Umwelt

Eine Radtour durch den Klimawandel in den USA

Von verheerenden Waldbränden bis zu katastrophalen Käferplagen erlebte ein Wissenschaftler den Klimawandel aus nächster Nähe.Mittwoch, 19. September 2018

Von David Goodrich
Einige der kleinsten Gletscher des Glacier-Nationalparks könnten in den nächsten 10 bis 20 Jahren verschwinden.

Obwohl ich schon jahrelang mit dem Gedanken gespielt hatte, hielt das Bezwingen des Cameron Pass in Colorado mit einem voll bepackten Tourenrad mehr als nur eine böse Überraschung bereit. Ich war an der Atlantikküste zu einer 6.760 Kilometer langen Fahrradtour aufgebrochen. Doch schon am zweiten Nachmittag auf dem Pass, der bis auf 3.110 Meter hinaufführte, fühlten sich meine Beine schlapp an. 

Als ich mich endlich bis zum Gipfel hinaufgekämpft hatte, wartete dort oben ein Schild auf mich, das den weiteren Weg markierte. Nur langsam bemerkte ich noch etwas anderes: Der prachtvolle grüne Wald, den ich erwartet hatte, stellte sich als ein Meer aus toten, grauen Bäumen heraus.

Als ich meinen Dienst als Klimawissenschaftler der National Oceanic and Atmospheric Administration (NOAA) beendete, fasste ich den Entschluss, mit dem Fahrrad quer durch die USA zu reisen, um den Klimawandel aus nächster Nähe zu leben. Am Cameron Pass begegnete ich einem Phänomen, von dem ich vorher nur gelesen hatte: dem typischen Schadbild, das der Bergkiefernkäfer hinterließ. Da die Temperaturen durch den Klimawandel nun länger in höheren Bereichen verweilen, hatten die gefräßigen Käfer binnen eines Jahres nicht nur Zeit für eine, sondern für zwei Generationen. Die Verteidigungsmechanismen der Bäume waren dem nicht gewachsen. Die Schäden durch die Käfer ziehen sich von den Sangre de Cristo Mountains in New Mexico bis hin zum Yukon in Kanada, von den östlichen Ausläufern der Rocky Mountains bis zum Pazifik. Der Klimawandel ist kein unheilvolles Phänomen, mit dem sich erst unsere Enkel auseinandersetzen müssen – er passiert hier und jetzt. 

Auch andernorts manifestiert er sich auf unterschiedlichste Art und Weise. Letztes Jahr hat der Hurrikan Harvey über Houston fast 130 Zentimeter Wasser abgeregnet. Kurz darauf hinterließ der Hurrikan Maria in Puerto Rico eine Spur der Zerstörung. Solche Stürme hat es schon immer gegeben. Aber da sich die Welt langsam erwärmt, verdampft auch mehr Wasser. Über dem Meer können große Stürme dieses Wasser mit sich tragen und es dann an Land niederregnen lassen. Neben dem erhöhten Sturmaufkommen müssen wir uns auch dem Anstieg des Meeresspiegels stellen, der durch die schmelzenden Eisschilde und die Ausdehnung des sich erwärmenden Wassers vorangetrieben wird. 

Zu Beginn meiner Reise besuchte ich eine zerstörte Düneninsel namens Fowler Beach, auf der einst eine blühende Gemeinde existierte. Mittlerweile hängt die Leitplanke der Zugangsstraße über dem Sand und den Resten des aufgebrochenen Asphalts am Rande des Meeres. In der Brandung sind noch die Fundamente alter Gebäude sichtbar.  

Von einer Küste zur anderen und in den Bergen dazwischen prangen überall die Zeichen einer sich verändernden Landschaft. Im Glacier-Nationalpark in Montana fuhr ich die Going-to-the-Sun Road entlang. Die große Straße führt steil in die nördlichen Rocky Mountains hinauf und bietet ringsum großartige Aussichten. Am Horizont sieht man einige der Gletscher, die dem Nationalpark seinen Namen verliehen. Der kleinste von ihnen könnte binnen der nächsten 10 oder 20 Jahre verschwinden. 

Nach meiner Fahrt traf ich mich mit David Benson, einem Biologieprofessor, der im Sommer als Ranger im Glacier-Nationalpark arbeitet. Schon seit 20 Jahren erforscht er das kleine Weißschwanz-Schneehuhn, einen Bodenbrüter. Infolge des Klimawandels haben die Vögel ihre Nester weiter hoch in die Berge verlegt. Manche von ihnen sind auf andere Lebensräume ausgewichen und haben sich weiter vom Schnee und Wasser entfernt. Trotz dieser Anpassungsversuche ist ihre Population dramatisch eingebrochen. Die Lektion, die er von diesen Vögeln gelernt hat, lässt sich auch auf unsere Art anwenden: Weich aus, pass dich an oder stirb.  

