Schnabeltiere in Not: Niedlicher Sonderling droht auszusterben

Kürzlich veröffentlichte Studien belegen, dass das kleine Säugetier mit dem Entenschnabel nicht so weit verbreitet ist, wie bisher angenommen. Schuld daran sind Jahrhunderte der Bejagung und der Verlust seiner Lebensräume.Donnerstag, 5. September 2019

Das Schnabeltier zählt zu den beliebtesten australischen Tierarten – und scheinbar auch zu den anpassungsfähigsten. Obwohl viele Vertreter der einheimischen Fauna des Kontinents während des 20. Jahrhunderts verschwanden, gab es weiterhin regelmäßige Sichtungen des ungewöhnlichen Säugetiers mit dem lustigen Entenschnabel und den Schwimmhautfüßen. Grund zur Sorge bestand also offensichtlich keine, weswegen der Bestand dieser Tierart auch nicht engmaschig überwacht wurde. Zumindest bis zu dem Zeitpunkt, an dem Biologen feststellen mussten, dass sich die Population alles andere als gut entwickelte und es vermutlich auch nie getan hatte.

„Dem Schnabeltier geht es schon eine ganze Weile lang schlecht, direkt vor unserer Nase“, sagt Tahneal Hawke, Doktorandin an der University of New South Wales und Forscherin der Platypus Consevation Initiative.

„Es gibt riesige Gebiete, bei denen wir nicht wissen, ob es dort überhaupt Schnabeltiere gibt und wenn ja, wie viele.“

Hawke ist außerdem Co-Autorin einer neuen Studie, die über Jahrhunderte gesammelte Daten ausgewertet hat und zu dem Schluss gekommen ist, dass die Zahl der Schnabeltiere durch Bejagung, den Verlust ihres Lebensraums und den Klimawandel drastisch gesunken ist. Nach wie vor findet man die Tiere in Flüssen und Bächen im Osten Australiens und auf Tasmanien.

Einige Wissenschaftler schlugen bereits in den 1980er-Jahren Alarm, als die Schnabeltierpopulationen kleiner wurden, doch ihre Warnungen stießen auf taube Ohren. Die Wahrnehmung der steten Präsenz des Schnabeltiers wandelte sich erst, als in den 1980ern und 90ern langfristige Beobachtungs- und Dokumentationsprogramme ins Leben gerufen wurden, die verlässlichere Daten lieferten.

„Wie überwachen Schnabeltiere seit 1995“, erklärte Tiana Preston, eine Mitarbeiterin von Melbourne Water, einer staatlichen Behörde in Victoria zur ökologischen Planung von Wasserressourcen. „Ihre Zahl ist seitdem nachweislich gesunken.“

Als die Weltnaturschutzunion IUCN das Schnabeltier im Jahr 2016 neu bewertete, ging die Gruppe davon aus, dass seine Population seit der Ankunft der Europäer um etwa 30 Prozent gesunken ist – genug, um den Status der Tierart auf „potenziell gefährdet“ zu ändern.

Nun sind einige Forscher der Meinung, dass das zu wenig ist. „Wir haben nicht übermäßig viel gutes Datenmaterial, aber das was wir haben, deutet darauf hin, dass wir von falschen Voraussetzungen ausgehen“, sagt Co-Autor Gilad Bino, ein wissenschaftlicher Mitarbeiter der University of New South Wales. „Es würde mich nicht überraschen, wenn sich ihre Anzahl bereits halbiert hätte oder sogar noch mehr gesunken wäre.“

Wie kommt es, dass dies bislang niemand bemerkt hat? Zum einen ist das Schnabeltier ein scheues, nachaktives Wesen, das schwer zu finden und zu zählen ist. Es ist also nicht ungewöhnlich, sie nicht zu sichten. Aber hauptsächlich ist die sinkende Anzahl deswegen nicht aufgefallen, weil die Tiere als weit verbreitet galten, sodass ihnen niemand viel Beachtung geschenkt hat. Im Laufe der Zeit wurde wohl schlicht vergessen, wie viele es einst von ihnen gab und man hat einfach angenommen, dass sich ihre Anzahl nicht groß verändert hat – ein Phänomen, das man in der Umweltforschung als „shifting baseline“ bezeichnet.

