheite mitgebracht, um die großen Gletscherspalten zu überqueren“, sagt er lächelnd mit einem Kopfschütteln.

Wie die meisten Sherpas bestieg Kanchha den Mount Everest aus finanziellen Gründen – nicht aus Ehrgeiz oder Abenteuerlust. Den meisten Lohn für das Sherpa-Team der Expedition 1953 gab es für diejenigen, die eine Ladung ganz nach oben zum südlichen Gebirgspass trugen. Die Briten hatten hierfür einen Bonus von 300 Rupien versprochen, nicht ohne Grund: Expeditionsleiter John Hunt hatte an dieser Stelle ein Lager mit Sauerstoffflaschen und anderen Vorräten eingeplant – ein strategischer Schritt, der entscheidend war für den Erfolg der Expedition.

Am Abend des 21. Mai 1953 war Kanchha mit 13 anderen Sherpas und drei Sahibs – Menschen aus dem Westen – im „Camp Seven“ in kleinen Zelten zusammengepfercht. Dort oben auf dem Berg Lhotse waren sie noch einen Tag vom Ziel, dem Zwischenlager, entfernt. An diesem Morgen sollte es weitergehen, aber die Gruppe hatte Angst, das Lager zu verlassen. Norgay und Hillary spürten die Gefahr, die von der Situtation ausging: Sie hätte die komplette Expedition zum Scheitern bringen können. So kamen sie zum Camp, um die müden Männer zum Aufstehen zu bewegen.

Kanchha erinnert sich noch gut daran, wie besonnen und entschlossen Norgay damals handelte. „Er hat uns Tee gekocht und uns ein paar Snacks gegeben. Einige Sherpas hatten eisige Füße. Er rieb sie, um sie zu wärmen. Tenzing war ein sehr starker Mann, aber auch ein sehr guter Chef für seine Arbeiter.“

Am nächsten Tag dann folgte Kanchha Hillarys und Norgays Fußspuren und deponierte seine über 22 Kilo schwere Ladung auf dem windgepeitschten Pass.

Hillary und Norgay auf dem Südostgrat des Mount Everest – einen Tag vor ihrem Aufstieg zum Gipfel. Auf ihrem Rückweg kamen sie wieder an diesem Ort auf fast 8.000 Metern vorbei und fanden hier wichtige Verpflegung vor – deponiert von einer Gruppe Sherpas, zu der auch Kanchha gehörte. 

Bild Alfred Gregory, Royal Geographical Society/Getty Images

Während Hillary und Norgay auf den Gipfel stiegen, kampierte Kanchha in einem aufgeschlagenen Lager weiter unten. „Es gab keinen Funk oder ähnliches, also warteten wir und warteten. Als sie endlich herunterkamen, umarmten sich alle und jubelten.“ Eines wird Kanchha dabei nie vergessen: die Menge an Essen, die die Expedition einfach auf dem Berg gelassen hat. „Wir haben so viel einfach liegen lassen – so viele Kekse, Dosenfleisch, Tee und Süßigkeiten ..."

Kanchha arbeitete noch viele Jahre als Träger im Hochgebirge, bis seine Frau ihn 1973 überzeugte, seinen gefährlichen Job aufzugeben. Heute ist Kanchha in seiner Heimat eine lokale Berühmtheit. Unter dem Namen „Story Time with Kanchha“ hält er Vorträge für Touristen in Namche. Seine Veranstaltung wurde in einem von Google gesponserten Kurzfilm vorgestellt. Er hat auch eine Stiftung in seinem Namen mitgegründet, die sich in der Region für mehr Bildung engagiert und den Erhalt der Sherpa-Kultur unterstützt. Eines seiner acht Enkelkinder, Tenzing Chogyal Sherpa, hat einen Master-Abschluss in Glaziologie und forschte 2019 als Mitglied der Everest-Expedition von National Geographic zum Klimawandel.

„Der Tourismus war gut für uns Sherpas, aber schlecht für die Götter“, sagt Kanchha mit einem bitteren Lachen. Er deutet auf die Linien der wandernden Touristen und auf die hohen Gipfel, die hinter seinem Fenster liegen.

„Als ich ein Junge war, gab es jeden Winter viele Meter Schnee hier, die Gipfel waren immer weiß. Jetzt sind sie schwarz. Das ist nicht gut.“

Hinter der Geschichte: Der Autor Freddie Wilkinson berichtete im Jahr 2019 für National Geographic aus dem Mount-Everest-Basislager und der umliegenden Region in Nepal. Die National Geographic Society hat das Projekt finanziell unterstützt.

 

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