Einzigartiger Fund in Europa: 3.500 Jahre alte Hand aus Metall

Das seltene Artefakt aus einem bronzezeitlichen Grab könnte einen rituellen Zweck erfüllt haben.Mittwoch, 26. September 2018

Von Andrew Curry
Die Bronzehand verfügt über eine goldene Manschette und wurde in dem 3500 Jahre alten Grab eines Mannes zusammen mit (von links nach rechts) einer Bronzenadel zur Befestigung eines Umhangs, Fragmente der Goldmanschette, einer bronzenen Spirale für die Haare und einem Dolch gefunden.

Vor Kurzem verkündeten Schweizer Archäologen den Fund eines Artefakts, bei dem es sich ihnen zufolge um die älteste aus Metall gefertigte Repräsentation eines menschlichen Körperteils handelt, die je in Europa gefunden wurde. Das 3.500 Jahre alte Fundstück ist eine Hand, die etwas kleiner als eine echte Hand ist und aus etwa einem halben Kilogramm Bronze hergestellt wurde. Das Handgelenk wurde mit einer Manschette aus Blattgold verziert und eine Aussparung ermöglicht es, die Hand auf einen Stab zu stecken. 

Das Artefakt wurde schon 2017 am Bielersee im Schweizer Kanton Bern entdeckt, allerdings nicht von Archäologen, sondern von Schatzjägern mit Metalldetektoren. Zusammen mit einem Bronzedolch und einem Rippenknochen übergaben sie den Fund den Behörden. „So was hatten wir vorher noch nie gesehen“, sagte Andrea Schaer, die Ressortleiterin für Frühgeschichte und Römische Archäologie beim Archäologischen Dienst des Kantons Bern. „Wir waren uns nicht sicher, ob es authentisch war oder nicht – oder um was es sich überhaupt handelte.“ 

Mit der Radiokarbonmethode analysierten sie einen Rest des organischen Klebers, mit dem das Blattgold auf das „Handgelenk“ geklebt wurde. Die Ergebnisse zeigten, dass das Artefakt sehr alt war und aus der mittleren Bronzezeit stammte, ungefähr zwischen 1400 und 1500 v. Chr. 

Für die Archäologen war das Grund genug, im Frühling dieses Jahres wieder in die Gegend zurückzukehren, in der die Hand ursprünglich entdeckt wurde. Die einstmaligen Finder zeigten den Forschern, wo sie das Objekt gefunden hatten. Schaer und ihr Team verbrachten daraufhin sieben Wochen mit der Ausgrabung eines schwer beschädigten Grabes auf einem Plateau über dem Bielersee in der Nähe des kleinen Dorfes Prêles. „Man hat eine wundervolle Aussicht über das ganze Plateau bis hin zu den Alpen“, sagt Schaer. „Es ist ein ganz besonderer Ort.“ 

In dem Grab entdeckten die Forscher das Skelett eines Mannes im mittleren Alter, eine große Bronzenadel, eine Bronzespirale, die vermutlich die Haare zusammenhielt, und Reste von Blattgold, die zu jenem an der Bronzehand passen. Darüber hinaus finden sie einen der abgebrochenen Finger der Hand in dem Grab des Mannes – ein guter Hinweis darauf, dass die Hand ursprünglich zusammen mit dem Mann begraben wurde. 

Metallgegenstände sind in Gräbern aus der Bronzezeit ein sehr seltener Fund. Besonders Gold findet man in Schweizer Gräbern aus dieser Periode so gut wie nie. Sofern die Schweizer Archäologen, die mit dem Fund vertraut sind, sagen können, ist eine solche Skulptur in Europa ein bislang einzigartiger Fund, vielleicht sogar darüber hinaus. „Der Umstand, dass wir Tausende von Gräbern aus der Bronzezeit kennen, aber nie etwas Derartiges gefunden haben, zeigt, wie besonders es ist“, sagt Stefan Hochuli, der Leiter des Amts für Denkmalpflege und Archäologie im Kanton Zug. 

Die Hand wird den kommenden Monat über in Biel ausgestellt werden. Derweil arbeiten die Archäologen an der Studie zu ihrem Fund und rätseln über den ursprünglichen Zweck der Hand. „Sie muss auf irgendetwas draufgesteckt worden sein, aber wir wissen nicht, auf was“, so Schaer. Die Aussparung der Skulptur lässt vermuten, dass sie vielleicht eine Statue zierte, auf einen Stab gesteckt und wie ein Zepter genutzt oder im Zuge eines Rituals als Prothese getragen wurde. 

Womöglich werden die Forscher auch nie eine Antwort auf diese Frage finden. Da die Schatzjäger ihren Fund nicht dokumentierten, bevor sie ihn aus dem Grab entfernten, lässt sich unmöglich sagen, wo die Hand im Verhältnis zum Leichnam ursprünglich platziert worden war. „Solche Funde zeigen uns, wie lückenhaft unser Wissen über die Vergangenheit noch immer ist“, sagt Hochuli. „Sie geben uns einen Einblick in die spirituelle Welt dieser Gesellschaft – und die ist deutlich komplexer, als wir oft glauben.“ 

Der Artikel wurde ursprünglich in englischer Sprache auf NationalGeographic.com veröffentlicht.

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