Tiere

Haie in der Nordsee: Forscher wollen rätselhaftes Verhalten ergründen

Warum versammeln sich regelmäßig große Hundshaie vor Helgoland? Mithilfe satellitenbasierter Ortungstechnik wollen Wissenschaftler die geheimnisvolle Lebensweise der größten in deutschen Gewässern vorkommenden Haiart ergründen. Montag, 28. Januar 2019

Von Jens Voss
Ein Hundshai schwimmt davon, nachdem er mit einem Satelliten-Sender bestückt und wieder in die Nordsee entlassen wurde.

Im Gespräch: Forschungsprojektleiter Dr. Matthias Schaber vom Thünen-Institut für Seefischerei in Bremerhaven

Herr Dr. Schaber, wenn die meisten Menschen an die Nordsee denken, kommen ihnen wahrscheinlich nicht unbedingt Haie in den Sinn. Ist die Nordsee ein typisches Haigewässer?

Haie leben in nahezu allen Meeren. Tatsächlich gibt es einige Dutzend Hai- und Rochenarten in der Nordsee. Manche Arten leben dauerhaft dort, andere kommen auf ihren Wanderungen in die Nordsee. Zu den etablierten Arten zählen unter anderem der Kleingefleckte Katzenhai, der Nagelrochen oder der Hundshai. Mit einer Länge von bis zu zwei Metern ist er die größte in deutschen Gewässern der Nordsee etablierte Haiart.


Warum gilt ihr Forschungsinteresse vor allem dem Hundshai?

Die Wissenschaft weiß sehr wenig über ihn. Zugleich stuft ihn die aktuelle Rote Liste der marinen Gewässer Deutschlands als stark gefährdet ein. Wie die meisten Haiarten ist auch der für Menschen ungefährliche Hundshai anfällig für Überfischung – auch wenn er in der Nordsee nicht gezielt gefangen wird, sondern vor allem als Beifang in den Netzen landet. Durch unser aktuelles Forschungsprojekt versprechen wir uns wertvolle Informationen über die Art. Das wiederum würde möglichen Schutzmaßnahmen zugutekommen. Generell erhoffen wir uns mehr Informationen zur Biologie der Art: Wie ist die Bestandsstruktur in der Nordsee? Können wir genauere Informationen zum Wachstum und zur Reproduktion der Haie erhalten? Wir wissen bereits, dass Hundshaie zum Teil enorm weite Wanderungen zurücklegen, in deren Rahmen sich etwa in den Sommermonaten große, ausgewachsene Exemplare vor Helgoland versammeln. Wir wissen aber nicht, warum sie dorthin wandern, woher sie kommen und wohin sie im Herbst wieder abwandern. Wir wissen nicht, wo sich im Verbreitungsgebiet die Kinderstuben befinden oder mögliche Aufwuchsgebiete.


Wie genau wollen Sie das rätselhafte Verhalten ergründen?

Mithilfe einer satellitengestützten Ortungstechnik wollen wir dem Wanderverhalten der Hundshaie auf den Grund gehen. Hierzu haben wir im Sommer 2018 fünf erwachsene Tiere vor Helgoland gefangen und an der Rückenflosse mit einem Sender markiert. Die Sender sind leicht, haben einen geringen Wasserwiderstand und beeinträchtigen die Tiere nicht. Insgesamt 270 Tage lang zeichnen sie Daten zur Wassertiefe, Temperatur und Lichtintensität auf. Nach dieser exakten Zeitspanne lösen sich die Sender selbstständig von den Haien, schweben an die Wasseroberfläche und übermitteln dann die gesammelten Informationen per Satellit an uns.

Dr. Matthias Schaber vom Thünen-Institut für Seefischerei bringt einen Satelliten-Sender an einem Hundshai an. Die Augen des Tieres sind zur Beruhigung mit einem feuchten Tuch abgedeckt.

Inwiefern können Sie von der Wassertiefe, Temperatur und Lichtintensität auf mögliche Wanderrouten der Tiere schließen?

