Geschichte und Kultur

Leben und Sterben am Everest

Eine Lawine am höchsten Berg der Welt riss im April 16 Expeditionshelfer in den Tod. Nach der Tragödie begehrten die Sherpas auf und legten die Geldmaschine Mount Everest lahm. Die Rekonstruktion einer Katastrophe – und ihrer Folgen.

Von Chip Brown
Leben und Sterben am Everest

Eine Lawine am höchsten Berg der Welt riss im April 2014 16 Expeditionshelfer in den Tod. Nach der Tragödie begehrten die Sherpas auf und legten die Geldmaschine Mount Everest lahm. Die Rekonstruktion einer Katastrophe – und ihrer Folgen.

Ein weinendes Ohr kündigte den schwärzesten Tag in der Geschichte des höchsten Berges der Welt an. Es war drei Uhr früh, und Nima Chhiring, ein 
29 Jahre alter Sherpa aus dem Dorf Khumjung, stapfte zur Arbeit. Auf dem Rücken trug der Mann mit dem sonnenverbrannten Gesicht und dem pechschwarzen Haar eine 29 Kilo schwere Gasflasche. Unter ihm lag auf 5270 Metern das Basislager des Mount Everest. Ein Dorf aus Zelten, in denen sich Bergsteiger aus 40 internationalen Expeditionen bei dünner Luft unruhig hin und her wälzten. In der Dunkelheit über ihm flackerten die Stirnlampen von mehr als 200 Sherpas und anderen nepalesischen Helfern, die durch den Khumbu­-Eisbruch stiegen.

Der Eisbruch ist eine Schlüsselstelle an der Südostroute des Everest und eine der gefährlichsten Passagen überhaupt für Bergsteiger im Himalaja. Ein steiles, sich ständig bewegendes Labyrinth aus schwankenden, haushohen Eisblöcken, Gletscherspalten und Eismassen, die sich zwischen der Westschulter des Mount Everest und dem gegenüberliegenden Nuptse gut 600 Meter in die Tiefe schieben.

Viele von Nima Chhirings Kollegen waren an diesem 18. April noch früher als er in den Eisbruch gestiegen. Sie hatten Tee und tsamba gefrühstückt, den traditionellen Gerstenbrei. Sie hatten ihr Gepäck geschultert: Seile, Schneeschaufeln, Eisschrauben, um Fixseile bis zum Gipfel des Everest in 8850 Meter Höhe anzubringen. Manche trugen die Ausstattung für die vier Zwischenlager, die sie für ihre Klienten am Berg einrichten sollten: Schlafsäcke, Esszelte, Tische, Stühle, Kochtöpfe – sogar Heizgeräte, Teppiche und Plastikblumen.

Einige der Sherpas waren noch mit dem gerösteten Gerstenmehl bestäubt, das sie sich tags zuvor bei der Puja­-Zeremonie ins Gesicht gerieben hatten, als sie Jomo Miyo Lang Sangma um sicheres Geleit und ein langes Leben gebeten hatten, die Göttin, die nach dem Glauben der Buddhisten auf dem Everest wohnt. Erst wenn diese Zeremonie abgehalten worden ist, beginnen die Sherpas mit dem Aufstieg.

Seit dem Saisonbeginn Anfang April waren schon einige durch den Eisbruch gestiegen. Die von den „Icefall Doctors“ präparierte Route aus Fixseilen und Aluminiumleitern an den Eisbrüchen und ­-spalten unterschied sich kaum von der früherer Jahre; allerdings schmiegte sie sich enger an die lawinengefährdete Flanke der Westschulter. 300 Meter weiter oberhalb wölbte sich ein Hängegletscher bedrohlich über die Route.

Selbst mit bis zu 45 Kilo Gepäck schaffen die meisten Sherpas den 3,3 Kilometer langen Aufstieg zum Lager I in 6035 Meter Höhe in dreieinhalb Stunden oder weniger. Nima Chhiring, der für eine chinesische Expedition arbeitete, war seit einer Stunde unterwegs, als er das so­ genannte Popcorn Field erreichte, auf dem sich die Eisbrocken häufen wie riesiges, verschüttetes Popcorn. Die Route ist steil, überall sind Leitern angebracht, um Spalten und Abbrüche zu über­brücken. Am Football Field, dem ebeneren Stück weiter oben, machen die Bergsteiger oft Rast. Dort hören sie das Eis knirschen und krachen, wenn sich der gewaltige Khumbu­-Gletscher vorwärtsschiebt – etwa einen Meter am Tag. Oberhalb des Football Field gibt es eine weitere gefährliche Stelle mit gigantischen Blöcken und Türmen aus Eis. Erst danach, im Western Cwm (oder Tal des Schweigens), wo der Khumbu­-Eisbruch in eine weite weiße Ebene übergeht, würde Nima Chhirings Aufstieg etwas leichter werden.

