Deutschland nach der Dürre: Wie sieht der Wald der Zukunft aus?

Der Klimawandel nagt an Deutschlands Wäldern. Eine Fläche von 250.000 Fußballfeldern muss neu bepflanzt werden. Viele Probleme sind hausgemacht.Mittwoch, 23. Oktober 2019

Hier hat der Borkenkäfer ganze Arbeit geleistet: Abgestorbene Fichten im Harz.
Hier hat der Borkenkäfer ganze Arbeit geleistet: Abgestorbene Fichten im Harz.
bild Shutterstock

Er ist Lebensraum und Erholungsgebiet, Klimaschützer und Rohstoffquelle, sorgt für gesunde Luft und sauberes Wasser. Ein knappes Drittel der deutschen Landesfläche ist von Wald bedeckt. Rund 6.600 Tierarten leben darin. Wälder dienen als riesige Kohlendioxidspeicher, sind natürliche Klimaanlagen und Luftfilter. Und sie spielen eine besondere Rolle in den globalen und lokalen Wasserkreisläufen. Denn der Waldboden speichert und reinigt Niederschlagswasser wie kaum ein anderes Ökosystem.

Doch wie gesund ist Deutschlands Wald selbst? Sprach die Bundesregierung in ihrem aktuellen Waldbericht 2017 noch von einem „guten Zustand“, scheint sich die Lage seit den letzten beiden Hitzesommern dramatisch verschlechtert zu haben. Stürme, Dürre, Borkenkäferbefall und Waldbrände haben den Wäldern schwere Schäden zugefügt. Betroffen sind vor allem die Fichtenbestände. Doch auch immer mehr Laubbäume leiden.

Wissen kompakt: Entwaldung
Wissen kompakt: Entwaldung
Wälder bedecken etwa 30 % der Erde, aber durch die Entwaldung wird dieser Lebensraum im großen Maß zerstört. Erfahrt mehr über die Ursachen, Folgen und Alternativen zur Entwaldung.

Waldsterben 2.0

„Der Klimawandel hat uns deutlich schneller getroffen als erwartet“, sagt Bundeslandwirtschaftsministerin Julia Klöckner. Rund 180.000 Hektar müssten neu aufgebaut werden. Das entspricht einer Fläche von über 250.000 Fußballfeldern. „Die Bäume, die fehlen, können nicht zur Senkung des CO2 Ausstoßes beitragen“, unterstreicht die Ministerin. Der gesamte Wald soll besser an den Klimawandel angepasst werden.

Um diesen Zukunftswald zu entwickeln, setzt Klöckner auf „Mischwälder mit heimischen, standortangepassten Baumarten“. Überdies soll geprüft werden, inwiefern „eingeführte Baumarten helfen, den Wald zu erhalten und zu bewirtschaften“. Sich hinsichtlich der Baumarten, Mischungen und Altersstrukturen breiter und flexibler aufzustellen, sei ein wichtiger Ansatz für einen widerstandsfähigen Wald. Insgesamt hat Klöckner dazu Bundesmittel in Höhe von 547 Mio. Euro zugesichert.

Kommt die ökologische Waldwende?

Weg von der Monokultur – hin zu gesunden, naturnahen Mischwäldern: Naturschützer und Umweltverbände fordern das schon lange. „Eine ökologische Waldwende ist überfällig“, mahnen der Bund für Umwelt und Naturschutz Deutschland (BUND), Naturschutzbund Deutschland (Nabu), Deutscher Naturschutzring (DNR), Forum Umwelt und Entwicklung, Greenpeace, Robin Wood und WWF Deutschland in einer gemeinsamen Erklärung.

„Um die gestressten Wälder besser gegen die Auswirkungen der Klimakrise zu schützen, müssen wir sie schonender behandeln“, sagt Hubert Weiger, Vorsitzender des BUND. „Dazu gehört, das Waldinnenklima feucht zu halten, durch ein gut geschlossenes Kronendach, eine zurückhaltende Holzernte, den Schutz des Waldbodens und das Belassen von Totholz, welches wie ein Schwamm Wasser im Wald speichern kann.“ Nicht die Holzernte, sondern der Erhalt des Waldökosystems habe Priorität. Auf exotische Baumarten wie Douglasie oder Roteiche müsse aus Naturschutzgründen verzichtet werden.

Als langfristiges Ziel fordern die Umweltverbände, dass sich mindestens zehn Prozent der Wälder dauerhaft frei von forstlichen Eingriffen entwickeln dürfen. In solchen „Urwäldern von morgen“ würden nicht nur seltene Tiere, Pflanzen und Pilze besonders geschützt. Auch die Forschung könne hier wertvolle Erkenntnisse gewinnen, wie sich der Wald in der Klimakrise selbst helfen kann.
Von diesem Szenario ist man aktuell noch weit entfernt. 99 Prozent der Wälder in Deutschland sind menschlich geprägt. Das heißt im Gegenzug: Nur ein Prozent des deutschen Waldes gilt als naturbelassen.

Aktion Wald: Felix Finkbeiner
Aktion Wald: Felix Finkbeiner
Felix Finkbeiner spricht mit uns über sein „Projekt Plant for the Planet", den Klimawandel und seine nächsten Ziele.

Borkenkäfer als Botschafter

Für Peter Wohlleben steht fest: „Die klassische Forstwirtschaft schützt unsere Wälder nicht, sondern beutet sie aus.“ Geht es nach Deutschlands bekanntestem Förster, sollte man bei den meisten deutschen Wäldern ohnehin eher von Plantagen sprechen – akkurat angelegte Monokulturen aus schnellwachsenden Nadelgewächsen, die einen möglichst hohen Holzertrag liefern sollen. Als Hauptursache für Deutschlands kranke Wälder sieht Wohlleben nicht den Klimawandel. Den Wäldern gehe es vor allem schlecht geht, weil die Forstwirtschaft die falschen Bäume gepflanzt habe: Fichten und Kiefern aus nördlichen Gefilden statt ursprünglich heimischer Buchen und Eichen. Der Klimawandel verschärfe die Lage nur.

„Weil die Nadelbäume aus dem hohen Norden stammen, leiden sie hier auch ohne Rekordtemperaturen“, erklärt Wohlleben. Schon seit Jahrzehnten würden Fichten und Kiefern hierzulande ums Überleben kämpfen. Ein gefundenes Fressen für den Borkenkäfer, der bevorzugt solche geschwächten Bäume befällt. Wohlleben betrachtet den kleinen Schädling deshalb nicht nur als Indikator – sondern sogar als Wegweiser. Gnadenlos zeige er naturferne Zustände auf. „Der Borkenkäfer ist also nur ein Botschafter für die Rückbesinnung auf natürliche Wälder.“

Wald

10 Fakten zum deutschen Wald

10 Fakten zum deutschen Wald

Wie viel Wald haben wir in Deutschland? Wie gesund ist er? Aktuelle Infos auf Grundlage des Waldberichts der Bundesregierung.
Wei­ter­le­sen