Wildtiere in Bewegung: Eine Geschichte von Rettung und Auswilderung

Ob als Zoo- oder Haustier: Wildtiere werden auf der ganzen Welt illegal gehandelt – während ihre Bestände rapide schrumpfen. Seit 1970 ging ihre Zahl um 69 Prozent zurück. Auswilderungsprojekte könnten diesen Negativtrend umkehren.

Von Johnny Langenheim
Veröffentlicht am 13. Jan. 2023, 19:13 MEZ
Raubkatzen auf der ganzen Welt sind verschiedenen Bedrohungen ausgesetzt, wie sinkende Populationen, illegalem Handel und Gefangenschaft unter qualvollen Bedingungen. Die National Geograpic Fotografin Nichole Sobecki entdeckt, wo noch Hoffnung für die Tiere besteht.

Einen kurzen Moment schaut Khatu auf, hin zu der kleinen Gruppe von Menschen, die sie aus der Ferne beobachtet. Doch ihr Interesse an dem aufgeregten Geflüster ist schnell verflogen und sie widmet sich wieder dem Springbock vor ihr – dem heutigen Mittagessen für sie und ihre fünf Jungen. Khatu ist ein Phänomen: Die in Gefangenschaft gezüchtete Gepardin lebt heute in einem privaten Wildreservat an Südafrikas Ostkap. Dort hat sie bereits drei Würfe mit insgesamt 15 Jungtieren zur Welt gebracht. Elf Junge haben überlebt und tragen nun eine Schlüsselrolle für die Zukunft ihrer Art: Auf ihnen liegt die Hoffnung, dass sie ihren Beitrag zur Diversifizierung des Genbestands wilder Gepardpopulationen leisten werden.

Gut 185 Kilometer weiter, im Simbonga Wildlife Sanctuary, akklimatisieren sich fünf Löwen in einer neuen Umgebung. Auch diese Raubkatzen wurden in Gefangenschaft gezüchtet – nicht zum Erhalt ihrer Art, sondern zur Unterhaltung von Menschen. Sie wurden aus Betonkäfigen und aus den eisigen osteuropäischen Wintern gerettet und Tausende Kilometer weit in die afrikanische Steppe transportiert. In ein Klima, das ihnen mehr zusagen dürfte: rund 3.000 Sonnenstunden gibt es hier pro Jahr.

Völlig frei werden diese Löwen nie sein. Sie haben nie gelernt, zu jagen und in der Wildnis zu überleben. Aber heute können sie sich wenigstens in dem großen Wildreservat frei bewegen.

Vier Gepardenjungen wurden in Somaliland, einer selbsternannten Autonomieregion am Horn von Afrika, aus den Händen von Wildtierhändlern befreit. Geparde werden vom Horn von Afrika in den Nahen Osten geschmuggelt, wo sie von reichen Privatpersonen als Prestigetiere gehalten werden. In der Regel stammen diese illegal gehandelten Geparde aus Wildpopulationen – ein Problem mehr für die Art, die bereits durch mangelnde genetische Vielfalt, den Verlust von Lebensräumen und Konflikte zwischen Mensch und Tier stark gefährdet ist.

Foto von Nichole Sobecki

Wildtiere werden auf der ganzen Welt in Gefangenschaft gehalten – oft weit entfernt von ihrem ursprünglichen Lebensraum. Der Handel mit ihnen ist lukrativ, wegen ihrer Haut, wegen ihrer Knochen und Organe. Oder weil sie im Zirkus, in Zoos und als exotische Haustiere Attraktionen sind. Naturschützer bringen Tiere, die einst in Gefangenschaft lebten, über Landesgrenzen hinweg zurück in ihren natürlichen Lebensraum und retten sie so oft aus qualvollen Verhältnissen. In einigen Fällen tragen sie damit möglicherweise sogar zum Überleben einer Art bei – beim schnellsten Landtier der Welt zum Beispiel.

In freier Wildbahn gibt es nur noch etwa 7.000 erwachsene Geparde. Die Tiere sind dort denselben Bedrohungen ausgesetzt wie andere Raubkatzenarten: illegalem Handel, Verlust ihres Lebensraums und Konflikten zwischen Mensch und Tier. Doch für Geparde ist die Situation noch ernster als für ihre Verwandten: Die Wildpopulationen haben sich zu sogenannten Metapopulationen entwickelt. Das heißt, ihnen mangelt es an genetischer Vielfalt – eine Folge der Beinahe-Ausrottung und des relativ geringen Fortpflanzungserfolgs in der Vergangenheit.