Gegen sechs Uhr gelangte er an eine zwölf Meter hohe Eiswand. Mit der schweren Last auf dem Rücken, Steigeisen an den Stiefeln und einer Steigklemme in der Hand machte er sich an den Aufstieg über drei Aluminiumleitern. Kaum hatte er die Wand überwunden, eröffnete sich ihm ein Anblick, der ihn bestürzte: ein Stau. Auf dem abschüssigen Eisplateau, das oberhalb der Leitern lag. Am Ende des Plateaus musste man mit zwei verbundenen Leitern in eine Spalte hinabsteigen. Weil sich das Eis ständig bewegte, hatten sich die Verankerungen am unteren Ende gelockert. Nun drängten sich die Berghelfer am Einstieg. „Es waren bestimmt mehr als hundert Leute. Es hätte eine halbe Stunde gedauert, um da vorbeizukommen“, erinnerte sich Nima Chhiring. „In dem Moment bekam ich es mit der Angst zu tun.“

Ein Unheil kündigt sich in Nepal manchmal als hoher Pfeifton an, kan runu genannt oder weinendes Ohr. Nima Chhiring, der dreimal auf dem Gipfel des Everest gestanden hat, hatte sein Ohr schon einmal weinen gehört. Er wusste, dass er das nicht ignorieren durfte. Sollte er die Last zum Lager I hochtragen, oder sollte er die Gasflasche stehen lassen und sofort absteigen? Er versuchte, seinen Sirdar, den Anführer der Träger, im Basislager anzufunken, aber er erreichte nur den Lagerkoch. Er sagte ihm, dass er das Gepäck an den Fixseilen festklemmen und absteigen würde.

NG-Video: Sherpas erklären, warum sie klettern

Seine Kollegen fragten ihn, was er da mache. „Mein Ohr weint, es wird etwas Schlimmes passieren. Ich steige ab, ihr solltet das auch tun“, sagte er. Das muss gegen 6.15 Uhr gewesen sein.

Die Nachricht von Nima Chhirings weinendem Ohr machte die Runde. Fünf andere Sherpas legten besorgt ihr Gepäck ab und machten sich an den Abstieg. Zwei weitere kehrten um, weil sie eiskalte Füße hatten. Aber die meisten wollten sich nicht von einem weinenden Ohr von ihren Plänen abbringen lassen.

Auf dem Weg zurück zum Football Field traf Nima Chhiring auf Sherpas, die er kannte. Lhakpa Tenjing Sherpa, 24, der eine Frau und eine zwei Monate alte Tochter hatte; Ang Tshiri, mit 56 einer der ältesten Sherpas am Berg. Nach 13 Jahren als Koch im Lager II wollte er sich bald nur noch seinem Lokal in Thamo widmen. Nima Chhiring kam auch an Ang Tshiris Halbbruder Dorje Sherpa, 39, vorbei, der oben im Flusstal des Bhote Kosi mit seiner Familie in einem bettelarmen Haus lebte. Er erzählte ihnen von seinem weinenden Ohr. Sie zogen dennoch weiter.

Um 6.34 Uhr waren die Leitern oben an der Spalte wieder befestigt. Doch der Stau hatte sich noch nicht aufgelöst.

Das Basislager und der Eisbruch lagen noch im Schatten, hoch oben hingegen erstrahlten die Gipfel, die Throne der Sherpagötter, im Sonnenlicht. Es war ein wunderschöner Morgen auf dem Everest – noch genau elf Minuten lang.

