Buckelwale beschützen andere Tiere vor Orcas

Womöglich retten Buckewale Robben, Mondfische und andere Arten aus Versehen. Aber auch altruistische Motive kommen infrage.

Donnerstag, 12. Dezember 2019,
Von Jason Bittel
Buckelwal
Ein Buckelwal wurde beobachtet, wie er sich in die Jagd eines Orcas einmischte, der es in der Antarktis auf einen Krabbenfresser abgesehen hatte. Es gibt Berichte über hunderte solcher Vorfälle, in denen Buckelwale andere Tiere vor den Schwertwalen zu beschützen scheinen.
Bild Robert L. Pitman

Im Mai 2012 beobachteten Forscher, wie eine Gruppe Orcas in der kalifornischen Monterey Bay einen Grauwal und dessen Kalb angriff. Nach einem Kampf wurde das Kalb getötet. Was dann geschah, lässt sich gar nicht so leicht erklären.

Zwei Buckelwale befanden sich bereits vor Ort, als die Orcas ihren Angriff starteten. Aber nachdem das Kalb getötet wurde, kamen 14 weitere Buckelwale herbei – und schienen die Orcas davon abzuhalten, das Kalb zu fressen.

„Einer der Buckelwale schien neben dem toten Kalb Stellung zu beziehen. Sein Kopf zeigte zum Kadaver und er blieb etwa eine Körperlänge von ihm entfernt. Jedes Mal, wenn sich einer der Orcas näherte, um davon zu fressen, schlug er mit seinem Schwanz und stieß kräftige Laute aus“, erzählt Alisa Schulman-Janiger, eine Walforscherin des California Killer Whale Project.

Wollte dieser Wal einer Taucherin das Leben retten?
Die Biologin Nan Hauser erlebte eine ungewöhnliche Begegnung mit einem Buckelwal.

Sechseinhalb Stunden lang schlugen die Buckelwale mit ihren Flossen und Schwänzen nach den Orcas. Trotz dichter Krillschwärme ganz in der Nähe – einer der Lieblingssnacks von Buckelwalen – gaben die Riesen ihre Totenwache nicht auf.

Ganz klar ist nicht, warum die Buckelwale für ein Kalb einer anderen Spezies Verletzungen riskieren und so viel Energie verschwenden. Klar ist aber: Es war nicht der einzige Vorfall dieser Art. In den letzten 62 Jahren gab es 115 dokumentierte Interaktionen zwischen Buckelwalen und Orcas, wie es in einer Studie heißt, die in „Marine Mammal Science“ erschien.

„Dieses Verhalten der Buckelwale tritt immer wieder auf, in ganz unterschiedlichen Gegenden der Welt“, sagt Schulman-Janiger, die an der aktuellen Studie mitgeschrieben hat.

„Ich habe mehrere solcher Begegnungen beobachtet. Aber keine davon war so dramatisch wie die [vom Mai 2012]“, erzählt sie. Bis heute ist es die längste bekannte Interaktion zwischen Buckelwalen und Orcas.

Wohlmeinende Störenfriede

Die logischste biologische Erklärung wäre, dass die Buckelwale durch ihre Störung der Orcajagden irgendeinen Vorteil erhalten.

Mitunter greifen Orcas beispielsweise auch Buckelwale an, die vor allem in jungen Jahren in Gefahr sind. Sobald er erst einmal ausgewachsen ist, kann ein einziger großer Buckelwal es mit einer ganzen Gruppe von Schwertwalen aufnehmen.

Womöglich hat sich das „Rettungsverhalten“ also evolutionär entwickelt, um junge Artgenossen in ihrer kritischen Wachstumsphase zu unterstützen. Ältere Buckelwale eilen dann zur Hilfe, wenn ein Jungtier angegriffen wird.

Mit einer gewissen Wahrscheinlichkeit sind die Retter nämlich sogar mit dem Kalb verwandt.

„Da Buckelwale für gewöhnlich zu den Fress- und Paarungsgebieten ihrer Mütter zurückkehren, sind sie oft enger mit Artgenossen in der Umgebung verwandt als mit der Art als Ganzes“, erklärt der Studienleiter Robert Pitman. Der Meeresökologe der NOAA wird von National Geographic gefördert.