Das Schnabeltier ist nicht nur ein wichtiges Süßwasserraubtier, es ist auch ein evolutionäres Juwel und einer der letzten noch lebenden Kloakentiere – oder eierlegenden Säugetiere – der Welt. Und wir haben gerade erst damit begonnen, seine zahlreichen Geheimnisse zu entschlüsseln. Zu ihnen gehören lebensrettende Antibiotika in der Milch und Stoffe in ihrem Gift, die möglicherweise Diabetes heilen könnten.

Pelziger Liebling

Als die Europäer im 17. Jahrhundert nach Australien kamen, wurden Schnabeltiere bald zur beliebten Beute von Pelzhändlern. Ihre Haut ist weich und wasserdicht, was dieses Geschäft und die Jagd auf sie jahrhundertelang blühen ließ. Erst zu Beginn des 20. Jahrhunderts wurde die Schnabeltierjagd verboten.

„Wir fanden zum Beispiel eine Aufzeichnung, in der vermerkt wurde, dass ein einzelner Pelzhändler 29.000 Schnabeltierfelle verkauft hat“, sagt Hawke.

Die Tiere wurden weiterhin in den gleichen Wassergefilden gesichtet. Nur in Südaustralien ist ihre Zahl so stark gesunden, dass die Art dort als gefährdet gelistet ist. Sie fällt allerdings nicht unter das Schutzgesetz für bedrohte Tierarten.

Es mag überraschen, dass die intensive Bejagung scheinbar nicht früher zur drastischen Verkleinerung der Population führte, doch Hawke geht davon aus, dass uns nicht alle Informationen zur Verfügung standen.

Zunächst ist es schwierig, eine Aussage über die Entwicklung einer Tierart zu machen, wenn es keine verlässlichen Zahlen darüber gibt, wie viele Tiere es ursprünglich gab. Es gibt keine durchgehende Forschung über die verschiedenen Schnabeltierpopulationen, sowohl geographisch als auch historisch.

Ein Teil davon sind logistische Probleme. „Das Schnabeltier ist unglaublich schwierig zu beobachten“, sagt Preston. Es ist scheu und nachtaktiv, weswegen man es  tagsüber so gut wie nie sieht. Und andere Methoden zum Aufspüren von Tierarten – wie Spuren- und Kotanalysen – funktionieren hier ebenfalls nicht, weil die Tiere den Großteil ihrer Zeit im Wasser verbringen.

Inzwischen nutzen die Wissenschaftler erstmals neue Technologien wie das Testen von Umwelt-DNA, um ihre Präsenz im Wasser nachzuweisen, oder akustische Überwachung, um ihre Wanderungen zu dokumentieren. Es gibt sogar eine App namens PlatypusSPOT, die es Laienforschern erlaubt, ihre Sichtungen festzuhalten. Aber nichts davon gibt den Wissenschaftlern Aufschluss darüber, wie die Populationen vor 1980 aussahen – erst recht nicht vor 1780.

Galerie: Die letzten Riesen unserer Flüsse und Seen verschwinden

Für ihre Studie werteten Hawke und ihre Kollegen 258 Jahre an historischen Dokumenten – insgesamt über 11.000 Schriftstücke – aus, um sich ein Bild davon zu machen, wie viele Tiere es früher gab, wo sie verbreitet waren. Diese Daten wurden dann mit allen modernen Informationen verglichen, die sie finden konnten, auch mit den Sichtungen, die über PlatypusSPOT gemeldet wurden.