Das Amphitheater der Berge um das Basislager des Everest ist so weit, dass man Lawinen sieht, bevor man sie hört. Das Geräusch folgt wie Donner auf Blitz, ein ozeanisches Zischen von Sturzbächen aus Schnee und Eis und Felsen, die in steilen Rinnen und über den Rand der Hängegletscher in die Tiefe schießen. Doch die Lawine am 18. April klang anders, vor allem für die Sherpas im Eisbruch. Die, die überlebten, beschrieben es als ein tiefes Tuuung, einen Laut wie von einem Hammer, der gegen eine gedämpfte Glocke schlägt oder wie von einer gezupften Saite auf einem titanischen Bass.

Ein Block in Form eines riesigen Hundezahns, 34 Meter hoch und Tausende Tonnen schwer, hatte sich von den steilen Gletschertürmen unterhalb der Westschulter gelöst. Dieses Ungetüm aus Eis donnerte in die Tiefe, wo es zerbarst, es schob den Wind wie eine Wand vor sich her. Manchen Sherpas kam es vor, als dauerte es Minuten, bis die Lawine bei ihnen ankam; für andere waren es Sekunden. Etwa zwei Dutzend Bergsteiger standen in der Schneise der Lawine, viele andere direkt an ihren Rändern. Es war 6.45 Uhr.

Genau dann machte Kurt Hunter, Basislager- Manager von Madison Mountaineering, seinen Funkcheck mit Dorje Khatri, dem 46-jährigen Sirdar der Firma, der gerade auf dem Plateau angekommen war. Khatri war ein bekannter Gewerkschafter, der bei jedem seiner neun Gipfelsiege eine andere Gewerkschaftsfahne auf dem Everest gehisst hatte. Plötzlich hörte Hunter über Funk Rufe und Schreie und dann – „Totenstille“. Als das Tosen der Lawine das Basislager erreichte, lief Hunter aus dem Zelt. Er sah den oberen Teil des Eisbruchs in einer dampfenden weißen Wolke aufgehen.

Als Nima Chhiring das Tuuung hörte, war er am Football Field angelangt. Seine schlimmsten Befürchtungen hatten sich bestätigt. Innerhalb von Sekunden war er mit Reif überzogen – einer von vielen Überlebenden, die später wie Geister aus Schnee und Eis aus dem Lawinenfeld auferstanden.

Die Berichte der Überlebenden geben ein Mosaik des Schreckens. Der junge Pemba Sherpa, der um vier Uhr mit einem Klienten aus Alaska vom Basislager aufgebrochen war, hatte gerade das Football Field erreicht, als ihn ein Windstoß traf. Er blickte auf und sah „einen Eisblock, so groß wie ein Haus“ von der Westschulter herabstürzen. Die beiden rannten abwärts, warfen sich hinter eine Eisformation, und dann war der Himmel über ihnen auch schon verschwunden.

Der Träger Babu Sherpa stand knapp oberhalb der Leitern in einer Gruppe mit sechs Sherpas. „Wir kauerten uns zusammen. Als sich der Schnee verzogen hatte, schaute ich nach unten, aber da war niemand mehr unter mir.“

Chhewang Sherpa, ein 19-Jähriger auf seiner ersten Everest-Expedition, hatte es gerade durch den Abschnitt mit der beschädigten Leiter geschafft. Er war mit seinem Schwager, Kaji Sherpa, 39, Vater dreier Kinder, unterwegs. Der Schwager kletterte, über Steigklemme und Sicherheitsschlinge am Fixseil gesichert, eine Eiskante hinauf. Als die Lawine auftraf, hängte sich Chhewang aus dem Fixseil aus und lief weg, dann kauerte er sich hinter seinem Rucksack zusammen. Das Eis durchtrennte die Sicherheitsschlinge des Schwagers und schlug ihn bewusstlos. Chhewang konnte ihn auffangen und schleppte ihn in Sicherheit. Mit Tee aus der Thermoskanne versuchte er, ihn aufzuwecken. „Nach und nach kam Kaji wieder zu sich. Er konnte seine Arme nicht bewegen. Er sagte: ‚Rette mich, bitte!‘ Wenn ich ihn nicht aufgefangen hätte, wäre er verloren gewesen, denn die Spalte war sehr tief.“

Der 20-jährige Pasang Dorje Sherpa, der bei Alpine Ascents International (AAI) arbeitete, war zusammen mit zwei Kollegen, Ang Gyalzen und Tenzing Chottar, beim Aufstieg. Es war Pasang Dorjes zweite Saison auf dem Everest. Er trug eine lange Stange für das Mannschaftszelt und eine Rolle Zeltleine. Als er das Tuuung hörte, war Tenzing Chottar nur wenige Schritte hinter den beiden anderen. Tenzing, 29, war ein Everest-Neuling. Er hatte zwei Kurse am Khumbu Climbing Center absolviert; er unterstützte seine Eltern und hatte einen drei Monate alten Sohn in Kathmandu.

