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Parasit lauert in rohen Schnecken

Der Ratten-Lungenwurm kann zu Hirnhautentzündungen führen und breitet sich immer weiter aus. Donnerstag, 29. März 2018

Von Erika Engelhaupt
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Sam Ballard war 19 Jahre alt, als er auf einer Party von seinen Freunden aufgefordert wurde, als Mutprobe eine Schnecke zu essen. Innerhalb weniger Tage entwickelte sich bei dem Teenager eine seltene Form der Meningitis. Er fiel in ein Koma, aus dem er über ein Jahr lang nicht mehr erwachte. Als er das Bewusstsein schließlich wiedererlangte, war er vom Hals abwärts gelähmt.

Der Auslöser war den Ärzten zufolge ein Parasit in der Schnecke. Dieser Ratten-Lungenwurm kann sich auch im menschlichen Gehirn einnisten.

Ballard ist kein Einzelfall – nicht mal im Hinblick auf die Umstände seiner Erkrankung. Man weiß von mindestens drei weiteren Fällen, bei denen junge Männer oder Jungs im Rahmen einer Mutprobe aufgefordert wurden, eine Schnecke zu essen. Mittlerweile erschließt sich der Parasit weltweit neue Gebiete.

Der Ratten-Lungenwurm stammt ursprünglich aus Asien, kommt heutzutage aber auch in Afrika, Australien, der Karibik und den südlichen USA vor. 2017 berichtete Sarah Park, eine Epidemiologin des Bundesstaats Hawaii, dass in ihrem Bundesstaat pro Jahr mittlerweile etwa zehn menschliche Infektionen mit dem Parasiten verzeichnet werden.

In Brasilien führte vermutlich ein erfolgloser Schneckenzucht-Hype zur Ausbreitung des Ratten-Lungenwurms. In den 1980ern erwarben zahlreiche Haushalte Starter-Sets für die Zucht Afrikanischer Riesenschnecken.

Dieser Heimindustriezweig brach jedoch bald zusammen – wie sich herausstellte, machten sich die Brasilianer nicht viel aus der Delikatesse. Viele Schnecken wurden freigelassen, siedelten sich in Brasilien an und dienten dem Parasiten als neuer Zwischenwirt. 2017 berichtete National Geographic von zwei Fällen in Brasilien, bei denen Menschen, die infizierte Afrikanische Riesenschnecken verzehrt hatten, eine Meningitis bekamen.

Die Ratten-Lungenwürmer können sich in einer ganzen Reihe von Schneckenarten verbergen. Da die Zwischenwirte keine Anzeichen einer Infektion zeigen, lässt sich mit bloßem Auge unmöglich feststellen, ob sie den Wurm in sich tragen.

„Schnecken haben eine Menge Parasiten“, sagt Heather Stockdale-Walden, eine Parasitologin der Universität Florida, die die Ausbreitung des Ratten-Lungenwurms im Süden des Bundesstaates dokumentiert hat. „Parasiten wollen einen Wirt, der gefressen wird, und Schnecken stehen auf dem Speiseplan vieler Tiere, darunter auch Vögel.“

Mitunter verschlucken wilde Tiere und Haustiere die Schnecken auch versehentlich, wenn sie ins Wasser gelangen. In Florida wurde der Parasit Walden zufolge schon in Hunden, Miniature Horses, Vögeln und verschiedenen Wildtieren nachgewiesen. Vermutlich war er 2004 auch die Ursache für den Tod eines Weißhandgibbons im Metro Zoo von Miami. 2012 starb ein Orang-Utan aus privater Haltung in der Nähe von Miami, nachdem er infizierte Schnecken verzehrt hatte.

Der Ratten-Lungenwurm erobert sich langsam aber sicher neue Gebiete der Welt, und Experten zufolge sind wir diejenigen, die sich anpassen müssen. Ein guter Anfang wäre es dabei, keine rohen Schnecken mehr zu essen.

