Preisgekrönt: Jugend in Belfast

Die Gewinner des ZEKE-Preises für Dokumentarfotografie stehen fest: Den ersten Platz teilen sich der deutsche Fotograf Toby Binder und Rory Doyle aus den USA.Montag, 8. Juli 2019

Von Andrea Henke
Bilder Von Toby Binder

Das Social Documentary Network (SDN) vergab zum ersten Mal den nach dem gleichnamigen Magazin für Dokumentarfotografie benannten Preis. Gesucht wurden Arbeiten, die höchste visuelle und erzählerische Ansprüche erfüllen und gleichzeitig wichtige globale Themen untersuchen. Toby Binders Fotoessay „Jugend von Belfast“ zeigt Kinder und Jugendliche in sechs katholischen und protestantischen Stadtteilen von Belfast. Rory Doyle erhält den Zeke-Preis für „Delta Hill Riders“; er beleuchtet die wenig beachtete Subkultur der afroamerikanischen Cowboys und Cowgirls im ländlichen Mississippi-Delta. Beide Arbeiten werden in der SDN/ZEKE-Ausstellung der Photoville vom 12. bis 22. September in Brooklyn gezeigt. Zusätzlich erscheinen sie in der Herbstausgabe des ZEKE-Magazins. Neben Binder und Doyle werden vier weitere Fotografen prämiert. Wir befragten Toby Binder zu seinem Projekt.

Herr Binder, Sie fotografieren seit 15 Jahren Jugendliche in britischen Arbeiterstädten, warum haben Sie für Ihr Essay Belfast gewählt?

Mein Auslöser für die Arbeit war das Referendum zum Brexit. Ich wollte dorthin gehen, wo es Mehrheiten für oder gegen den Brexit gab und sehen, was die Menschen unterscheidet. In Nordirland waren die Protestanten zu 60 Prozent für den Brexit, die Katholiken – durch alle sozialen Schichten hindurch – zu 85 Prozent dagegen. Der Brexit bedroht den Frieden in Nordirland. Belfast ist auch zwei Jahrzehnte nach dem Karfreitag-Friedensabkommen eine geteilte Stadt, in der die beiden Pole ganz eng beieinander liegen. Es gibt protestantisch-unionistisch und katholisch-nationalistisch dominierte Viertel, in denen mit jeweils überwältigender Mehrheit für oder gegen den Brexit gestimmt wurde. Allesamt sozial schwächere Viertel, in denen es die Jugendlichen nicht einfach haben und aus denen sich teilweise noch heute die Paramilitärs rekrutieren. In besseren Vierteln ist die konfessionelle und politische Durchmischung größer. Ich kannte Belfast noch durch Aufenthalte in 2006 und 2007 – damals war die Stadt sogar noch stärker geteilt.

Die Jugendlichen, die Sie fotografiert haben, gehören zur ersten Generation, die in Frieden aufgewachsen ist. Wie sehen Sie ihr Leben?

Es ist bemerkenswert: Ihr Leben spielt sich weiterhin fast ausschließlich in ihrem Viertel ab. Die Jugendlichen kommen nicht raus, viele wollen auch nicht raus. Ich war im Juni dort, um mein Buch zu präsentieren und hatte die Jugendlichen dazu eingeladen. Leider kamen nur sehr wenige, obwohl ich extra das neutrale Stadtzentrum für die Präsentation gewählt hatte.

Ich habe einen älteren Mann in einem katholischen Viertel kennengelernt, der mir erzählte, dass er genau dreimal in seinem Leben im Stadtzentrum war. Diese Jugendlichen leben in ihrer Blase, sie haben nur sehr wenig Kontakt mit Jugendlichen in anderen Vierteln. Wenn sie mal in ein anderes Viertel ihrer eigenen Community wollen, fahren sie selbst im Auto nicht den kürzesten Weg. Sie machen Umwege, damit sie nicht durch Viertel der jeweils anderen fahren müssen. Es wird viel Zeit auf der Straße verbracht, mit Rumhängen und Warten, bis die Kumpels kommen. Man spürt eine große Perspektivlosigkeit. Das große Ziel ist, ganz aus der Stadt heraus zu kommen – am besten ins Ausland.

Und dennoch kommen viele noch nicht einmal in das Zentrum von Belfast? Gibt es ein gegenseitiges Interesse an den Jugendlichen in den jeweils anders geprägten Vierteln?

Ich habe komplett analog fotografiert und konnte meine Fotos immer erst beim nächsten Besuch zeigen. Am Anfang habe ich darauf geachtet, dass ich ihnen nur die Bilder ihres Viertels zeige oder zumindest nur die von Vierteln ihrer Community. Irgendwann haben sie dann aber weiter durchgeblättert und die Bilder eines anderen Viertels gesehen, das vielleicht fünf Minuten entfernt ist, aber auf der anderen Seite der Friedensmauer liegt, die Belfast teilt. Diese Fotos haben sie viel interessierter angeguckt: „Oh, wow, so sieht es da also aus! Das ist ja wie bei uns!“ Sie hatten keine Ahnung, was hinter der Mauer passiert.

Haben Sie private Kontakte zwischen Jugendlichen beider Seiten erlebt?