„Ich sah das Eis auf uns zu stürzen und dachte nur: Es ist aus. Jetzt sterbe ich“, erzählte Pasang Dorje. „Der Wind drückte mich hinter einen großen Sérac. Wenn ich nicht ins Fixseil eingehängt gewesen wäre, hätte es mich weggeweht.“ Das Eis knallte ihm die Zeltstange gegen den Kopf, zerschlug die Thermoskanne und durchschnitt das Seil. Herumfliegende Eisstücke rissen ein Loch in Ang Gyalzens Daunenjacke.

Als sich die alles verschlingende Wolke nach zwei Minuten wieder verzogen hatte, umarmten sich Pasang Dorje und Ang Gyalzen. Dann blickten sie zurück. Die klaffende Spalte im Eisbruch unter ihnen war jetzt voller Eisblöcke, so groß wie Tische und Sofas. „Tenzing! Tenzing!“, riefen sie. Es kam keine Antwort.

Fünf oder sechs Sherpas hinter ihm waren verschüttet und vermutlich tot. „Ein Sherpa spuckte Blut“, sagte er. „Ein anderer steckte mit ganz weißen Augen bis zum Bauch im Eis und flehte uns um Wasser an. Wir zogen ihn heraus. Ich weiß nicht einmal, wie er heißt. Die meisten meiner Freunde haben geweint.“

Alarmiert von einem Bergführer zog sich Lakpa Rita, der Sirdar bei AAI, rasch die Stiefel an. Er steckte eine lange Antenne in sein Funkgerät und versuchte, seine Mitarbeiter, die an diesem Morgen im Eisbruch unterwegs waren, zu erreichen – 33 Bergführer, ein Koch, zwei Küchenhelfer. Schließlich funkte er mit Pasang Dorje und erfuhr von den Toten.

Vom Basislager aus begann Lakpa Rita mit Kollegen den zweistündigen Aufstieg zur Unglücksstelle. „Uns kamen viele verletzte Sherpas entgegen“, erinnerte er sich. „Sie hatten Prellungen und bluteten am Kopf. Einige humpelten. Ich bot ihnen Hilfe an. Sie sagten nur: ,Die über uns haben Hilfe nötiger als wir.‘ Aber die Verschütteten hatten schon nach 15 Minuten keine Chance mehr, das wusste ich.“

Als lakpa rita an der Unglücksstelle eintraf, war der Schnee voller Blut. Etwa 50 Sherpas gruben bereits verzweifelt mit Spaten und Eispickeln nach ihren Kameraden, andere saßen reglos da – vom Schock gelähmt und übermannt von ihrer Trauer. Unter einer grauen Zeltplane lagen vier Leichen. Als er das sah, setzte sich Lakpa Rita hin und weinte. „Ich wollte mir vor meinem Team die Tränen verkneifen, aber es ging einfach nicht.“

Als er doch unter die Zeltplane schaute, sah er an den Jacken, dass keiner der Toten von AAI war. Er grub nun mit den anderen. Zwei weitere Leichen wurden aus dem Eis geborgen. Dann noch eine: Ang Tshiri, der Koch. „Ang Tshiri gehörte zu mir“, sagte Lakpa Rita.

Um 9.09 Uhr funkte einer von Lakpa Ritas Bergführern ins Basislager, dass es mindestens zehn Tote gab. Zwei Hubschrauber mit dem Neuseeländer Jason Laing und dem Nepalesen Siddhartha Gurung als Piloten trafen ein. Um 10.49 Uhr holten sie vier Sherpas mit Beinbrüchen, Becken-, Bauch-, Kopfverletzungen und inneren Blutungen aus dem Eisbruch.

NG-Video: Sherpas erklären, warum sie klettern

Kurz nach elf Uhr waren schließlich alle Verletzten im Basislager, und die Rettungsteams machten sich an die Bergung der Toten. Zwischen 11 und 14 Uhr flog Laing zwölfmal mit seinem rot-schwarz-silbernen Eurocopter AS350 B3e zur Unfallstelle. Jedes Mal, wenn er zurückkam, hing am 30 Meter langen Stahlseil seines Hubschraubers ein lebloser Körper, die Stiefel und Steigeisen noch an den Füßen. Die Toten wurden ins Basislager gebracht, mit Klebeband nummeriert und in Planen eingeschlagen.