Der Industrie-und Wirtschaftssektor rund um fossile Brennstoffe ist riesig, ebenso wie sein Einfluss. Wenn wir den Klimawandel einigermaßen in Grenzen halten wollen, können wir nicht immer weiter nach neuen Quellen für fossile Brennstoffe suchen. Im Boden befindet sich eine ganze Menge Kohlenstoff, der genau dort bleiben sollte. 

Allerdings gibt es auch Grund zur Hoffnung. Als ich 2011 das erste Mal mit dem Rad durch Kansas fuhr, war ich schon fast an der Grenze des Bundesstaats angelangt, als ich endlich die ersten Windkraftanlagen sah. Fünf Jahre später konnte ich bei einer Tour durch Kansas, Iowa und Montana kaum noch einen Ort finden, von dem aus ich keines der riesigen Windräder sehen konnte. Zusammen mit den sinkenden Preisen für Solarenergie scheint die Zukunft für erneuerbare Energien mit großen Schritten näherzukommen. Auch der Energiemarkt verändert sich. Zunehmend sieht man Solaranlagen und Elektroautos. 194 von 195 Ländern sind weiterhin Teil des Pariser Klimaabkommens. Einzig die USA scheinen eine Kehrtwende machen zu wollen.

Da die warmen Jahreszeiten nun länger andauern, konnten diese kleinen Bergkiefernkäfer binnen weniger Jahre riesige Bereiche der Wälder in den Rocky Mountains vernichten.

Zwei der bedeutendsten Ölquellen in Nordamerika befinden sich zu beiden Seiten der Grenze. Die Ölsande im Norden von Alberta sind ein besonders CO2-intensives Unterfangen und der Grund für die Keystone XL Pipeline. Die dazugehörigen Absetzbecken zählen zu den größten menschlichen Bauwerken des Planeten. Jenseits der Grenze ist die Erschließung der Bakken-Formation in North Dakota eines der spektakulärsten Projekte dieses Jahrhunderts. Früher habe ich auf den Offshore-Bohrinseln vor Louisiana gearbeitet. Ich weiß, dass viele Menschen und ganze Städte von der Ölindustrie leben.  

Der letzte Abschnitt führte mich auf 1.770 Kilometern von diesen Ölsanden in Alberta zur Bakken-Formation, hinaus aus den Nadelwäldern und durch die Prärie. 

Einer der eindrucksvollsten Aspekte dieser Fahrt waren die Folgen des Waldbrands Fort McMurray im Jahr 2016, den die Einheimischen auch als „die Bestie“ bezeichnen. Im Westen Kanadas und der USA ist die Waldbrandsaison länger geworden und das Risiko für besonders verheerende Brände ist gestiegen – ebenfalls eine Folge des Klimawandels. Mit einem Versicherungsschaden von 3,7 Milliarden Dollar war „die Bestie“ die größte Versicherungskatastrophe in der Geschichte Kanadas. Das Feuer wütete im Herzen der Ölsandregion ganze zwei Monate lang. Fort McMurray wurde evakuiert und mehrere administrative Teilbezirke brannten vollständig aus. Während des Höhepunkts der Feuersbrunst waren eine ganze Hubschrauberflotte und 2.200 Menschen an der Brandbekämpfung beteiligt. Die Innenstadt konnte gerettet werden, aber noch heute sind einige Viertel mit dem Wiederaufbau beschäftigt. Inmitten des ganzen Baugeschehens entdeckte ich einige intakte Häuser mit Brandspuren. Kilometerweit um die Stadt herum standen verbrannte Bäume. 

Wenn wir Reisen, werden wir aus dem Alltag und dem Hier und Jetzt herausgezogen – weg von der nächsten Textnachricht, der nächsten Deadline, der nächsten Nachrichtenschwemme. Wir erhalten die Möglichkeit, einen Schritt zurück zu treten und die dramatischen Veränderungen zu betrachten, die sich in unserem Land abspielen. Veränderungen wie besonders lange und trockene Sommer, die Ausweitung der tropischen Klimazone und der Anstieg des Meeresspiegels hängen eng mit der Nutzung fossiler Brennstoffe zusammen. Es scheint fast so, als würde eine unaufhaltsame Kraft uns einer lebensbedrohlichen Situation entgegenschleudern, in der große Bereiche des Planeten für uns unbewohnbar werden. Unser Erfolg dabei, diese Kraft zu bremsen, wird das Schicksal jener Orte bestimmen, die uns am Herzen liegen. 

Der Artikel wurde ursprünglich in englischer Sprache auf NationalGeographic.com veröffentlicht.

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