Die Tore der Mauern zwischen den protestantischen und katholischen Vierteln stehen ja tagsüber offen. Dort hindurch gehen aber eigentlich nur Fremde wie ich. Einmal habe ich ein einheimisches Pärchen getroffen. Er kam aus dem protestantischen Shankill und sie aus dem katholischen Whiterock. Dieses Jahr habe ich sie mit ihrem gemeinsamen Kind wiedergesehen. Das ist eine der seltenen positiven Geschichten! Ich wollte sie länger fotografisch begleiten aber sie haben es aus Sicherheitsgründen abgelehnt. Es gibt immer noch genügend Leute, die so eine Beziehung nicht tolerieren.

Konnten Sie Unterschiede zwischen katholischen und protestantischen Vierteln erkennen?

Nicht bei den Jugendlichen. Dort sieht man nur Gemeinsamkeiten. Sie tragen die gleichen Klamotten, nehmen dieselben Drogen. Ihr Alltag ist deckungsgleich, sie haben die gleichen Probleme. Wenn diese überladende Symbolik der vielen Fahnen, Wandgemälde und angemalten Bordsteinkanten nicht wäre, könnte man auch die Viertel äußerlich nicht unterscheiden. Ich hatte das Gefühl, dass vielleicht die Angst und die Aggression auf protestantischer Seite etwas größer sind, weil die Protestanten merken, dass ihr Anteil an der Bevölkerung immer geringer wird. Die Bevölkerung von Nordirland wird wahrscheinlich schon in zwei Jahren mehrheitlich katholisch sein, was früher undenkbar war.

Wieviel Zeit haben Sie für das Projekt in Belfast verbracht?

Ich bin mehrmals für zwei bis drei Wochen dorthin gereist. Mit jedem Besuch wurde der Kontakt besser. Beim vierten Mal bin ich schon ganz anders begrüßt worden.

Es gibt in Ihrem Essay auch Porträts, die sehr intensiv wirken. Haben Sie einzelne Jugendliche besonders begleitet?

Das Wiedersehen lief immer gleich ab: Ich bin zum Tante-Emma-Laden an einer der Hauptstraßen gegangen und habe gewartet. Früher oder später sind sie aufgetaucht. Die Gruppe war jedes Mal im Großen und Ganzen noch vollständig. Es war toll, Einzelne wieder zu treffen. Zu sehen, wie die Jugendlichen sich in den drei Jahren entwickeln – in dieser Zeit passiert bei Jugendlichen so viel. Die Jüngeren habe ich manchmal nicht gleich wiedererkannt, weil sie sich so verändert hatten. Ein Pärchen, Megan und Joshua, hat inzwischen ein Kind…

Wie weit haben die Jugendlichen sich selbst in den Fotos wiedergefunden?

Als ich das erste Mal wieder hinkam, war ich unsicher, ob Ihnen die Bilder gefallen. Es hat mir dann die Tür für meine nächsten Aufenthalte geöffnet, dass Sie die Bilder toll fanden und sich gerne haben fotografieren lassen. Ich habe bei den folgenden Reisen immer die letzten Fotos mitgebracht – jetzt auch das Buch, das daraus entstanden ist – damit ich etwas für dieses Vertrauen zurückgeben kann. Als ich Megan und Joshua ihr Buch gebracht habe, habe ich Joshua nach langem Suchen bei seinen Großeltern aufgetrieben. Die Großmutter hat sich das Buch angeschaut und gemeint: „Mensch, die Kinder sind doch auf beiden Seiten genau gleich. Wir bräuchten einfach viel mehr gemischt konfessionelle Schulen!“ Das war ein sehr schöner Moment. Gerade die Alten, die den blutigen Bürgerkrieg zwischen den Konfessionen, noch am eigenen Leib miterlebt haben, sind meistens unversöhnlich. In ganz Belfast gibt es nur eine Handvoll gemischt-konfessioneller Schulen. Selbst die Jugendlichen, die in den Vierteln zusammenleben, gehen auf getrennte Schulen.

Mit welcher Kamera haben Sie fotografiert?

Mit einer Mamiya 645, einer Mittelformatkamera. Das ist ein Riesenkasten, mit dem man nicht unauffällig fotografieren kann. Aber das wollte ich auch nie. Ich habe vorher den Kontakt gesucht und erklärt, was ich mache.

Wo lag die Herausforderung bei diesem Projekt?

Es war sehr zeitaufwendig. Ich habe oft auf szenische Motive gelauert, ohne dass irgend etwas passiert ist. Aber das war auch an anderen Orten so. Es war eher einfacher, die Jugendlichen in Belfast zu fotografieren als andere britische Jugendliche. Ich war im Rahmen des Gesamtprojekts auch in Schottland und Nordengland und dort war die Stimmung viel rauer und von Misstrauen geprägt. In Belfast hat mich mal ein älterer Herr gefragt, wie es mir dort gefällt und ich habe geantwortet, dass ich die Jugendlichen sehr offen, freundlich und interessiert finde. Er meinte dann: „Ja, wir sind nett zu den Fremden, wir bringen uns nur gegenseitig um.“

 

Toby Binder: „Wee Muckers. Youth of Belfast“ (Kehrer 2019, 120 S., 88 Duplexabbildungen, 35€)

Wir stellen in jeder Ausgabe des National Geographic-Magazins einen Fotografen vor. In Heft 7/2019 ist es Ernie Button mit einem sonderbaren Projekt.

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