Umwelt

Der Feind in meinem Bad: Kein Tag ohne Palmöl

Im Selbstversuch dokumentierte die Autorin einen Tag lang jede Begegnung mit Palmöl in ihrem Haushalt und fragte sich, ob ein kompletter Verzicht wirklich notwendig ist. Montag, 17 Dezember

Von Hillary Rosner

Eines verschneiten Morgens im Dezember quälte ich mich im Dunkeln aus dem Bett. Im Bad wusch ich mir die Hände, putzte meine Zähne und rieb mir ein bisschen Feuchtigkeitscreme ins Gesicht. Noch ehe die aufgehende Sonne die Berge hinter meinem Fenster in ein sanftes Rosa tauchen konnte, noch bevor ich es überhaupt in die Küche geschafft hatte, hatte ich bereits Palmöl an meinen Händen, im Gesicht und auf meiner Zunge.

Mit viel gutem Zureden bugsierte ich meinen schläfrigen Sohn unter die warme Dusche. Und da war es wieder: in seiner Seife, seinem Shampoo, seiner Spülung und in der Lotion, mit der ich ihn nach der Dusche einrieb – noch mehr Palmöl. Es war kaum wach und schon war mein fünfjähriges Kind bereits von oben bis unten mit dem Zeug eingeschmiert.

Um herauszufinden, wie allgegenwärtig Palmöl mittlerweile in unserem Leben geworden ist, hatte ich beschlossen, einen Tag lang jede Begegnung mit dem Pflanzenöl aufzuzeichnen.

Das Badezimmer

Palmöl ist das beliebteste essbare Öl der Welt und macht ein Drittel der Menge aller Pflanzenöle aus, die auf unserem Planeten konsumiert werden. Die Ölpalmen, aus denen es gewonnen wird, sind äußerst ertragreiche Pflanzen. Ihr Anbau geht jedoch auf Kosten blühender Regenwälder, und die zunehmende Ausbreitung ihrer Plantagen resultiert in Menschenrechtsverletzungen, dem Rückgang von Arten und einer Zunahme schädlicher CO2-Emissionen.

Jetzt denkt man sich vielleicht: Moment mal! Ich habe aber noch nie gesehen, dass „Palmöl“ bei den Zutaten für meine Hautpflegeprodukte steht! Das stimmt vermutlich – und trotzdem ist es darin vorhanden. Palmöl versteckt sich als Zutat in anderen Zutaten.

Ein Beispiel dafür ist Decylglucosid, das sich inmitten der ansonsten einfach auszusprechenden Inhaltsstoffe des Erdbeer-Duschgels verbirgt, das in meiner Familie besonders beliebt ist. Decylglucosid ist ein Tensid, das in vielen Babyshampoos und Produkten für empfindliche Haut verwendet wird. Eines seiner Bestandteile ist Decanol – ein langkettiges Fettalkohol-Molekül, das oft aus Palmöl gewonnen wird.

Laurylglucosid ist ebenfalls ein Tensid, das aus Kokos- oder Palmöl gewonnen wird. Tenside sorgen dafür, dass Stoffe wie Öl und Wasser gemischt werden können, die sich im Normalfall nicht miteinander verbinden. Laurylglucosid ist auch in meiner Zahncreme enthalten, genau wie Natriumlaurylsulfat (sodium lauryl sulfate), das ebenfalls aus Palmöl gewonnen wird und für den Schaum in der Zahnpasta sorgt.

Selbst in unseren Haarspülungen ist Palmöl in Form von Glycerin und Cetylstearylalkohol (cetearyl alcohol) enthalten. Letzteres ist ein beliebter Inhaltsstoff, um Haarspülungen anzudicken.

Die Küche

Die Überraschung wartete dann aber in meiner Küche: Dort konnte ich kaum irgendwo Palmöl finden. Na gut, da stand ein Glas Mandelbutter, in der das Palmöl dafür sorgt, dass sie streichfähig bleibt. Ich hatte einen Karton mit Müsliregeln mit Schokoladenüberzug. Wie bei so vielen anderen Müsliregeln sorgt das Palmöl dort dafür, dass der Schokoladenbezug eine cremige Konsistenz hat. Darüber hinaus stand da noch ein Karton mit Crackern, die wir einige Wochen zuvor für meinen Mann gekauft hatten. Auch darin wurde Palmöl benutzt, um die Konsistenz ein wenig cremiger zu gestalten.

Aber das war alles. Zum Frühstück aß mein Sohn eine Schüssel Joghurt mit frischen Äpfeln, Beeren aus dem Tiefkühler und ein Ei, das in Olivenöl gebraten wurde. Ich hatte Toast (von der Bäckerei, der deshalb weniger Zutaten enthielt als abgepacktes Sandwichbrot) mit Avocado und Marmite. Mein Mann hatte Reis vom Vortag mit Spiegelei und Spinat. Nirgendwo Palmöl.

