Umwelt

Kinderalltag in Indien: Zwölf Meter abwärts für einen Eimer Wasser

Indien erlebt aktuell die schlimmste Wasserkrise in der Geschichte des Landes. Die Zukunft verspricht keine Besserung. Dienstag, 26 Juni

Von Heather Brady

Wenn Kajal Lodha und die anderen Bewohner ihres Dorfes Wasser brauchen, stehen ihnen ein langer Fußmarsch und eine steile Kletterpartie bevor.

Die Menschen in einem Dorf des indischen Bundesstaates Madhya Pradesh müssen in der heißen Sonne tagtäglich mehrere Kilometer weit laufen, um einen Brunnen zu finden, der noch Wasser führt. Viele Brunnen des Landes sind in der Sommerhitze einfach ausgetrocknet.

Die steinernen Schächte sind bis zu zwölf Meter tief und führen oft nur dreckiges, milchig weißes Wasser, in dem sich Würmer tummeln. Die Bewohner kochen das Wasser ab, bevor sie es trinken.

Mädchen aus den Dörfern klettern an der Brunnenwand hinab, entweder ohne Sicherungen oder nur mit Seilen. Dabei nutzen sie nur Zwischenräume zwischen den Steinen oder dünne Sprossen, um mit Füßen und Händen Halt zu finden. Wenn sie den Boden erreichen, füllen sie Wasser in Eimer, die an Seilen hinabgelassen wurden und im Anschluss wieder von den oben wartenden Dorfbewohnern hinaufgezogen werden. Wenn die Mädchen beim Klettern ausrutschen, können sie in die Tiefe fallen – und es kommt häufig zu Unfällen. Die 28-jährige Lodha sagte in einem Interview, dass sich ein Mädchen aus einem Nachbardorf ein Bein gebrochen hat, nachdem sie im letzten Monat beim Klettern in einem Brunnen abgestürzt war.

Aber nicht nur Lodhas Dorf hat mit dieser Problematik zu kämpfen. In ganz Indien sind Menschen von der bisher schlimmsten Wasserkrise in der Geschichte des Landes betroffen. Das NITI Aayog (National Institute for Transforming India Aayog), eine Denkfabrik der Regierung, veröffentliche Mitte Juni einen Bericht, dem zufolge jedes Jahr 200.000 Menschen in Indien sterben, weil sie keinen Zugang zu sauberem Trinkwasser haben. Die Experten rechnen damit, dass sich die Krise in den kommenden Jahren noch verschärfen wird.

Laut dem Bericht wird der Wasserbedarf in Indien die verfügbaren Vorräte bis zum Jahr 2030 um das Doppelte übersteigen. Dann werden Hunderte Millionen von Menschen – wie jene in Lodhas Dorf – mit extremer Wasserknappheit zu kämpfen haben.

Weitere Daten könnten helfen, das Problem in vollem Umfang zu begreifen, und auch eine Kooperation zwischen den indischen Bundesstaaten würde dem NITI Aayog zufolge helfen. Laut dem Bericht der Denkfabrik betrachten die Staaten das Wassermanagement derzeit als Nullsummenspiel, und in jüngster Zeit gab es sieben Streitfragen zur Thematik der Flüsse, an denen die Hälfte von Indiens 29 Staaten beteiligt war.

 

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