Dürre in Deutschland: Wie krank ist der Wald?

Die Natur leidet unter der anhaltenden Trockenheit. Umweltverbände fordern ein Umdenken – und einen Umbau der Wälder.

Wednesday, April 29, 2020,
Von Jens Voss
Forst bei Düsseldorf mit Dürreschäden: Nadelbäume leiden besonders.

Forst bei Düsseldorf mit Dürreschäden: Nadelbäume leiden besonders.

Bild Nabu/H. Kowalski

Wüstenklima und Waldbrandgefahr – und das schon im zeitigen Frühjahr. Einen guten Monat lang hat es in weiten Teilen Deutschlands fast gar nicht geregnet. Im bevölkerungsreichsten Bundesland Nordrhein-Westfalen etwa sind nach Angaben des Deutschen Wetterdienstes (DWD) in den ersten drei Aprilwochen nur rund zwei Liter Regen pro Quadratmeter gefallen. Der langjährige Durchschnittswert liegt bei 55 Litern. Dabei leiden die Böden nicht nur in NRW immer noch unter den Folgen der letzten beiden Hitzejahre.

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„Die oberen Bodenschichten sind ausgetrocknet“, erklärt DWD-Klimaexperte Tobias Fuchs. Zwar sei eine allmähliche Austrocknung der Böden mit Beginn der Vegetationsperiode im Frühling normal. Doch in diesem April sei die Bodenfeuchtigkeit ungewöhnlich gering gewesen. Auch die nun einsetzenden Regenfälle dürften „vorerst nicht ausreichen, um die aktuelle Trockenheit flächendeckend und nachhaltig zu beenden“. Ob der komplette Mai mehr Niederschlag bringt, lasse sich zurzeit noch nicht abschätzen, so Fuchs weiter.

Der Regenmangel treibt Förstern, Landwirten und Biologen die Sorgenfalten auf die Stirn. Und Umweltverbände warnen: Der Trockenstress für Wälder und Felder wächst weiter. „Wasserknappheit wird durch die Erderhitzung auch bei uns in Deutschland zum Dauerproblem“, betont WWF-Naturschutzvorstand Christoph Heinrich. Statt Böden gezielt zu entwässern, müssten Maßnahmen getroffen werden, damit sie wieder mehr Wasser speichern könnten.

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Der Rückbau von Entwässerungsgräben auf Äckern und in Wäldern zähle ebenso dazu wie die richtige Baumwahl. Weg von den Fichten-Monokulturen, hin zu naturnahen Mischwäldern, lautet die Devise. „Laubbäume erhöhen den Grundwasserspiegel, sorgen für ein kühleres Waldklima und beugen somit auch Bränden vor“, erläutert Heinrich. Gleichzeitig seien sie meist besser gegen Stürme gewappnet und weniger anfällig für Insektenfraß als Nadelbäume.

Mehr Jagd für einen gesünderen Wald

Gerade die flachwurzelnden Fichten ächzen unter den vergangenen heißen Sommern und milden Wintern. Die Wasservorräte der Böden sind noch immer nicht aufgefüllt – ideale Voraussetzungen für eine Massenvermehrung der gefürchteten Borkenkäfer. Denn die kleinen Insekten treffen auf vorgeschädigte Fichten, die nicht ausreichend Harz produzieren können, um sich vor den tierischen Invasoren zu schützen.

Borkenkäfer an einer Fichte: Die wenige Millimeter großen Insekten können ganze Waldbestände zum Absterben bringen.

Bild Helge May

Das Bundeslandwirtschaftsministerium bezifferte die geschädigte Waldfläche seit 2018 bereits auf 245.000 Hektar – eine Fläche fast so groß wie das Saarland. Etwa 90 Prozent des Schadholzes entfallen auf Nadelholz, vor allem auf Fichten. Der Anteil von Nadelwäldern in Deutschland liegt derzeit bei über 50 Prozent.

„Momentan wirken viele Bäume durch den frischen Blattaustrieb vital“, sagt Jörg-Andreas Krüger, Präsident des Naturschutzbundes Deutschland (Nabu). „Doch die aktuellen Entwicklungen lassen noch in diesem Jahr einen deutlichen Anstieg der Waldschadensfläche befürchten. Größenordnungen von 500.000 Hektar und mehr sind nicht mehr unvorstellbar.“

Auch der Nabu fordert artenreiche Laubmischwälder statt schnell wachsender Fichten- und Kiefernforste. Dazu brauche es auch eine stärkere Jagd: Der Umbau naturferner Wälder könne nur gelingen, wenn Baumsamen und junge Bäume nicht von Rehen und Hirschen aufgefressen werden. Krüger: „Wir müssen dem Wald die Chance zur Selbsthilfe geben.“

Jens Voss

 

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