Wir kennen die Wassertiefen in den relevanten Meeresgebieten, ebenso wie die saisonalen Wassertemperaturen und jeweiligen Lichtverhältnisse. Anhand dieser drei Messparameter, dem Markierungsort der Haie und dem Fundort des Senders nach 270 Tagen können wir die Wanderrouten relativ präzise identifizieren und nachmodellieren. Im Frühjahr dieses Jahrs wird es so weit sein. Dann werden wir mit der Datenauswertung beginnen können.


Bis dahin hören Sie also nichts mehr von den markierten Haien?

Idealerweise nicht. Ein Sender ist allerdings schon am 3. Januar aus knapp 150 Metern Tiefe vor den britischen Kanalinseln im südwestlichen Teil des Ärmelkanals aufgetaucht. Der markierte Hai ist also innerhalb von rund drei Monaten mindestens 900 Kilometer weit geschwommen. Die Daten sind noch nicht ausgewertet, aber sehr vielversprechend – es sieht nicht danach aus, als wäre der Hai auf direktem Weg in dieses Gebiet geschwommen.

Der Sender löst sich nach einer vorprogrammierten Zeit vom Tier ab, steigt an die Wasseroberfläche und übermittelt die Messdaten zu Verhaltensmustern und Wanderungsbewegungen via Satellit an das Thünen-Institut.

Warum ist der Sender bei diesem Hai schon vor Ablauf der anvisierten Zeit abgefallen?

Grundsätzlich gibt es hierfür mehrere Szenarien. Wenn die markierten Tiere zum Beispiel häufiger sehr schnell schwimmen, kann sich der Sender durch mechanische Belastung von der Rückenflosse lösen. Denkbar ist natürlich auch, dass Tiere gefangen oder gefressen wurden oder anderweitig gestorben sind. Tatsächlich aber liefert der Statusbericht des Senderchips in unserem Fall den wahrscheinlichen Grund. Hiernach ist ein Befestigungspin des Auslösemechanismus durchgebrochen, was auf mechanischen Stress hindeutet.

Fischereibiologe Dr. Matthias Schaber leitet die Forschungseinheit Mess- und Beobachtungssysteme am Thünen-Institut für Seefischerei in Bremerhaven.

Von Helgoland bis zu den Kanalinseln in drei Monaten. Gibt es Hypothesen, warum Hundshaie zu bestimmten Jahreszeiten offenbar ganz besondere Meeresregionen aufsuchen?

Es gibt Hinweise darauf, dass sich am östlichen Ausgang des Ärmelkanals vor der holländischen und belgischen Küste ein Aufwuchsgebiet für Jungtiere befinden könnte. Denn dort werden immer wieder Jungtiere gefangen. Im späten Frühjahr tauchen erwachsene Tiere im flachen Wattenmeerbereich der holländischen Küste auf, sind dann allerdings im Sommer wieder verschwunden. Das deckt sich zeitlich mit dem Auftreten großer Haie im Sommer vor Helgoland. Man könnte also annehmen, dass sie nach der Fortpflanzung weiter in die Deutsche Bucht bis nach Helgoland ziehen, um sich dort dick und rund zu fressen. Sollten sich solche oder vergleichbare Annahmen durch unser Forschungsprojekt bestätigen, können wir wichtige Grundlagen für gezielte saisonale oder lokale Schutzgebiete schaffen.


Vielen Dank, Herr Dr. Schaber. Wir sind gespannt auf die Ergebnisse.

Das Thünen-Institut für Seefischerei
Das Thünen-Institut mit Hauptsitz in Braunschweig ist eine Forschungseinrichtung des Bundes. Es gliedert sich in 14 Fachinstitute, darunter das Thünen-Institut für Seefischerei mit Sitz in Bremerhaven. Dort werden nach eigenen Angaben ökologische und ökonomische Grundlagen erarbeitet, um die Fischbestände und Ökosysteme in der Nordsee und im Nordatlantik gesund zu erhalten, eine nachhaltige Versorgung mit hochwertigen Lebensmitteln aus dem Meer sicherzustellen sowie unterschiedliche Nutzungsformen ökologisch und konfliktarm möglich zu machen. Mehr Informationen unter: www.thuenen.de

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