Anthropozän - Das Zeitalter des Menschen

Autor: Elizabeth Kolbert  —  Bilder: Jens Neumann/Edgar Rodtmann

Der Weg führt einen Hügel hinauf. Zweimal überqueren wir einen Bach. Meiner Ansicht nach regnet es, doch mein Begleiter hier im schottischen Hochland erklärt mir, das sei nur so etwas wie ein besonders feuchter Nebel, ein smirr. Kurz vor der letzten Kehre unterhalb des Gipfels taucht ein Wasserfall aus dem Dunst auf. In dem Felsabbruch daneben wechseln sich senkrechte Streifen ab wie in einem auf der Seite liegenden Tortenstück. Hier ist ein Teil der Erdkruste nach oben gedrückt worden und umgekippt. Jan Zalasiewicz, ein britischer Stratigraph, macht mich auf einen besonders breiten grauen Streifen aufmerksam. «Schlimme Dinge sind da passiert», sagt er.

Stratigraphen sind Geowissenschaftler, die an der Abfolge von Fels- und Bodenschichten die Geschichte der Erde ablesen. Der graue Streifen neben dem Wasserfall ist vor etwa 445 Millionen Jahren entstanden, als sich auf dem Boden eines uralten Ozeans eine dicke Schicht von Ablagerungen sammelte. Damals, im Ordovizium, war das Leben auf der Erde noch weitgehend auf das Wasser beschränkt. Und es durchlief eine Krise: In der Zeit, in der sich dieser einen Meter dicke Streifen ablagerte, starben etwa 80 Prozent aller Lebensformen im Meer aus. In der gleichen Phase erlebte unser Planet einen extremen Klimawandel. Weltweit fiel der Meeresspiegel, die chemische Zusammensetzung des Wassers veränderte sich. Ursache war vermutlich die Verschiebung eines Superkontinents über dem Südpol. Die Folge war eines der fünf großen Artensterben der jüngsten 500 Millionen Jahre.

Stratigraphen sind gewöhnlich schwer zu beeindrucken. Sie betrachten die Erdgeschichte aus der Langzeitperspektive. In ihrem Geologiebuch erhalten nur außergewöhnliche Ereignisse eigene Kapitel, Wendepunkte in der Entwicklung unseres Planeten. Und an einem solchen Wendepunkt, am Beginn eines neues Abschnitts, stehen wir jetzt.

Das jedenfalls meinen Zalasiewicz und viele seiner Kollegen. Die Menschen hätten die Erde seit 100 oder 200 Jahren so stark verändert, dass wir nun in eine neue Epoche einträten: das Anthropozän. Ich fröstele im smirr, schaue auf die Streifen im Fels und frage meinen Begleiter, wie sich Stratigraphen in einer fernen Zukunft diese Zeit wohl darstellen werde: als Schicht mit gleitenden Übergängen oder mit scharf abgegrenzten Rändern, als Zeugnis einer Ära, in der schlimme Dinge passiert sind – wie das Massensterben am Ende des Ordoviziums? Das, antwortet Zalasiewicz, liege jetzt allein in unserer Hand.

Sehen Sie sich auch unser Video zum Thema "7 Milliarden" an:

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Das Zeitalter des Menschen, genannt Anthropozän, ist da. Doch jede Epoche ist auch irgendwann zu Ende. Was wird dann von unserer Art bleiben? Ihre Meinung interessiert uns! Zur Diskussion.

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(NG, Heft 03 / 2011, Seite(n) 64)

Im Jahr 2011 werden auf der Erde sieben Milliarden Menschen leben – und es werden immer mehr. Ihr Streben nach einem besseren Leben wird die Energie- und Rohstoffvorräte unseres Planeten aufs Äußerste beanspruchen. Wie wird die Welt dann aussehen? In einer großen Serie suchen wir Antworten auf die drängendsten Fragen. mehr...

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