Wissenschaft

Zecken kleben sich mit körpereigenem Zement an unsere Haut

Der natürliche Kleber der krankheitsübertragenden Parasiten könnte uns allerdings auch zugutekommen.Mittwoch, 31. Januar 2018

Von Joshua Rapp Learn
Die Hirschzecke überträgt mehrere Krankheiten, die für den Menschen gefährlich sein können, darunter auch die Lyme-Borreliose.

Die unbeliebten, blutsaugenden Parasiten, die tödliche Krankheiten übertragen können, mischen sich ihren eigenen Zement an, um sich an unseren Körper zu heften.

Die Schildzecken – eine Familie mit etwa 700 Arten, darunter auch die Hirschzecke, die die Lyme-Borreliose überträgt – nutzen ihre Mundwerkzeuge, um sich an der Haut des Wirts festzubeißen. Manchmal ist dieser Griff aber nicht stark genug, damit sich die Zwecke festhalten und gleichzeitig trinken kann, während sich ihr Wirt bewegt.

Sylvia Nürnberger und ihre Kollegen haben nun entdeckt, dass Schildzecken noch ein weiteres Werkzeug nutzen, um sich an der Haut ihrer Opfer zu befestigen: eine Art Klebstoff aus Proteinen und Speichel. (Lesenswert: Parasiten – Der Albtraum der Evolution)

„Nicht alle Arte haben [diesen Klebstoff] und nicht alle Arten haben ihn in derselben Menge“, sagt Nürnberger. Die Forscherin arbeitet an der Medizinischen Universität Wien.

Die Entdeckung dieses Zements könnte letzten Endes sogar dem Menschen nützen, fügt sie hinzu, da dessen Eigenschaften auch für die Entwicklung eines medizinischen Klebstoffs genutzt werden könnten.

SPEZIALSPEICHEL

Für die Studie sahen sich die Forscher alle bisher existierenden Forschungsarbeiten über Zeckenspeichel an – das verschaffte ihnen einen umfassenden Einblick in das bisher kaum beachtete Thema dieser Zementsubstanz.

Zeckenspeichel ist eine komplexe Angelegenheit. Seine Eigenschaften unterdrücken die Immunreaktion des Wirts, damit die Bissstelle sich nicht rötet und nicht juckt und die Zecke so ungestört trinken kann, wie die Studie berichtet, die in „Biological Reviews“ erschien.

„Auf gewisse Weise spielen sie mit dem Immunsystem des Wirts“, sagt Nürnberger.

Die Studie sei „ein bemerkenswert detaillierter Bericht über etwas ziemlich Schleierhaftes“, sagt Tony Goldberg, ein Professor für Epidemiologie an der Veterinärmedizinischen Fakultät der Universität von Wisconsin-Madison.

Alle blutsaugenden Organismen, nicht nur Zecken, müssen „ein Spießrutenlauf durch die Verteidigungssysteme des Tieres durchlaufen, von dem sie trinken“, erzählt er.

Und er muss es wissen: Goldberg hat vor einigen Jahren mal eine neue Zeckenart entdeckt, die nach einem Besuch in Uganda in seiner Nase steckte. (Lesenswert: Insekteneier: Das Ei-Bett)

„Ich kann Ihnen sagen, das Ding hatte ziemlich starken Kleber“, sagt er.

DAS ZECKENPARADOXON

Die Eigenschaften des Zeckenspeichels schwächen auch die Verteidigungsmechanismen des Wirts gegen Krankheiten wie die Lyme-Borreliose, fügt er hinzu.

„Es ist ein Paradoxon. Eine Funktion dieses Zements ist, dass er antimikrobiell ist, damit die Zecke keine Infektion verursacht, die sie vom Fressen abhalten würde“, sagt Goldberg.

„Trotzdem gibt es eine ganze Menge fürchterlicher Krankheiten, die von Zecken übertragen werden [...] und über ihren Speichel in unseren Körper gelangen.“  

An Hunden sind die kleinen Parasiten kein ungewöhnlicher Anblick, aber sie haben sich auch schon am Blut einiger Tiere gelabt, die seit Langem ausgestorben sind – zum Beispiel Dinosaurier.

Die Technik, mit der sich Zecken von der Haut ihres Wirtes lösen, ist noch nicht so gut erforscht. Nürnberger zufolge könnten sie sich aber ablösen, indem sie ihre Mundwerkzeuge umherbewegen und ihr mit Widerhaken besetztes Hypostom herausziehen. Außerdem könnte ihr Speichel den Zement auflösen.

NÜTZLICHER KLEBER

So faszinierend Zeckenspeichel auch ist, Nürnberger und ihre Kollegen haben ihn nicht einfach aus Spaß an der Sache untersucht.

Sie führen derzeit Studien durch, um herauszufinden, wie die Eigenschaften des Zements für die Herstellung medizinischer Klebstoffe genutzt werden können. Diese Substanzen könnten dabei helfen, menschliche Verletzungen und Knochenbrüche zu heilen und Implantate an den Körper zu kleben.

Wissenschaftler haben sich bei der Entwicklung biologischer Klebstoffe bereits von Seepocken, Muscheln und Seegurken inspirieren lassen, aber der Zeckenzement könnte Nürnberger zufolge deutlich vielversprechender sein. 

„Das Tier benutzt diese Substanz bereits, um sich an menschliches Gewebe zu kleben“, sagt sie. „Daher glauben wir, dass sie sehr kompatibel wäre und eine sehr gute Haftfestigkeit hätte.“

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