Hawke konnte zwar aus der Vielzahl unterschiedlicher Daten keine genauen Zahlen berechnen, aber die Entwicklung war klar ersichtlich: Es gibt wesentlich weniger Schnabeltiere als früher. An Orten, an denen vor hundert Jahren ein Dutzend der Tiere pro Tag gefangen werden konnten, bekommt man heute während anstrengender Nachtbeobachtungen lediglich eine Handvoll zu Gesicht – und das auch nur mit Glück.

Ein Ausflug in die Geschichte

„Bei Tierarten wie dem Schnabeltier, dessen Bestand bereits zurückging, bevor Umweltforscher mit ihren Beobachtungen begannen, sind diese historischen Dokumente unglaublich wertvoll“, sagt Loren McClenachan, Wissenschaftlerin für Historische Ökologie am Colby College in Maine, die nicht an der Studie beteiligt war. „Die historischen Daten kann man wunderbar benutzen, um die Entwicklung der Population einer so legendären Tierart zu verstehen.“

Dem stimmt nicht jeder zu. Peter Temple-Smith und Frank Carrick gehören zu den Schnabeltierforschern, die die historischen Quellen für zu ungenau halten, um verlässliche Aussagen über frühere Populationsgrößen zu treffen. Ihrer Meinung nach müssen zuverlässigere Studien durchgeführt werden, um herauszufinden, ob es an Orten mit weniger Sichtungen auch wirklich weniger Tiere gibt.

„Historische Aufzeichnungen können wichtige Informationen zum Verständnis der heutigen Ökologie liefern, aber man muss sie mit Vorsicht interpretieren“, sagt Carrick.

Bino stimmt zu, dass es schwierig ist, so viele ungleiche Informationsquellen unter einen Hut zu bringen. Er meint jedoch auch, dass es nie Ziel des Forscherteams war, eine exakte Zahl festzulegen, um die der Bestand geschrumpft ist.

„Solch alte Beobachtungen sind wertvoll und müssen mit einbezogen werden, auch wenn sie nicht den Richtlinien einer modernen, systematischen Studie folgen“, sagt er. Er ist in diesem speziellen Fall der Meinung, dass diese Arbeit „auf die großen Wissenslücken hinweist“, die vorhanden sind.

Ungewisse Zuknuft für das eierlegende Säugetier

Unterm Strich sind sich die Experten jedoch einig, dass das Schnabeltier zu kämpfen hat und sein Bestand sich weiter verkleinern wird, wenn sich nichts ändert.

Hawke und ihre Kollegen untersuchen beispielsweise, wie sich große Staudämme auf Schnabeltiere auswirken. Ein einziger Damm kann die Schnabelpopulationen ober- und unterhalb praktisch ausradieren, wenn er nicht richtig angelegt und betrieben wird. Darauf lassen ihre vorläufigen Ergebnisse schließen.

Ein besseres Verständnis der Feinheiten dieser Bedrohungen wird den Forschern bei der Entwicklung einer Strategie zum Schutz der Tiere helfen.

„Wir alle machen uns Sorgen, dass sich die Wahrnehmung hier nicht ändert und es auch weiterhin als häufig vorkommende Tierart in ostaustralischen Gewässern gesehen wird – insbesondere, da es sich nach 160 Millionen Jahren Evolution nun um die letzte überlebende Tierart seiner Linie handelt“, sagt Temple-Smith.

Und das merkwürdig anmutende Tier eroberte nicht nur die Herzen der Wissenschaftler.

„Egal, wen man fragt, jeder hat seine Geschichte, wie er ein Schnabeltier in freier Wildbahn beobachtet haben“, meint Preston. „Und jeder, der seine Geschichte erzählt, hat ein Strahlen in den Augen. Aber es wird schwieriger für Kinder, das noch erleben zu können.“

Der Artikel wurde ursprünglich in englischer Sprache auf NationalGeographic.com veröffentlicht.

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