Wie wir den Wald retten

Dem Wald geht es so schlecht wie nie. Im Kottenforst bei Bonn ist ein Mahnmal für ihn entstanden. Umweltverbände fordern eine ökologische Waldwende.

Veröffentlicht am 23. Okt. 2019, 12:34 MESZ, Aktualisiert am 19. März 2021, 15:12 MEZ
Zeitenwende im Bonner Kottenforst: Wo einst Monokulturen aus Fichten standen, sollen artenreiche Mischwälder wachsen.

Zeitenwende im Bonner Kottenforst: Wo einst Monokulturen aus Fichten standen, sollen artenreiche Mischwälder wachsen.

Bild Manfred Hören

Ein Mahnmal im Wald. Wer auf der Venner Allee im Bonner Kottenforst unterwegs ist, stößt unweigerlich darauf. Der Fichtenwald, der hier seit Generationen stand, ist tot. Dürre und Borkenkäfer haben in den letzten Jahren ganze Arbeit geleistet. Um weitere Waldbereiche zu schützen, hatte das Forstamt die abgestorbenen Bäume gefällt. Vergebens.

Längst hat es auch die Fichten hinter diesem Kahlschlag getroffen. Direkt vor der grauen Wand aus Baumgerippen prangt eine riesige Installation auf Holzpflöcken, die das Regionalforstamt Rhein-Sieg-Erft gemeinsam mit Partnern aufgestellt hat. In bitterer Weise erinnert sie an den glamourösen Schriftzug in den Hollywood Hills. „Zeitenwende“ steht darauf. Ähnliche Denkmäler könnten in vielen deutschen Wäldern stehen.

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Wald am Wendepunkt

Tatsächlich befindet sich der Wald am Wendepunkt. Hitze, Stürme, Borkenkäfer und Brände haben ihm so schwere Schäden zugefügt wie noch nie seit Beginn der Erhebungen im Jahr 1984. Das geht aus dem neuen Waldzustandsbericht des Bundeslandwirtschaftsministeriums hervor. Vor allem die letzten drei Dürrejahre hätten den Wäldern dramatisch zugesetzt. „Unsere Wälder sind krank“, sagt Landwirtschaftsministerin Julia Klöckner.

Wie es in dem Bericht heißt, hatten vier von fünf Bäumen im vergangenen Jahr lichte Kronen, also spürbare Schäden. Das betreffe 89 Prozent der Buchen, 80 Prozent der Eichen und Kiefern sowie 79 Prozent der Fichten. „Der Kronenzustand ist wie ein Fieberthermometer – er zeigt an, wie es den Bäumen geht“, so Klöckner. Besonders ältere Bäume über 60 Jahre seien vom Absterben bedroht.

Hier hat der Borkenkäfer ganze Arbeit geleistet: Abgestorbene Fichten im Harz.
Bild Shutterstock

Derzeit betrage die Fläche, die potenziell wieder aufgeforstet werden müsste, 277.000 Hektar – eine Fläche größer als das Saarland. Die Bundesregierung stellt insgesamt 1,5 Milliarden Euro bereit, um auf die massiven Waldschäden zu reagieren. Der gesamte Wald soll besser an den Klimawandel angepasst werden. Um einen solchen Zukunftswald zu entwickeln, will Klöckner auf Mischwälder mit heimischen, standortangepassten Baumarten setzen.

Mischwald statt Monokultur

Weg von der Monokulturen, hin zu naturnahen Mischwäldern – so lautet auch die Devise im Kottenforst. Ein Großteil des Fichtenbestands im 40 Quadratkilometer großen Waldgebiet ist inzwischen abgestorben. Immerhin machte die Nadelbaumart dort bis vor kurzem noch gut ein Viertel der gesamten Waldfläche aus.

Klaus Striepen vom zuständigen Regionalforstamt Rhein-Sieg-Erft sieht darin auch „eine Chance hin zu strukturreichen, artenreichen und unterschiedlich alten Waldbeständen“. Bei der Aufforstung favorisiere man im Kottenforst deshalb einen Mix aus mindestens vier verschiedenen Baumarten. Vermehrt geraten dabei hitzeresistentere Arten wie Speierling oder Elsbeere in den Blick.

Auch am „Zeitenwende“-Mahnmal regt sich neues Leben. Gepflanzt wurden unter anderem Gruppen aus Eichen, Linden, Hainbuchen und Erlen. Dazwischen soll genug Raum für die natürliche Verjüngung weiterer Baumarten bleiben, so dass sich hier ein artenreicher Mischwald entwickeln kann, der den Auswirkungen des Klimawandels trotzt.

Klar ist: Bis die Narben verheilt sind, braucht es einen langen Atem. Striepen spricht von „10 bis 15 Jahren, bis die Fläche wieder geschlossen mit jungen Bäumen bestockt ist“. Ein ökologisch wertvoller Eichenwald indes brauche bis zu 140 Jahre. Das Dilemma: Niemand weiß, ob die heutige Pflanzstrategie dann tatsächlich die richtige war.

Urwälder von morgen

Nicht zuletzt deshalb fordern Umweltverbände ein ganzheitliches Umdenken. „Der Wald ist durch Stickstoffeinträge, Dürre, intensive Forstwirtschaft sowie mangelhafte Jagd nach wie vor im Dauerstress“, sagt etwa Jörg Nitsch vom Bund für Umwelt und Naturschutz Deutschland (BUND). „Unsere Wälder müssen endlich schonender bewirtschaftet werden.“

Konkret bedeute dies unter anderem, weniger Bäume zu fällen und Wälder nicht länger zu entwässern. Außerdem müsse es wieder mehr Naturwälder ohne Holznutzung geben. Als langfristiges Ziel will der BUND, dass sich mindestens zehn Prozent der Wälder dauerhaft frei von forstlichen Eingriffen entwickeln dürfen. In solchen „Urwäldern von morgen“ würden nicht nur seltene Tiere, Pflanzen und Pilze besonders geschützt.

Auch die Forschung könne wertvolle Erkenntnisse darüber gewinnen, wie sich der Wald in der Klimakrise selbst helfen kann. Von diesem Szenario ist man aktuell noch weit entfernt. 99 Prozent der Wälder in Deutschland sind menschlich geprägt. Das heißt im Gegenzug: Nur ein Prozent des deutschen Waldes gilt als naturbelassen.

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