Gepardin Khatu hat gerade ihren dritten Wurf zur Welt gebracht. Sie wurde in Gefangenschaft geboren und könnte eine wichtige Rolle beim Erhalt ihrer Art spielen: Ihr Nachwuchs wird ausgewildert und soll so frische Gene in die Wildpopulationen bringen, in denen es heute nur noch einen eingeschränkten Genaustausch und somit eine große Gefahr von Inzucht gibt.

Foto von Nichole Sobecki

Im Ashia Cheetah Center, einer Auswilderungsstation in der Nähe von Kapstadt, werden in Gefangenschaft gezüchtete Geparde auf ein Leben in der Wildnis vorbereitet. „Mit den Tieren aus Gefangenschaft können wir frische Gene in die wilden Populationen bringen“, sagt Marna Smit, die Direktorin für Naturschutz des Ashia Centers. „Wenn wir die Gene der Tiere aus Gefangenschaft einbringen können, sind sie bereits sieben oder acht Generationen weiter als gerade. So können wir eine sehr eng verbundene Population diversifizieren.“ In der Auswilderungsstation wird für das Wohlergehen der Tiere alles gegeben: „Wir konzentrieren uns auf die richtige Ernährung, füttern die Tiere also nur mit Wild, und wir achten auf ihre Fitness und Gesundheit.“

Khatu ist eine der Erfolgsgeschichten des Ashia Cheetah Centers. Die Gepardin wurde in Pretoria in Gefangenschaft geboren. Sie wurde nach Ashia gebracht und nach einer Zwischenstation in einer größeren Auswilderungseinrichtung, wo sie das Jagen lernte, brachte man sie in ihr jetziges Zuhause, einem Reservat am Ostkap. „Eine einzige ausgewilderte Raubkatze hat es geschafft, der Welt elf Geparde zu schenken. Ihre Kinder sind auf verschiedene Wildreservate in Südafrika verteilt worden. Dort bringen sie frische Gene in die Gruppen“, erklärt Smit.

Sechs von Khatus Jungen aus früheren Würfen wurden in nahegelegene Reservate gebracht. Das Ashia Cheetah Center konzentriert sich jedoch nicht nur auf Südafrika. Der Nachwuchs wird auf Reservate in Ländern wie Mosambik und Sambia verteilt – ein kompliziertes Unterfangen, auch logistisch. „Der Transport eines Gepards ist schwierig und gefährlich“, sagt Smit. „Die Tiere sind sehr nervös, und man kann einen Gepard nicht während der gesamten Reise ruhigstellen. Aber wenn ich am Ende der Reise die Kiste öffne und ein Tier in ein Reservat entlassen kann, bekomme ich jedes Mal Gänsehaut.“ Das Ashia Cheetah Center hat bereits 26 Tiere ausgewildert, 42 Jungtiere sind in der Auffangstation geboren.

Im Unterschied zu Geparden können Löwen und Tiger für lange Transporte betäubt werden. Wie dieser Transport abläuft, damit kennt sich Lionel de Lange aus. De Lange hat sich der Rettung von Wildtieren aus qualvollen Verhältnissen verschrieben. De Lange befreit sie seit Jahren aus Zoos, Zirkussen und sogar aus Privathäusern in Osteuropa und bringt die Tiere in seine Heimat – ans Ostkap in Südafrika. Im Januar 2022 gelang es ihm und seinem Team, fünf Löwen umzusiedeln: Hercules, Cher, Khaya, Jen und Aslan. Auch der Tiger Kisa ist mit seiner Hilfe umgezogen, aus einem Käfig in der Ukraine in das Simbonga Game Reservat and Sanctuary. Ermöglicht wurde die Rettung der Tiere durch das rasche Handeln und die langjährige Erfahrung des Logistikunternehmens DHL.

Links: Oben:

Löwen on Tour: Ein Konvoi von Wildlife Warriors auf der letzten Etappe seiner Reise von Osteuropa zum Ostkap Südafrikas. 87 Stunden war das Team unterwegs. Während der Reise, die mit Zollkontrollen, Röntgenaufnahmen und jeder Menge Papierkram verbunden ist, sind die Großkatzen sediert.

Foto von National Geographic CreativeWorks
Rechts: Unten:

Teammitglieder von Warriors for Wildlife kommen mit den speziell angefertigten DHL-Kisten im Simbonga Wildlife Reserve in Südafrikas Ostkap an und bereiten sich darauf vor, einen sedierten Löwen in sein neues Zuhause zu bringen. Der Löwe verbringt seine erste Nacht in einer Auffangstation, damit er sich an seine neue Umgebung gewöhnen kann, bevor er in ein viel größeres Gehege entlassen wird.

