Der Atlantik erhält eines der weltgrößten Meeresschutzgebiete

Wale, Haie, Robben, Millionen von Meeresvögeln und knapp 33 Menschen leben auf und um die Inselgruppe Tristan da Cunha.

Veröffentlicht am 19. Nov. 2020, 11:03 MEZ, Aktualisiert am 19. Nov. 2020, 12:12 MEZ
Tristan da Cunha

Ein Seevogel fliegt über die Insel Tristan da Cunha. Die Region ist ein wichtiges Schutzgebiet für Meeresvögel und die Heimat von Millionen von Albatrossen, Pinguinen und anderen Arten. Ein neu etabliertes Meeresschutzgebiet wird die kritischen Nahrungsgründe schützen, die die Vögel zum Überleben benötigen.

Bild Dan Myers, National Geographic Pristine Seas

Die Gewässer um eine der abgelegensten bewohnten Inseln der Welt mitten im Südatlantik sollen das viertgrößte vollständig geschützte Meeresschutzgebiet der Welt werden – und das größte im Atlantik.

Tristan da Cunha, ein britisches Territorium, liegt 3.700 Kilometer östlich von Südamerika und 2.500 Kilometer westlich von Südafrika. Wer dort hinwill, muss sieben Tage von Südafrika aus mit dem Boot fahren. Und wenn man dort ankommt, „fühlt man sich so sehr, als wäre man am Rande der Welt“, sagt Jonathan Hall, der Leiter der Einheit für die britischen Überseegebiet bei der Royal Society for the Protection of Birds (RSPB).

Ökotourismus: Nachhaltigkeit für Mensch und Meer

Nun wird dieser Archipel mit seinen vier Inseln zu einem Meeresschutzgebiet, das sich über etwa 690.000 Quadratkilometer erstreckt und damit fast dreimal so groß ist wie das Vereinigte Königreich. Wie von der Regierung Tristan da Cunha bekannt gegeben wurde, werden 90 Prozent der Gewässer um die Inselkette zu einer „No-Take-Zone“, in der Fischerei, Ressourcenabbau und andere extraktive Aktivitäten verboten sind.

Das werde nicht nur dazu beitragen, eine kleine Hummerfischerei jenseits des Schutzgebietes zu unterstützen, sagen Naturschützer. Auch die Nahrungsgründe für die zig Millionen Seevögel, die auf den Inseln rasten – darunter Gelbnasenalbatrosse und Felsenpinguine –, sowie der Lebensraum für Robben, Haie und Wale werden dadurch geschützt.

Das neue Schutzgebiet wird Teil des britischen Blue-Belt-Programms, das bereits 7 Millionen Quadratkilometer mariner Ökosysteme auf der ganzen Welt schützt. Es ist das Ergebnis einer Zusammenarbeit zwischen der Regierung von Tristan da Cunha und der britischen Regierung sowie einer Reihe anderer Naturschutzgruppen. Dazu zählen auch die RSPB, die seit 20 Jahren in der Region tätig ist, und die Initiative Pristine Seas der National Geographic Society.

Das Edinburgh der Sieben Meere

In einem Artikel aus dem Jahr 2014, der in der US-Ausgabe des Magazins National Geographic Traveler erschien, beschrieb der Schriftsteller Andy Isaacson Tristan da Cunha – oder einfach Tristan – als eine Mischung aus Schottland und Kaliforniens Big Sur.

Ein Expeditionstaucher von National Geographic Pristine Seas arbeitet im goldenen Kelpwald vor der Küste der Insel Tristan da Cunha. Die National Geographic Society arbeitete mit der Royal Society for the Protection of Birds und der Regierung von Tristan da Cunha zusammen, um 2017 eine Forschungsexpedition in die Region zu starten.

Bild Roger Horrocks, National Geographic Pristine Seas

Auf der Hauptinsel ragt ein aktiver Vulkan empor, der im Winter mit Schnee bedeckt und von steilen Klippen gekennzeichnet ist, auf denen Albatrosse ihre Nester bauen. Entlang der Strände gibt es Kolonien von Robben und Pinguinen, und direkt vor der Küste liegen goldene Kelpwälder.

Etwa 245 Menschen schottischer, amerikanischer, niederländischer und italienischer Herkunft leben in Tristans einzigem Dorf, das Edinburgh of the Seven Seas heißt (dt.: Edinburgh der Sieben Meere).

Galerie: Das Leben unter dem Meer

Die Insel wurde erstmals 1506 vom portugiesischen Entdecker Tristão da Cunha entdeckt und erst ab 1816 bewohnt, als eine britische Garnison dort stationiert wurde. Sie sollte die Franzosen daran hindern, den verbannten Kaiser Napoleon von der 2.160 Kilometer nördlich gelegenen Insel St. Helena zu retten.

Die Nachkommen dieser britischen Seeleute und einige wenige andere bevölkerten die Insel im Laufe der Jahre. Sie halten Schafe, bauen Kartoffeln an und fischen Hummer.

Während es nur wenige Menschen sind, ist die Tierwelt auf Tristan da Cunha mehr als reichlich: Die Zahl der Seevögel geht in die zweistellige Millionenhöhe.