Allerdings gibt es an dieser Erklärung einen Haken. Von allen Vorfällen, die Forscher in den letzten fünf Jahren untersucht haben, entfallen nur 11 Prozent auf Angriffe von Orcas auf Buckelwale. Bei den anderen 89 Prozent hatten es die Schwertwale auf Robben, Seelöwen, Delfine und andere Meeressäuger abgesehen.

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In einem Fall schienen Buckelwale sogar zwei Mondfische davor bewahren zu wollen, als Horsd’œuvre für die Orcas zu enden.

Womöglich ist der Konflikt auch persönlicher Natur. Schulman-Janiger verweist darauf, dass sich nicht alle Buckelwale in Orcajagden einmischen. Viele, die es tun, sind allerdings von Narben gezeichnet, die sie womöglich schon als Kälber durch Orcaangriffe erlitten haben. Vielleicht sind es also diese persönlichen Erfahrungen, die Buckelwale dazu bringen, auf die Orcas zu reagieren.

Der Studie zufolge ist es möglich, dass die Buckelwale auch eher auf die Lautäußerungen der Orcas reagieren als auf die gejagten Tiere. Das würde bedeuten, dass die großen Wale gar nicht wissen, welche Tierart gerade angegriffen wird, bis sie bereits Energie aufgewendet haben, um am Ort des Geschehens einzutreffen.

Ein solches Verhalten würde innerhalb der Population dann fortbestehen, weil gelegentlich auch junge Buckelwale davon profitieren. Dieser Nutzen scheint groß genug, um zu rechtfertigen, dass in den meisten Fällen andere Tiere vom Schutz der Riesen profitieren.

Eine Weddellrobbe ruht sich auf der Brust eines Buckelwals aus. Dort ist sie für den Moment sicher vor weiteren Angriffen der Orcas.
Bild Robert L. Pitman

Alle für einen, einer für alle?

Andere Walexperten vermuten, dass ein noch komplexerer Mechanismus dabei eine Rolle spielen könnte: Altruismus.

„Obwohl das ein sehr interessantes Verhalten ist, finde ich es gar nicht so überraschend, dass ein Wal sich einmischen würde, um einem Mitglied einer anderen Spezies zu helfen“, sagt Lori Marino, eine Expertin für Walintelligenz und die Präsidentin des Whale Sanctuary Project.

Buckelwale sind zu komplexem Denken, Entscheidungen, Problemlösungen und Kommunikation fähig, sagt Marino, die zudem als Geschäftsführerin für das Kimmela Center for Animal Advocacy tätig ist.

 „Insgesamt sind das Eigenschaft einer Tierart mit einer hoch entwickelten allgemeinen Intelligenz, die zu empathischen Reaktionen in der Lage ist.“

Buckelwalkalb spielt mit Tauchern und Mutter
Dieser Buckelwal und sein Kalb spielten vor der Küste von Tonga miteinander.

Zudem sind Buckelwale nicht die einzigen Tiere, die eine gewisse Rücksicht auf andere Spezies zu nehmen scheinen. Ein besonders bekanntes Beispiel sind Delfine. Es gibt diverse Berichte darüber, wie sie Hunden, anderen Walen und vielleicht sogar Menschen „geholfen“ haben. Allerdings bleibt anzumerken, dass viele dieser Begebenheiten von Laien gemeldet werden und es einfach sein kann, tierisches Verhalten zu missverstehen.

Ob Buckelwale sich nun einfach zu guten Taten hinreißen lassen oder selbst von ihrem Verhalten profitieren: Klar ist, dass die Wissenschaft noch viel über das Verhalten und die Motivationen von Tieren lernen muss.

Pitman zufolge tun Tiere größtenteils eigentlich immer das, was in ihrem eigenen Interesse liegt – selbst, wenn ihre Motivationen für menschliche Beobachter nicht immer sofort ersichtlich sind.

„Als Biologen sollten wir genau dort anfangen, nach Erklärungen zu suchen.“

Der Artikel wurde ursprünglich in englischer Sprache auf NationalGeographic.com veröffentlicht.

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