„Bienenfresser breiten sich massiv aus“

Einige Vogelarten finden in Deutschland keine Lebensgrundlage mehr, andere ziehen vom Mittelmeer nach Mecklenburg. Ein Gespräch mit Eric Neuling vom Naturschutzbund Deutschland über die Folgen des Klimawandels für die Vogelwelt und die Fehler der Politik.

Bienenfresser sind die wohl buntesten Zuzöglinge des Landes. Durch die steigenden Temperaturen in Deutschland fühlen sie sich hierzulande immer wohler. Sie sind eine der vielen Vogelarten, die ihre Brutareale nach Norden ausweiten. 

Bild Hans Illich-Edlinger, Unsplash
Von Nina Piatscheck
Veröffentlicht am 8. Sept. 2021, 12:48 MESZ

111 von 259, also 43 Prozent: So hoch ist die Zahl der Vogelarten, die in Deutschland als gefährdet gelten. Wie es um unsere Vogelwelt bestellt ist und wer gerade besonders zu kämpfen hat, erklärt Eric Neuling, 40, Referent für Vogelschutz beim Naturschutzbund Deutschland (Nabu), Berlin.

Herr Neuling, alle fünf Jahre gibt die „Rote Liste der Brutvögel“ einen Überblick über die gefährdeten Arten in der deutschen Vogelwelt. Die jüngste hat gezeigt, dass hierzulande erneut zwei Vogelarten ausgestorben sind: der Steinwälzer und der Würgfalke. Wie alarmierend ist das für den Nabu?

Das ist natürlich keine gute Nachricht. Ausgestorben heißt konkret, dass bei diesen Arten in Deutschland in den vergangenen fünf Jahren erneut keine Brutvorkommen beobachtet werden konnten. Bei Würgfalken und Steinwälzer gibt es aber – wie bei einigen sehr seltenen Arten – hohe Fluktuationen der konkreten Brutbestände innerhalb Deutschlands. Der Würgfalke ist eher in Osteuropa beheimatet und war hier schon immer sehr selten. Der Steinwälzer ist eine vor allem nordeuropäische und arktische Art, die an unserer Nord- und Ostseeküste sowieso ihre südlichste Verbreitungsgrenze hatte. Die Klimaerwärmung ist gerade bei solchen nordischen Arten natürlich ein Faktor, der noch große Auswirkungen mit sich bringen wird. 

Weil die Verbreitungsgebiete schrumpfen?

Genau. Viele Arten verlieren an ihrer südlichen Verbreitungsgrenze durch den Temperaturanstieg zunehmend passende Lebensräume – wie etwa Feuchtgebiete – und flüchten in den Norden. Aber Richtung Norden gibt es eine topografische Begrenzung und nicht endlos geeignete Brutreviere. Wenn das Verbreitungsgebiet schrumpft, schrumpfen irgendwann die Bestände. Aber in Deutschland kommen auch Klimaprofiteure an. Ein Beispiel ist der Bienenfresser, der lange nur in Südeuropa heimisch war. Es gibt mittlerweile über zweitausend Paare in Deutschland, die nördlichsten Kolonien findet man inzwischen in Mecklenburg-Vorpommern und Schleswig-Holstein. Die Art breitet sich massiv aus.

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Hat das Nachteile für die Biodiversität?

Bislang nicht. Aber die schnelle Ausbreitung zeigt ganz deutlich, dass wir es nicht mit einer natürlichen Entwicklung zu tun haben. Und langfristig wird das ökologische Zusammenspiel der Arten durcheinandergewirbelt.

Gibt es noch mehr Beispiele?

Der Silberreiher ist auch so ein Fall, auch er brütet mittlerweile bei uns. Diese Besiedlung neuer Gebiete im Norden betrifft aber auch andere Organismen wie Insekten. Plötzlich gibt es giftige Spinnen in Deutschland, die es vorher nie gab. Gesundheitsgefährdende Zecken breiten sich weiter nach Norden aus.