Jeden Abend „sieht er Himmel aus, als wäre er schwarz von Rauch, wenn die Vögel auf der Insel landen“, sagt Hall. „Das schiere Ausmaß des Lebens ist einfach erstaunlich.“

Während einer Expedition zur Erforschung des Archipels im Jahr 2017 entdeckten Wissenschaftler von National Geographic Pristine Seas auch eine große Population wandernder Blauhaie. Die Art ist aufgrund ihrer begehrten Flossen stark überfischt.

„Das ist ein Ort mit einem einzigartigen Ökosystem, das nirgendwo sonst zu finden ist“, sagt der National Geographic Explorer Enric Sala. Es sei die einzige Region im Umkreis von Tausenden von Kilometern mit Küstenökosystemen wie Kelpwäldern – und es ist eine wichtige Kinderstube für Blauhaie.

Eine Wunderwaffe des Naturschutzes

So abgelegen es auch ist, hat Tristan da Cunha dennoch mit Bedrohungen für den Naturschutz zu kämpfen. Invasive Mäuse, die von vorbeifahrenden Schiffen mitgebracht werden, töten jährlich etwa zwei Millionen Vögel. Das erste Ausrottungsprogramm wird im Jahr 2021 stattfinden.

Delfine schwimmen durch die Gewässer des britischen Territoriums.

Bild Roger Horrocks, National Geographic Pristine Seas

Vor der Küste, so Hall von der RSPB, habe es in der Region illegale Fischereischiffe gegeben. Die Bewohner von Tristan da Cunha betreiben eine Hummerfischerei, die vom Marine Stewardship Council als nachhaltig zertifiziert ist. Die ausgewiesenen Fischereizonen vor mehreren Inseln werden kein Teil des neuen Meeresschutzgebiets sein. Innerhalb des Meeresschutzgebietes ist dafür jedoch keinerlei Fischfang gestattet.

Ein Bericht von Pristine Seas aus dem Jahr 2017 nutzte Satellitendaten, um von 2014 bis 2016 die Aktivitäten von Fischereifahrzeugen in der Region zu verfolgen. Eine Mehrheit der 253 protokollierten Schiffe schien auf der Durchfahrt zu sein, aber 11 zeigten Aktivität, die auf Fischfang hinwies. Die industrielle Fischerei kann dazu führen, dass Seevögel, Haie und andere wichtige Arten versehentlich in Netzen oder Angelschnüren gefangen werden.

Im Rahmen des britischen Blue-Belt-Programms wird Tristan da Cunha mehr Mittel erhalten, um in seinen Gewässern zu patrouillieren und nach illegalen Fischereiaktivitäten Ausschau zu halten, sagt Hall.

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Meeresschutzgebiete werden von etlichen Experten als eine Wunderwaffe des Naturschutzes angesehen. Eine Studie in „Proceedings of the National Academy of Sciences“ untermauerte wissenschaftliche Belege dafür, dass solche Schutzgebiete weltweit die Nahrungsmittelversorgung schützen. Ungestörte Fischgründe können einen „Spillover“-Effekt erzeugen: Wenn sich Fischbestände innerhalb eines Schutzgebietes erholen und vermehren, wandert ein Teil der Tiere in Fischerei-Hotspots ab. Eine Erweiterung des gegenwärtigen Netzwerks von Schutzgebieten um nur 5 Prozent, so die Studie, könnte den weltweiten Fischfang um mindestens 20 Prozent steigern.

Schutz für 30 Prozent des Ozeans

Rund 8 Prozent der Weltmeere sind als Meeresschutzgebiete ausgewiesen, aber nur 2,6 Prozent sind für die Fischerei tabu.

Albatrosküken sitzen auf der Insel Tristan da Cunha in ihrem Nest. Während das neue Meeresschutzgebiet die Gewässer schützt, die für die Nahrungssuche der Albatrosse unverzichtbar sind, werden die Küken von invasiven Mäusen auf der Insel bedroht. Für 2021 ist eine Ausrottungsaktion geplant.

Bild Dan Myers, National Geographic Pristine Seas

Die Initiative Campaign for Nature der National Geographic Society hat gefordert, 30 Prozent des Ozeans zu schützen. Ihre Forschung zeigt, dass dieser Prozentsatz Ökosystemen Vorteile wie reichliche Fischbestände bieten könnten. Der Schutz eines so großen Teils des Ozeans würde auch dazu beitragen, vom Aussterben bedrohte Arten zu retten.

„Wir haben 10 Jahre Zeit, um 30 Prozent des Ozeans zu schützen, wenn wir das Aussterben der Arten stoppen wollen“, sagt Sala.

Ihm zufolge müssen diese Schutzgebiete in großen, unberührten Gebieten wie den Gewässern um Tristan liegen. Aber er betont auch, dass die Welt eine größere Anzahl kleiner Schutzgebiete in Bereichen mit sehr aktiver kommerzieller Fischerei braucht, zum Beispiel in den USA und dem Mittelmeer.

Der Artikel wurde ursprünglich in englischer Sprache auf NationalGeographic.com veröffentlicht.

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