Teamkollegen oder Angehörige identifizierten die Opfer. Ang Tshiris Sohn Pemba Tenjing war aus dem Lager I heruntergeeilt, nur um durch ein Paar bekannter Schuhe schreckliche Gewissheit zu bekommen. Aus Sorge, dass die Westschulter des Everest noch mehr Schnee hinunterstürzen könnte, wurde die Suche um 14.10 Uhr abgebrochen. Erst am folgenden Tag gelang es, die Leiche von Dorje Khatri, dem Gewerkschafter, zu bergen. Er hing kopfüber in einer Spalte oberhalb der Dreifachleiter. Drei vermisste Nepalesen wurden für tot erklärt.

Alle Toten waren Sherpas oder Angehörige anderer nepalesischer Ethnien. Sie hatten gearbeitet, um ihre Kinder zur Schule schicken, ein Haus bauen oder Medikamente für ihre Eltern kaufen zu können. 28 Kinder hatten ihre Väter verloren. Elf der Toten waren an derselben Stelle umgekommen – am abschüssigen Eisplateau vor der Leiter. „Als sie erkannten, dass sie nicht entkommen können, haben sie sich wahrscheinlich zusammengekauert“, sagte Lakpa Rita, der Sherpaführer von AAI.

Dieses Unglück war das schlimmste in der Besteigungsgeschichte des Mount Everest, verheerender noch als die Katastrophen von 1922, 1970 und 1974, als ebenfalls viele Sherpas ums Leben gekommen waren. Wie weitreichend die Folgen waren, sollte sich bald zeigen.

In den Tagen nach der Lawine herrschte Chaos: Zwischen Pujas, Bestattungen und Versammlungen wurden Fragen, Gerüchte und Forderungen laut. Würde die Besteigungssaison weitergehen? Sollte sie das? Was war eine angemessene Trauerzeit?

Einige der Expeditionsagenturen, die von Nepalesen, aber auch von Europäern, Neuseeländern oder Amerikanern betrieben werden, gaben ihren Sherpas Heimaturlaub. Nicht alle wollten wiederkommen. Lakpa Rita war klar, dass für AAI die Besteigungssaison vorbei war – er konnte von seinen Sherpas nicht verlangen weiterzumachen, wenn fünf Teamkollegen tot und immer noch Leichen am Berg waren. Sherpas von anderen Anbietern wollten zunächst weitermachen. Doch dann kamen die Aktivisten.

Es ist schwierig, sich aus den Berichten, Gerüchten und widersprüchlichen Darstellungen über die folgenden Ereignisse im Basislager ein Bild zu machen. Für viele Sherpas, die in ihrer Trauer und angesichts der gefährlichen Bedingungen nicht zurück auf den Berg wollten, war es vielleicht leichter, Drohungen von „Militanten“ als Gründe vorzuschieben. Jedenfalls sagten sie, dass sie sich unter Druck gesetzt fühlten. Denn die Aktivisten forderten immer vehementer bessere Arbeitsbedingungen für die Bergführer und schienen kampfbereit.

Schon länger hatten Beobachter bei der jüngeren Generation von Sherpa-Bergführern und -helfern ein neues Selbstbewusstsein ausgemacht, vor allem seit im Frühjahr 2013 in 6350 Meter Höhe drei europäische Bergsteiger, unter ihnen der Schweizer Ueli Steck, mit Sherpas, die Seile fixierten, aneinandergeraten waren .

Nun wurde die Unzufriedenheit in ihrem ganzen Ausmaß offenbar. Die zornigen, trauernden Sherpas zogen dem Multimillionen- Geldautomaten Mount Everest den Stecker. Am höchsten Berg der Erde nimmt die nepalesische Regierung jährlich allein zweieinhalb Millionen Euro für Aufstiegslizenzen ein und generiert zusätzliche Nebeneinkünfte, die ausländische Expeditionsanbieter auf mehr als zwölf Millionen Euro schätzen.