Weil das Klima milder wird, bleiben immer mehr Zugvögel im Winter in Deutschland. Welche Veränderungen bringt das mit sich?

Den Effekt gab es schon immer. Nur nimmt eben die Häufigkeit bestimmter Ereignisse – wie mildere Winter – zu. Je häufiger wir milde Winter haben, desto besser geht es den Arten, die sonst wegziehen würden und das im milden Winter nicht tun. Stare oder Meisen zum Beispiel. Sie haben natürlich einen Startvorteil im nächsten Frühling. Das macht wiederum denen Probleme, die weiterhin in den Süden ziehen: Ihnen geht es langfristig schlechter durch einen geringeren Bruterfolg, weil die sichersten Brutplätze zuerst besetzt sind und Langstreckenzieher wie der Grauschnäpper schlicht zu spät kommen. 

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Wie steht es insgesamt um die Vögel in Deutschland?

Wir haben ein gemischtes Bild mit einer Tendenz nach unten. Insgesamt sind die Bestände in den vergangenen 40 Jahren um 7% zurückgegangen. Aber bei manchen Arten sehen die Zahlen ganz anders aus. Am meisten Sorgen machen uns die Agrarvogelarten. Sie sind durch die Intensivierung der Bewirtschaftung stark zurückgegangen: Seit 1980 ist der Bestand um 34 Prozent geschrumpft. Das ist enorm. Bei Rebhuhn, Turteltaube und Kiebitz sind die Bestände sogar um rund 90 Prozent eingebrochen. Und auch andere Arten wie Braunkehlchen, Uferschnepfe und Bekassine sind bedroht. Letztere sind Arten, die vor allem in Feuchtwiesen leben, die wiederum auch landwirtschaftlich genutzt werden. Und die alarmierendste Zahl: 43 Prozent der 259 regelmäßig in Deutschland vorkommenden Brutvogelarten sind gefährdet. So zum Beispiel Knäkente und Raubwürger. Und auch der Goldregenpfeifer gilt bereits quasi als ausgestorben.

Was heißt quasi?

Wir konnten in den letzten zehn Jahren nur noch Brutverdachte anstellen, aber keine Brutnachweise mehr feststellen und können davon ausgehen, dass in der nächsten Roten Liste auch diese Art als ausgestorben gelten wird. Lebensraum des Goldregenpfeifers sind Hochmoore. Diese sind zu klein geworden und wurden zu stark entwässert in den letzten Jahrzehnten. Das größte Problem ist – und das nicht nur auf ehemaligen Moorflächen – die Landwirtschaft: Monokulturen, Dünger und Pestizide führen zu immer weniger Diversität.

Ein weiteres Problem ist der Anstieg des Meeresspiegels.

Ja, den Arten an Meeren und Küsten geht es auch tendenziell schlechter. Hier sind wir neben Problemen wie Vermüllung und Überfischung wieder beim Klimawandel, der schon konkrete Auswirkungen zeigt: Die Populationen von Fischen und anderen Beutetieren im Meer und entlang der Küsten verlagern sich, damit verschwinden Nahrungsräume für Vögel. Der Meeresspiegelanstieg wird die Wattflächen bei Ebbe verkleinern. Für Millionen Zugvögel ist das Wattenmeer im Frühjahr und Herbst Raststätte, sie fressen dort Würmer, Schnecken, Muscheln. Die Menge an Nahrung schrumpft mit der Fläche.

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Gibt es auch gute Nachrichten?