WANDERWURM

Wie der Name schon andeutet, verbringt der Ratten-Lungenwurm (Angiostrongylus cantonensis) einen Teil seines Lebens in der Lunge von Ratten. Früher oder später husten infizierte Ratte einige der Wurmlarven aus und verschlucken dabei einen anderen Teil. Die verschluckten Würmer wandern durch den Verdauungstrakt der Nager und landen in ihren Ausscheidungen. Wenn diese von einer Schnecke gefressen werden, verschluckt sie damit auch die Wurmlarven, die in dem kriechenden Zwischenwirt weiterwachsen.

Um sich fortzupflanzen, müssen die jungen Lungenwürmer wieder in eine Ratte gelangen. Für gewöhnlich passiert das, wenn eine Ratte eine infizierte Schnecke frisst. Sobald das geschehen ist, wandern die Würmer in das Gehirn der Ratte, um dort noch weiter zu wachsen. Im Anschluss bewegen sie sich in die Lungenarterien, die zur Lunge des Nagers führen. In dieser Umgebung, wo sie vom Blut der Nager umspült werden, pflanzen sich die Würmer schlussendlich fort.

Das erklärt auch, warum der Parasit Menschen so gefährlich werden kann: Genau wie in Ratten wandert er auch in Menschen zum Gehirn. Manchmal können sich die Würmer durch die äußere Schutzschicht des Hirns bohren – aber sobald sie einmal drinnen sind, kommen sie nicht wieder hinaus. Also graben sie sich weiter durch das Hirn, richten dort Schäden an und lösen eine Entzündungsreaktion des Immunsystems aus.

1993 wurde ein elfjähriger Junge in ein Krankenhaus in New Orleans eingeliefert: Er hatte Kopfschmerzen, einen steifen Nacken, leichtes Fieber und musste sich übergeben. „Der Junge gab zu, dass er ein paar Wochen zuvor als Mutprobe eine Schnecke von der Straße gegessen hatte“, berichteten Forscher im „New England Journal of Medicine“. Er erholte sich schließlich ohne Behandlung.

Wenn die Würme im Gehirn sterben, kann sich die Entzündung noch verschlimmern. Aus diesem Grund verabreichen Ärzte nur selten Medikamente, um die Würmer abzutöten. Stattdessen behandeln sie die Symptome und lassen das Immunsystem des Körpers in Ruhe seine Arbeit machen. Nur selten erleiden infizierte Patienten eine schwere Hirnhautentzündung – aber wenn es so weit kommt, endet die Meningitis oft tödlich.

VORSICHTSMASSNAHMEN

Mittlerweile dürfte klar sein, dass der Verzehr roher Schnecken eine schlechte Idee ist. Dasselbe gilt für rohe Frösche und Süßwasser-Krebstiere wie Garnelen. Diese Lebensmittel sollte man mindestens drei Minuten lang in kochendem Wasser baden oder anderweitig mindestens 15 Sekunden lang auf 75 °C erhitzen (ebenso wie Hühnchen), um mögliche Parasiten abzutöten.

Selbst, wenn man es als selbstverständlich betrachtet, keine Schnecken zu essen: Mitunter kann man kleine Exemplare auch versehentlich verschlucken. Außerdem können die Parasiten auch in den Schleimspuren der Tiere lauern.

„Man kann das Risiko vermutlich reduzieren, wenn man Schnecken und Ratten beseitigt, die man in der Nähe des Hauses oder Gartens findet“, sagt Sue Montgomery, die Leiterin des Epidemiologieteams für die Parasitenabteilung der Zentren für Krankheitskontrolle und Prävention. „Rohes Gemüse sollte vor dem Verzehr gründlich gewaschen werden, und Getränke und andere Behälter mit Flüssigkeit sollten abgedeckt werden, damit keine kleinen Schnecken hineingelangen.“

Auch, wenn der Ratten-Lungenwurm hierzulande nicht vorkommt, könnte er sein Verbreitungsgebiet infolge der Klimaerwärmung auch bis nach Europa ausweiten. Spätestens bei Reisen in wärmere Gefilde sollte man sich die Empfehlungen der Ärzte und Wissenschaftler jedoch zu Herzen nehmen.

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