Am Sonntag, den 20. April, zwei Tage nach dem Lawinenunglück, trafen sich Expeditionsleiter, Rettungskräfte und Betroffene im Zelt des Sagarmatha Pollution Control Committee (SPCC), das unter anderem die „Icefall Doctors“ und die Müllentsorgung am Everest koordiniert. Die Wortführer der Expeditionshelfer formulierten 13 Forderungen an die Regierung. Unter anderem wollten sie besseren Versicherungsschutz und eine höhere Beteiligung an den Aufstiegslizenzen. Damit wollten sie einen Fonds einrichten für die Familien von Getöteten und Verletzten. Viele waren erbost, dass die Regierung den Hinterbliebenen nur eine Entschädigung von etwa 300 Euro angeboten hatte, was nicht einmal annähernd die Bestattungskosten deckte.

Am Montag, den 21. April, gingen die bewegenden Bilder von den Beisetzungen der Sherpas in Kathmandu um die Welt, und am nächsten Tag wurde im Basislager eine riesige Puja mit 22 Lamas zelebriert. Als der Forderungskatalog auf Nepalesisch und Englisch verlesen wurde, machte sich Unmut breit. Einige schrien, dass sie nicht wieder hinaufgehen wollten. „Die meisten wollten einfach nach Hause gehen, aus Respekt für die Toten und zu ihrer eigenen Sicherheit“, schrieb Sumit Joshi, Gründer der nepalesischen Agentur Himalayan Ascent. Westliche Expeditionsblogger meinten, militante Sherpas hätten die Veranstaltung als politische Kundgebung missbraucht. Im Basislager herrschte Aufruhr; Boykottaufrufe und Drohungen machten die Runde. Indessen gab das Ministerium für Kultur, Tourismus und Zivile Luftfahrt bekannt, „dass alle Bergaktivitäten gewiss in ein oder zwei Tagen wieder aufgenommen werden“.

Am Donnerstag, den 24. April, sechs Tage nach dem Unglück, kamen die ersten Regierungsvertreter ins Basislager. Die Delegation unter der Leitung von Bhim Prasad Acharya, dem Leiter des Tourismusministeriums, versuchte, die Sherpas zur Rückkehr an die Arbeit zu bewegen. Russell Brice von Himalayan Experience, einer der dienstältesten ausländischen Veranstalter am Everest, schrieb in einem Bericht, er habe gehört, einige Sherpas hätten Steine geworfen und versucht, die Delegation am Abflug zu hindern. Er nährte auch ein Gerücht, wonach Sherpas einem Delegationsmitglied, das sich noch nicht in der Höhe akklimatisiert hatte, den zusätzlichen Sauerstoff abgedreht hätten. Sumit Joshi wiederum bestreitet den Vorfall vehement: „Irgendjemand witzelte, man solle ihm den Sauerstoff abdrehen, damit er merkt, wie man sich in dieser Höhe fühlt. Ich bin mir ziemlich sicher, dass es nicht dazu kam.“

Manche vermuteten, dass diejenigen, die wüste Drohungen ausgestoßen hatten, gar keine Bergsteiger waren. „Die waren alle jung und unfreundlich“, sagte John All vom American Climber Science Program. „Ihre Jacken waren leichter und nicht so schmutzig wie die typische Everest-Basislager-Montur. Niemand konnte sich erinnern, sie vor der Lawine im Lager gesehen zu haben.“

Bei der Abreise der nepalesischen Regierungsvertreter kalbte der Gletscher an der Westschulter wieder. Die Lawine stürzte in den Eisbruch, genau dorthin, wo die 16 Männer gestorben waren. Für viele war es das Zeichen der Götter, dass die Frühlingssaison am Everest endgültig vorüber war.

Der Konflikt war noch lange nicht beendet. Und, ohne der Gewalt das Wort reden zu wollen: Warum sollten die Berghelfer nicht ihre Sache in die Hand nehmen und die Aufmerksamkeit, die diese Tragödie weltweit erregte, zur Verbesserung ihrer Situation einsetzen? Nur wenige westliche Kommentatoren begriffen, dass Streiks in Nepal an der Tagesordnung sind und eines der wenigen Mittel, um die Regierungsbürokratie überhaupt auf sich aufmerksam zu machen. Als die Arbeitsbedingungen am Everest Schlagzeilen machten, mussten zum Beispiel in Kathmandu zeitgleich Straßenarbeiten unterbrochen werden, weil die Kiesindustrie streikte.