Definitiv, wir haben im Naturschutz einige Erfolge zu verzeichnen. Den Sorgenkindern der 70er und 80er Jahre wie Uhu, Seeadler, Wanderfalke, Schwarzstorch und Kranich, denen geht es zum Großteil wirklich viel besser. Das sind sogenannte Flaggschiff-Arten des Vogelschutzes, die stark davon profitieren, dass ihre konkreten Nest-Standorte geschützt werden. Auch der Spatz ist eine Erfolgsart. Er stand lange auf der roten Liste. Nun wurde er aber von der Liste entlassen, da sich sein Bestand so erholt hat – und das nicht nur in den ‚unordentlichen‘ Städten, wo es den Haussperling, wie der Spatz ja eigentlich heißt, vorher schon häufig gab.

Was genau hat da geholfen?

Er ist generell sehr anpassungsfähig und nimmt auch Nistkästen gerne an. Es gibt viel mehr Leute, die diese aufhängen und tatsächlich gucken, dass sie ein pflanzenreicheres Umfeld für Spatzen oder auch Insekten schaffen. Das sind jetzt keine Riesensprünge, aber sukzessive regeneriert sich der Bestand in Deutschland.

Das heißt, man kann beobachten, dass Menschen sich privat mehr für die Natur einsetzen als noch vor ein paar Jahren?

Ja, immer mehr Privatpersonen tun dies, auch einzelne Kommunen. Sie sagen: Wir mähen jetzt nur noch ein- oder zweimal, es wird nicht mehr so viel mit Asphalt versiegelt, sondern stärker darauf geachtet, der Natur mehr Raum zu geben. Das ist ein sehr wichtiger und guter Trend, der aber in noch viel mehr Kommunen aufgegriffen werden muss. 

Es gibt Bauern, die ihre Felder jetzt an Privatpersonen vermieten – als „Insektenparadiese". Nimmt so etwas zu?

Ja, das sind schöne Aktionen und diese polarisierte Diskussion, dass die Landwirte die Natur zerstören, ist natürlich sehr einseitig und auch falsch. Vielen ist sehr daran gelegen, dass es der Natur gut geht, und da fühlen sich viele Landwirte zurecht völlig ins falsche Licht gestellt. Aber eben genau dieses Beispiel zeigt doch, dass etwas mit dem System an sich nicht funktioniert in diesem Land. Denn der Landwirt bedient sich privater Geldgeber, damit sich sein Einsatz für die Natur lohnt. Eigentlich wäre es Aufgabe der Politik, dafür zu sorgen, dass er für Allgemeinwohlleistungen wie eine gesunde Natur ausreichend Subventionsmittel bekommt, damit er gar nicht darauf angewiesen wäre, sich alternative Geschäftsmodelle zu suchen.

Sie haben Nistkästen genannt. Was kann man sonst privat tun, wenn man Vögeln helfen möchte?

Eine ganze Menge. Wenn man ein bisschen Platz hat, einen Balkon oder einen eigenen Garten, sollte man versuchen, diese als kleines Naturschutzgebiet zu begreifen und dementsprechend der Natur Vorrang zu lassen. Wer einen Garten hat: nicht zehnmal im Jahr, sondern vielleicht nur zweimal mähen, Hecken nicht so stark stutzen und Ecken auch mal unaufgeräumt lassen. Das bietet automatisch Platz für viel mehr Arten und natürliche Nahrungsquellen für Vögel und Insekten. Nachhelfen kann man dann zusätzlich noch mit Insektenhotels und Vogeltränken.

Und wenn man nur einen winzigen Balkon hat oder ein Fensterbrett?

Dann hilft es erstmal, grundsätzlich heimische Arten zu pflanzen, nicht die aus dem Baumarkt mit gefüllten Blüten, die nur bunt sind, aber ansonsten den Insekten überhaupt nichts bieten. Glockenblumen zum Beispiel. Auch Kräuter wie Thymian, Rosmarin und Salbei sind absolute Insektenmagneten. Und es hilft auch, wenn man bei den abgeblühten Pflanzen nicht sofort alles abschneidet, sondern die verwelkten Blüten als Nahrung stehen lässt. Das freut Stieglitz, Spatzen und andere körnerfressende Vögel.

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