Umwelt

Europol deckt in Europa illegalen Thunfischhandel auf

Der illegale Handel verletzte nicht nur Hygienevorschriften, sondern gefährdete auch den Thunfischbestand.Dienstag, 23. Oktober 2018

Von Dina Fine Maron
Europäische Strafverfolgungsbehörden haben eine gewaltige Operation für den illegalen Fang von und Handel mit Thunfisch aufgedeckt.

Der Rote Thun oder Blaufossen-Thunfisch (Thunnus thynnus) zählt zu den größten und schnellsten Fischen der Welt – und im Hinblick auf seine Verkaufszahlen wohl auch zu den leckersten. Diese großen Raubfische mit dem metallenen Schimmer sind vor allem für Sushi und Thunfisch-Steaks begehrt, aber auch in Konservenform allgegenwärtig in Supermärkten anzutreffen. Sie können mehr als viereinhalb Meter lang und über 650 Kilogramm schwer werden. Auf dem Schwarzmarkt erzielen sie hohe Preise. 

Die Machenschaften einer internationalen Verbrecherorganisation, die jährlich mehr als 2.000 Tonnen Thunfisch umsetzte – mehr als das zehnfache Gewicht eines Blauwals –, wurde vor Kurzem von Europol aufgedeckt. Die Ermittlungsergebnisse der Polizeibehörde lassen vermuten, dass die illegal verkaufte Menge von Rotem Thun in Europa wahrscheinlich doppelt so groß ist wie die legal verkaufte Menge. 

Nach monatelanger Ermittlungsarbeit in Spanien, Portugal, Frankreich, Malta und Italien nahmen spanische Behörden schließlich 79 Personen fest und beschlagnahmten 80.000 Kilogramm Thunfisch. Des Weiteren wurden sieben Luxusfahrzeuge und eine halbe Million Euro in bar sichergestellt. Die Festnahme erfolgte Ende Juni in Spanien, wie Europol im Oktober mitteilte. 

Polizisten begutachten den Thunfisch in einem Lastwagen.

Die Aktion lief laut Jose Alfaro, einem Europol-Spezialisten für Umweltverbrechen, unter dem Namen Operation Tarantelo ab – eine Anspielung auf ein besonders exquisites Stück, das seitlich auf Höhe der Schwanzflosse aus dem Fisch geschnitten wird. Die Operation wurde von Europol geleitet und in Partnerschaft mit den beteiligten Ländern durchgeführt. Die Ermittler kamen zu dem Schluss, dass die illegalen Aktivitäten mehrere Fischereiunternehmen sowie ein Netzwerk von Personen betrafen, die offensichtlich Dokumente gefälscht und in der Region Fisch geschmuggelt haben. 

Ein erheblicher Teil des beschlagnahmten Thunfischs wurde von panischen LKW-Fahrern einfach am Straßenrand zurückgelassen, als es zu koordinierten Razzien in Spanien, Portugal und Italien kam, sagt Alfaro. 

Die Nachricht hat europäische Artenschutzgemeinschaft ebenso überrascht wie schockiert. „Dass illegaler Fischfang in einem so enormen Umfang stattfindet, hat uns überrascht, und das ist ziemlich beunruhigend“, sagt Paulus Tak, der die Delegation der Pew Charitable Trusts der International Commission for the Conservation of Atlantic Thunas (ICCAT) anführt. Das globale Gremium bestimmt die regionalen Grenzwerte für den jährlichen Thunfischfang. 

Die Ermittler vermuten, dass der illegale organisierte Thunfischhandel seit vielen Jahren besteht und durch den Verkauf von bis zu 2,5 Millionen Kilogramm undokumentiertem Fisch jährlich mehr als zwölf Millionen Euro erwirtschaftet. Die europäischen Behörden, die die illegale Operation verfolgten, stellten auch fest, dass die Fische für gewöhnlich in italienischen und maltesischen Gewässern gefangen und aus Frankreich nach Spanien eingeführt wurden. 

Das gewaltige Ausmaß der illegalen Fischerei hat das Potenzial, die Nachhaltigkeit der Fischbestände zu gefährden, warnt Tak. Ihm zufolge wird diese Enthüllung auch ein Schlüsselfaktor bei künftigen Verhandlungen über den legalen Fang von Rotem Thun sein. 

Die spanischen Behörden hatten sich im vergangenen Frühjahr erstmals an Europol gewandt, als eine Flut von Rotem Thun die Märkte des Landes überschwemmte. Bald darauf entdeckten die Ermittler, dass die Fischer in zahlreichen Fällen ihren offiziellen, legalen Thunfischfang an Bord behielten und größere Mengen nicht erfasster Fische unter doppelten Böden auf ihren Schiffen transportierten. Lkw-Fahrer, die sowohl illegalen als auch legalen Thunfisch transportieren, legten regelmäßig Papiere vor, denen zufolge sie beispielsweise vier Tonnen Fisch geladen hatten, obwohl sie in Wirklichkeit 14 Tonnen hatten, sagt Alfaro. Er war anwesend, als ein solcher Lkw gerade in ein großes Fischlager in Malta einfuhr. 

Da viele der gehandelten Fische in diesem illegalen Netzwerk nicht unter hygienischen Bedingungen gelagert und nicht schnell eingefroren werden, haben sie Alfaro zufolge mindestens acht Fälle von Lebensmittelvergiftungen verursacht. 

Roter Thun wird häufig für Sushi und Sashimi verwendet, daher ist Japan auch der größte Importeur. Aber auch der europäische Markt ist von Bedeutung: In Spanien und Italien wird der Thun gern als Steak oder gestückelt gegessen. 

Unser großer Appetit auf diese Fische bedroht jedoch ihr Überleben. 
Schon vor einem Jahrzehnt bezeichnete eine Überprüfungskommission der ICCAT das wirtschaftliche Management von Rotem Thun als „internationale Schande“. Damals waren die Thunfischbestände so weit zusammengeschrumpft, dass die Tiere als potenzielle Kandidaten für ein weltweites Handelsverbot im Rahmen des Washingtoner Artenschutzübereinkommens (CITES) infrage kamen. 

Aber Tak zufolge hat eine Vielzahl von wirkungsvollen Schutzmaßnahmen den Fischen letztendlich helfen können. Dazu zählen auch strenge Fangbeschränkungen und eine bessere Überwachung durch die Einführung eines elektronischen Fangdokumentationssystems. Im Jahr 2005 belief sich die nach Gewicht geschätzte erwachsene Population für den östlichen Bestand an Rotem Thun – der größten Gruppe von Thunfisch – auf etwa 300.000 Tonnen. Aktuelle Schätzungen der ICCAT liegen bei 530.000 Tonnen. (Pew zufolge handelt es sich dabei jedoch um sehr unsichere Schätzungen.)    

Laut Tak werfen die neuen Europol-Ergebnisse Fragen über das tatsächliche Ausmaß der Bestandserholung des Roten Thuns auf und deuten darauf hin, dass er stärker gefischt wurde als bisher angenommen. 
Wenn man an organisierte Kriminalität denkt, kommt einem Umweltkriminalität vielleicht nicht als erstes in den Sinn. Diese Ermittlungen machen aber deutlich, dass sie existiert, wie Alfaro sagt. 
„Für mich ist das das Wichtigste.“ 

Der Artikel wurde ursprünglich in englischer Sprache auf NationalGeographic.com veröffentlicht. 

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