Foto von Mike Dexter

„Wenn man ein Tier umsiedeln möchte, läuft es nicht so, als würde man einen Flug für einen Menschen buchen“, erklärt De Lange. „Die Reise ist kompliziert: Die Raubkatzen müssen geröntgt und tierärztlich untersucht werden, Zollkontrollen durchlaufen.“ Als er bei der DHL-Niederlassung in Johannesburg anrief, um nach einer Lösung für die Großkatzen zu fragen, war er positiv überrascht: „Der schwierige Transport wurde innerhalb weniger Tage bewilligt, damit hatten wir nicht gerechnet.“

Insgesamt verbrachten die Katzen 87 Stunden in Transportkisten – auf den Ladeflächen von Lastwagen und in der Luft, in Flugzeugen. Auf dem langen Weg gab es in regelmäßigen Abständen Zwischenstopps für Gesundheitschecks und die Verpflegung der Tiere. Sie reisten von der Ukraine nach Istanbul, weiter nach Johannesburg und schließlich nach Jeffreys Bay in der Provinz Ostkap. Dort leben sie heute im Reservat. Da sie ihr ganzes Leben in Gefangenschaft – in fast allen Fällen in winzigen Betonzellen – verbracht haben, können sie nie ganz ausgewildert werden. „Aber sie haben alle ein mindestens 2.500 Quadratmeter großes Gehege“, sagt De Lange. „Man sieht ihnen an, dass sie sich erholen und zufrieden sind. Diese Tiere sind nicht dumm: Sie spüren, dass ihnen Gutes widerfahren ist.“

Auch wenn es sich nicht um alltägliche Vorgänge handelt: DHL wickelt regelmäßig Umsiedlungen von Wildtieren für Zwecke des Artenschutzes ab. Im Jahr 2020 machte das Unternehmen Schlagzeilen, als es half, Kaavan umzusiedeln: Der damals 36-jährige asiatische Elefant galt nach dem Tod seiner Partnerin im Jahr 2012 als „einsamster Elefant der Welt“. Kavaan wurde von Pakistan in eine Wildtierauffangstation in Kambodscha gebracht, wo er heute in einer artgerechteren Umgebung lebt.

Tiger Kisa im Simbonga Wildlife Reserve in Südafrika, kurz nach der Ankunft aus der Ukraine. Obwohl die Raubkatzen in Südafrika nicht heimisch sind, wurde Kisa zusammen mit fünf Löwen von Warriors of Wildlife umgesiedelt und so vor dem Einschläfern gerettet. Jede Großkatze im Simbonga-Reservat hat mindestens 2.500 Quadratmeter  Platz, um sich zu bewegen.

Foto von National Geographic CreativeWorks

Erst im Juli 2022 transportierte DHL gemeinsam mit Liberia Chimpanzee Rescue & Protection (LCRP) – einer Nichtregierungsorganisation, die Schimpansen aus dem Heimtier- und Buschfleischhandel rettet – vier Schimpansen per Flugzeug aus Guinea-Bissau in das LCRP-Schutzgebiet in Liberia.

Trotz aller Bemühungen von Tierschutzorganisationen: Der illegale Handel mit Wildtieren ist nach wie vor ein lukratives Geschäft. Er bringt Milliarden von Dollar ein und ist neben dem Drogen, Menschenhandel und Fälschungen eines der größten illegalen Handelsnetze der Welt. Die größte Gefahr für die Tiere unserer Erde ist aber der Verlust ihrer Lebensräume. Für 85 Prozent der Arten auf der Roten Liste der IUCN (eine umfassende Liste der Arten und ihres Erhaltungszustands), also der vom Aussterben bedrohten Arten, ist dies die größte Bedrohung. Herausgefunden hat dies die Union for the Conservation of Nature (IUCN). Die Zerstörung von Ökosystemen wie Wälder, Savannen, Feuchtgebiete und Riffe zur Schaffung von mehr Wohnraum für den Menschen oder Konsum geht tagtäglich weiter.

Doch die Erfahrung zeigt: Mit den richtigen Strategien und konzertierten Aktionen können sich die Bestände bedrohter Arten erholen. Im Juli 2022 meldete die IUCN, dass die Zahl der Tiger in freier Wildbahn wieder zwischen 3.726 und 5.578 liegt – und damit 40 Prozent höher als bei Schätzungen im Jahr 2015. Um diese Entwicklung fortzusetzen, bedarf es gut abgestimmter Anstrengungen: Menschen müssen aufgeklärt, Lebensräume wiederhergestellt und Gesetze durchgesetzt werden. Auch die strategische Umverteilung gefährdeter Arten in gut geführte Reservate gehört dazu – mit Hilfe von Unternehmen wie DHL. Sei es, um schlecht behandelten Tieren eine Chance auf ein besseres Leben zu geben, oder um eine Art wie den Gepard buchstäblich vor dem Aussterben zu retten.

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