In der Tat arbeitet am Mount Everest eine neue Generation. „Noch vor 20 Jahren hatten weniger als die Hälfte der Everest-Helfer einen Schulabschluss“, sagte Sumit Joshi. „Inzwischen sind es 80 Prozent. Sie kennen die westlichen Medien. Sie wissen, wie die Dinge laufen. Sie sind sich ihrer Rechte bewusst. Sie wissen, sie können ihre Meinung sagen. Sie wissen über die Welt da draußen Bescheid, wie viel Geld die Regierung an Lizenzgebühren einnimmt und wie wenig davon bei ihnen ankommt. Man sollte sie nicht als Militante oder Maoisten beschimpfen. Sie sind kein neuer Menschenschlag; sie sind jünger.“ Auch Helfer aus anderen ethnischen Gruppen in Nepal, wie Rai und Tamang, leben mittlerweile von Trägerjobs. Sie sind oft noch ärmer und noch mehr vom Everest abhängig. Es gibt viel Streitpotenzial.

Wer allerdings in diesen Tagen mit älteren Sherpas sprach, bekam oft beschwichtigende Worte zu hören. Es war, als fürchteten sie, ihren Ruf als engelsgesichtige, friedliebende, uneigennützige Bewohner einer idyllischen Berglandschaft fernab der Aufregungen der Moderne aufs Spiel zu setzen.

„Sie müssen unsere Kultur verstehen“, sagte etwa Ang Dorjee, der Vorsitzende des Umweltkommitees SPCC. „Bei uns ist es völlig normal zu sagen, man bricht jemandem ein Bein, so lange man es dann nicht tut. Es ist auch normal, dass wir uns ein wenig kloppen, wenn wir Bier trinken, und dann sind wir am nächsten Tag wieder Freunde. 99 Prozent der Sherpas sind loyal, ehrlich und fleißig. Diese Tradition lebt weiter. Wenn wir sie verlieren, haben wir ein Problem.“

Die Lawine, die 16 Männer unter sich begraben hatte, machte nicht im Eisbruch halt. Die Ausläufer des Schreckens rollten bis in die Dörfer am Fuße des Everest und darüber hinaus. Sie hatte die Überlebenden nachhaltig erschüttert.

Wie so mancher seiner Kollegen wollte Nima Chhiring, der Mann mit dem weinenden Ohr, nie wieder zum Everest zurückkehren, aber er sah keine Alternative. Er war nicht besonders gebildet, hatte eine Frau und zwei Kinder, aber kein Haus und kein Geld für die Schule. Bald würde er sich von Khumjung auf den Weg machen, um nach seinen fünf Yaks zu sehen. Aber manchmal fragte er sich, ob die schweren Zeiten je ein Ende haben würden. „Ich brauche Hilfe“, sagte er. Als er hörte, dass es für Überlebende der Lawine keine Unterstützung geben würde, schien er für einen Augenblick mit dem Glück zu hadern, das ihn am Leben gelassen hatte.

Noch gewaltiger lag die Last auf den Angehörigen der Toten. Bei der Beerdigung von sechs Lawinenopfern in Kathmandu gab es kaum eindringlichere Bilder der Trauer, als jene vom schmerzerfüllten Gesicht der 19-jährigen Chhechi Sherpa und ihrer gramgebeugten Großmutter. Chhechis Vater Ankaji hatte versprochen, auf Pem Tenji Sherpa aufzupassen, einen 20 Jahre alten Everest-Neuling, der mit seiner Nichte verheiratet war. Er hatte Pem Tenji den Posten als Küchenassistent in Lager II verschafft – eigentlich einer der sichersten, weil man nur zweimal durch den Eisbruch musste. Auch Pem Tenji war tot, und seine Frau hatte nicht einmal einen Leichnam zu betrauern; ihr Mann lag irgendwo im Eisbruch begraben.

Auch viele der Männer, die Nima Chirring auf seinem Abstieg gewarnt hatte, waren gestorben. In Khumjung erfuhr die Witwe Ngima Doma in einem Teehaus aus dem Fernsehen von dem Unglück, und als sie nach Hause kam und ihre Schwiegereltern weinen sah, wusste sie, dass es auch ihren Mann, Lhakpa Tenjing, getroffen hatte. „Ich lege nie wieder Steigeisen an“, sagte Lhakpa Tenjings älterer Bruder Nima Sherpa, den es vielleicht auch getroffen hätte, wenn er nicht eine Woche vorher vom Basislager nach Kathmandu gegangen wäre, um seine Halsentzündung behandeln zu lassen.