Das liegt daran, dass die meisten Dinge, die wir an jenem Morgen aßen, unverarbeitet waren oder eine ziemlich kurze Zutatenliste hatten. Größtenteils findet sich Palmöl eher in verarbeiteten Lebensmitteln.

Generell lässt sich sagen: Je größer die Zahl der Herstellungsschritte eines Produktes nach der Ernte der Zutaten ist, desto länger wird die Zutatenliste und desto höher ist die Wahrscheinlichkeit, dass Palmöl enthalten ist – beispielsweise bei Tiefkühlpizza und Süßigkeiten. Wer weniger Palmöl essen will, sollte also weniger verarbeitete Nahrungsmittel zu sich nehmen. Das ist obendrein auch noch gesünder.

Palmöl und Verantwortung

Nur weil ein Produkt Palmöl enthält, heißt das natürlich noch nicht unbedingt, dass es zur Zerstörung unserer Umwelt beiträgt. Es gibt durchaus umweltbewusste Hersteller, deren Palmöl ein Nachhaltigkeitszertifikat der Rainforest Alliance oder des Roundtable on Sustainable Palm Oil (RSPO) hat. Einige Unternehmen legen auch Wert darauf, Fair-Trade-Palmöl aus kleinen Plantagen zu beziehen, die mit traditionellen Methoden abgeerntet werden.   

Allerdings lässt sich oft nur schwierig herausfinden, ob ein Produkt Palmöl enthält – geschweige denn, ob es aus nachhaltiger Produktion stammt. Ich habe einen beträchtlichen Teil des Tages damit verbracht, mir die Zutatenlisten der Produkte durchzulesen, die meine Familie benutzt hatte, und herauszufinden, welche chemischen Bestandteile mit Palmöl hergestellt wurden. Meine Gesichtscreme war der feuchte Traum eines jeden Palmölbauern: Palmitinsäureascorbylester (ascorbyl palmitate), Retinylpalmitat (retinyl palmitate), Ethylhexylglycerin (ethylhexylglycerin), Glyceryl Stearate und so weiter, allesamt in irgendeiner Form mit Palmöl hergestellt.

Viele umweltbewusste Hersteller bieten allerdings auch möglichst naturbelassene Hautpflegeprodukte ohne Palmöl an. Außerdem ist es nicht zwingend notwendig, ganz auf Palmöl zu verzichten. Manchmal kann ein Boykott der Umwelt indirekt sogar Schaden. Wenn beispielsweise ein anderes Pflanzenöl in der gleichen Menge hergestellt wird, wäre dafür mehr Land nötig.

Ein genereller Boykott trifft außerdem auch jene Unternehmen, die versuchen, ihr Palmöl auf nachhaltige und umweltbewusste Weise herzustellen. So würden sie dann ihren Wettbewerbsvorteil gegenüber jenen Unternehmen verlieren, die nur auf Profit ausgerichtet sind. Wer Unternehmen unterstützt, die umweltschädliche Praktiken meiden, kann dazu beitragen, eine ganze Industrie nachhaltiger zu gestalten.

Allerdings gibt es auch Kritiker der WWF-Initiative RSPO, die finden, dass die Standards für das Zertifikat nicht hoch genug sind. Der malaiische RSPO-Geschäftsführer Darrel Weber verweist darauf, wie wichtig es ist, die Regeln so zu formulieren, dass genügend Unternehmen beitreten und so mehr darüber erfahren können, wie sie die Ökosysteme schützen und ihre Arbeiter fair entlohnen.

„Ich würde auch gerne einen Ferrari fahren“, sagt er, „und so richtig schnell fahren und meine Freunde beeindrucken. Da das aber nur ein Zweisitzer ist, hätten davon nur ich und eine weitere Person etwas. Die Realität sieht aber so aus, dass ich einen Bus fahren muss, wenn ich etwas bewegen will. Wir müssen eine Möglichkeit finden, die ganze Gruppe mit an Bord zu holen.“

Mehrere Nichtregierungsorganisationen, darunter der WWF, die Union of Concerned Scientists und der Cheyenne Mountain Zoo, haben Ratgeber zusammengestellt, die Konsumenten dabei helfen sollen, sich über Palmölprodukte zu informieren. Alles, was man dazu braucht, ist etwas Zeit und Recherchearbeit. Wenn man bedenkt, dass es um Produkte geht, die man isst, in denen man badet und die man auf die Haut seines Kindes schmiert, ist das wohl auch angemessen.

 

Der Artikel wurde ursprünglich in englischer Sprache auf NationalGeographic.com veröffentlicht.

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