Wissenschaft für alle: Wie Citizen Science die Forschung bereichert

Sie zählen Wildtiere in Großstädten und dokumentieren den Klimawandel vor der Haustür: Immer mehr Bürgerinnen und Bürger forschen im Namen der Wissenschaft. Das kann Ergebnisse bringen, die sonst kaum möglich wären.

Europas größtes Nagetier: Sogar mitten in Berlin werden immer wieder Biber beobachtet.

Foto von AdobeStock
Veröffentlicht am 20. Aug. 2021, 11:51 MESZ, Aktualisiert am 23. Feb. 2022, 15:46 MEZ

Biber im Monbijoupark, Wildschweine auf dem Mexikoplatz – fast täglich kann sich Sarah Kiefer über neue Entdeckungen im Berliner Großstadtdschungel freuen. Seit 2017 untersucht sie die Artenvielfalt in der Bundeshauptstadt. Und damit ist sie nicht allein. Viele Berlinerinnen und Berliner haben sich dem Citizen-Science-Projekt der Verhaltensbiologin angeschlossen. Rund 5.000 Tierbeobachtungen wurden bislang auf dem Online-Meldeportal „Stadtwildtiere“ gemeldet. Mitmachen kann jeder. Laut Sarah Kiefer braucht es dafür nur drei Dinge: „Lust, mit offenen Augen und Ohren durch die Welt zu laufen, Begeisterungsfähigkeit für Wildtiere in der Stadt, Geduld beim Beobachten.“

Citizen Science – das ist Wissenschaft für alle. Ein akademischer Abschluss ist nicht nötig. Viele der Hobbyforscherinnen und Freizeitentdecker sind aber selbst Profis auf ihrem Gebiet. Sie fotografieren und kartieren, melden Beobachtungen, führen Messungen durch, werten Daten aus und veröffentlichen ihre Ergebnisse – gemeinsam mit Forschungseinrichtungen oder komplett aus eigenem Antrieb. Prominente Beispiele sind das Astronomie-Projekt Galaxy Zoo, das Menschen dazu einlädt, Galaxien zu klassifizieren, oder die alljährlichen Vogelzählaktionen des Nabu.

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Mehr als 100 Projekte zum Mitforschen

„Bürgerforschung oder Citizen Science ist etwas Selbstverständliches geworden und wird zunehmend mit einer generellen Öffnung des Wissenschaftssystems in Verbindung gebracht”, erklärt Johannes Vogel, Generaldirektor des Museums für Naturkunde Berlin. Gemeinsam mit der Organisation Wissenschaft im Dialog hat das Museum das Projekt „Bürger schaffen Wissen“ ins Leben gerufen. Es versteht sich als zentrale Plattform für Citizen Science in Deutschland und wird vom Bundesforschungsministerium gefördert. Von A wie Ahnenforschung bis W wie Wetter: Auf der Plattform „Bürger schaffen Wissen“ finden sich aktuell weit über 100 Citizen-Science-Projekte.

Laut Vogel zeigt sich die erfolgreiche Zusammenarbeit von Wissenschaft und Laienforschung in vielen Bereichen. Immer wieder gebe es wissenschaftliche Fragestellungen, bei denen die Unterstützung von außen hilfreich sei. Im Idealfall liefern Hobbyforschende der Wissenschaft so Daten, die auf herkömmlichem Weg gar nicht zustande gekommen wären.

Auf den Spuren der Schweinswale

Denise Wenger sieht das genauso. Die Diplom-Biologin hat ein Whale-Watching-Projekt initiiert und dazu aufgerufen, Schweinswale am Elbe- und Weserstrand zu beobachten. Denn der kleine Meeresräuber ist in großer Not. Viele Schweinswale in Nord- und Ostsee ersticken in Fischernetzen, andere verenden an Bombenentschärfungen oder Lärm und toxischem Müll.

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Viele Menschen sind Wengers Aufruf gefolgt. „Durch diese großartige Unterstützung aus der Bevölkerung haben wir wertvolle neue Erkenntnisse über die Verbreitung des Schweinswals und sein Verhalten gewinnen können“, sagt die Walforscherin. Citizen Science könne zu neuen Einsichten und auch wissenschaftlich verwertbaren Ergebnissen führen, die sonst entweder nicht oder nur durch größere Forschungsgelder erreicht würden.

Leidenschaft am Forschen

Allen Citizen-Science-Projekten gemeinsam ist die Leidenschaft am Forschen und Entdecken. Zusätzliche Schubkraft hat die Digitalisierung gegeben. Denn dank Smartphone und Internet kann sich die Community noch besser vernetzen – und ihre Ergebnisse jederzeit und überall teilen.

Viele Citizen-Science-Initiativen wären ohne digitale Plattformen kaum vorstellbar. So auch ein Klimaforschungsprojekt der Ökoklimatologin Annette Menzel von der Technischen Universität München. Über ein Datenportal und eine dazugehörige App können Bürgerinnen und Bürger aus Bayern den Klimawandel vor der eigenen Haustür erforschen und so selbst zu Citizen Scientists werden.

„Ich glaube, dass alle Menschen als Wissenschaftler geboren sind“, unterstreicht Museumsdirektor Vogel. Die Universitäten und andere Forschungseinrichtungen müssten begreifen, „wie viel Potenzial in Bürgerwissenschaften herrscht“.

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