Ang Tshiri, der Koch von AAI wurde auch verschüttet. Als seine Frau in ihrem Restaurant mit dem Everest-­Schild an der Tür von seinem Tod erfuhr, schickte sie einen Jungen ins Bhote­ Kosi­-Tal. Er musste der Frau von Ang Tshiris Halbbruder Dorje die Nachricht überbringen, dass auch sie nun Witwe ist.

Dorje und seine Frau Ang Nemi waren seit 14 Jahren verheiratet. Sie hatten zwei Mädchen und zwei Jungen, die in Yak­-Hütten auf die Welt gekommen waren. Das ganze Jahr über lebten sie in 3960 Meter Höhe. Sie besaßen ein Kartoffelfeld, ein paar Yaks, mit denen sie auch Lasten zum Everest beförderten, und ein Ein­-Zimmer­-Steinhaus, das Dorjes Vater gebaut hatte. Seit fünf Jahren hatte Dorje auf dem Everest bei Alpine Ascents International gearbeitet, als Koch im Lager IV auf dem Südsattel, in fast 8000 Meter Höhe. Die Familie wollte sich in Hungmo, unterhalb des Klosters, ein Haus bauen, damit es die Kinder nicht mehr so weit zur Schule hatten.

Nachdem sie am 18. April von Dorjes Tod erfahren hatte, lief die junge Witwe zwei Stunden hinunter nach Thame, um zu telefonieren. AAI würde Dorjes Leichnam nach Tarngga bringen, hieß es, und so ging sie zurück nach Hause und wartete. Aber niemand kam, und am folgenden Morgen machte sie sich wieder auf den Weg nach Thame. Gegen 9.30 Uhr sah sie dann den Hubschrauber vorbeifliegen. Er landete im Kartoffelfeld nicht weit vom Haus. Lakpa Rita, Pemba Tenjing und der Gründer von AAI, Todd Burleson, trugen Dorje hinein.

Die Kinder sahen im Licht der Butterlampe ihren Vater, leblos, in eine blaue Plane gewickelt, noch immer in seiner Bergkleidung und den schweren Stiefeln.

Der sechsjährige Da Jangbu begriff nicht, was los war, aber seine zwölf Jahre alte Schwester, Mingma Doma, fragte: „Was ist mit meinem Vater passiert?“ – „Es tut mir so leid“, sagte Burleson. „Ich weiß nicht, wie es passiert ist.“ Alle vier Kinder weinten bitterlich und klammerten sich an die Leichenträger. Auch die Männer weinten, aber nach einer Viertelstunde flogen sie wieder ab. Sie mussten den nächsten schweren Gang bei der nächsten Familie antreten.

Man hört auch immer wieder, dass vom schwärzesten Tag in der Besteigungsgeschichte des Mount Everest tatsächlich ein paar Hoffnungsschimmer geblieben sind. Der Sherpa Education Fund, ein 1999 von AAI eingerichteter Bildungsfonds, ermöglicht es den Kindern von Dorje und Ang Nemi inzwischen, die Shree-­Himalayan-­Grundschule in Namche Bazar zu besuchen.

Der Fonds bezahlte auch den Umzug aus ihrer zugigen Hütte am Rande der bewohnbaren Welt ins Home Away From Home, ein geräumiges, lichtdurchflutetes Hostel, das nur einen Katzensprung von der Schule entfernt ist und in dem es viele andere Kinder gibt. Plötzlich, nur einen Monat nach dem Lawinenunglück, hatten sie jede Menge neue Freunde, sie aßen gesundes Essen, trugen blaue Parkas und Schuluniformen, benutzten Zahnbürsten und schliefen in richtigen Betten neben einem schielenden Krümelmonster aus Plüsch.

Vor ihnen taten sich Perspektiven auf, von denen sie bis vor Kurzem nicht zu träumen gewagt hätten. Aber es hatte sie das Leben ihres Vaters gekostet.

NG-Video: Sherpas erklären, warum sie klettern

 

(NG, Heft 01 / 2015, Seite(n) 130 bis 156)

Galerie ansehen
Wei­ter­le­sen