Reise und Abenteuer

Paratrekking: Im Himmel über Slowenien

Wer mit dem Meister im Gleitschirmfliegen über alle Berge fliegt, sollte schwindelfrei sein. Eine Reise durch die Alpen, auf Augenhöhe mit den Adlern. Donnerstag, 9 November

Von Marc Bielefeld
Bilder Von Colourbox

Kein Balkon kann bieten, was ich gerade erlebe, keine noch so exponierte Aussichtsplattform bei dieser Perspektive mithalten. Ich sitze mitten im Himmel. Beuge ich mich leicht nach vorn, sehe ich meine Wanderstiefel. Sie baumeln im Leeren, als hingen sie zum Trocknen unter den Wolken. Um mich herum nur Luft, unter mir die gähnende Tiefe. Tausend Meter über den Bergen und Tälern Sloweniens schwebe ich durch die Weite. Vogelfrei, wie in einer Halluzination.

Direkt hinter mir sitzt Oliver Rössel, nur wenige Zentimeter trennen unsere Helme voneinander. Wir hängen in zwei äußerst schmalen Gurtzeugen. Gehalten werden wir von dünnen Aramidleinen, getragen von einem 41 Quadratmeter großen Tandemgleitschirm. Ein Profil wie eine Tragfläche. Vierzehn Meter Spannweite.

Mein Pilot, gut zu wissen, ist mehrfacher deutscher Meister im Paragliding, war Gesamtsieger im Weltcup, er flog schon quer über Rio de Janeiro, über Wüsten und Dschungel. Sein halbes Leben hat er unterm Schirm verbracht. Ich frage Rössel, 47, ob die beiden winzigen Karabiner, an denen mein Leben hängt, auch wirklich halten. Rössel, der mir im Nacken klebt, sagt von hinten: »Das frage ich mich auch immer.« Er mag solche Späßchen.

Tief, tief unter mir sehe ich die Berge und Täler Sloweniens. Braunmellierte Landschaften, kleine Dörfer und Bauernhöfe. Die Straßen sind zu Linien geschrumpft, die Kirchen nurmehr Punkte. Hoch über den Bergflanken gleiten wir gerade in einem Aufwind, eine kleine Cumuluswolke hat sich gebildet und verspricht gute Thermik. Neben uns fliegt ein Steinadler. So nah ist er uns im Aufwind, dass ich seinen weißen Kopf genau erkennen kann, seine majestätischen Schwingen, die weit gespreizten und nach oben gebogenen Federn. Der Adler macht nicht einen Flügelschlag. Mühelos segelt er dahin, und es scheint, als schaue er mir direkt in die Augen.

Am Morgen sind wir gestartet, von einem steilen Hang nahe Kobala. In einer Höhe von 1080 Meter über Meereshöhe machten wir uns fertig und legten das Gerät zurecht. Rössel zog den Schirm auf, bis dieser ruhig im Gegenwind über unseren Köpfen schwebte. Dann rannten wir entschieden den Berg hinab, auf eine Abbruchkante zu, hinter der die Leere klaffte. Nach wenigen Metern aber erhoben wir uns bereits, begannen zu fliegen, und der Schirm trug uns fort in die Höhen über den Bergen. 

“Gleitschirme machen den uralten Traum des Fliegens wahr, auf eine schlichtere, schönere und auch poetischere Art und Weise, als es alle kerosinsaufenden Maschinen, Helikopter und Jets jemals schaffen könnten.”

Vier Tage sind wir in den slowenischen Alpen unterwegs, wollen die Berge gleitend und wandernd bereisen. Biwakfliegen nennt sich diese Disziplin, eine Kombination aus Gleitschirmfliegen und Trekking. Unterwegs werden wir Feuer machen und unter den Sternen liegen. Unsere Schlafplätze werden Landeplätze sein: geeigente Stellen oben in den Bergen, wo Rössel einlanden kann und wir das Nachtlager aufschlagen wollen.

Das Wunder, das diese Art des Reisens überhaupt erst möglich macht, ist der Gleitschirm. Und ja, ich möchte diese Erfindung unbedingt als Wunder bezeichnen – denn sie macht den uralten Traum des Fliegens wahr, auf eine schlichtere, schönere und auch poetischere Art und Weise, als es alle kerosinsaufenden Maschinen, Helikopter und Jets jemals schaffen könnten.

Von oben erkenne ich plötzlich mehrere Ziegenböcke und zwei in rot gekleidete Wanderer. Sie winken zu uns hinauf. Wir ziehen über Wälder, Kamine, gleiten in 2000 Meter Höhe über Bergkämme, hinter denen es 400 Meter lotrecht in die Tiefe geht. Rössel lenkt den Schirm in eine steile Kurve, dann rasen wir über die Kante. Bald wieder steuert Rössel so nah an eine Steilwand heran, dass ich den am Fels klebenden Vogelmist und die bunten Blümchen sehen kann, die dort auf einem winzigen Vorsprung wachsen.

Ein milder Wind aus West weht, als Rössel am frühen Abend den Rest einer Schneefläche am Berg anfliegt. Wir landen weich, zwei, drei Schritte, und wir stehen. Der Schirm sackt hinter uns in sich zusammen, mit einem leisen Rascheln. Stille. Die Hänge unterhalb des Stolgipfels auf 1400 Meter sind wie leergefegt, kein Mensch ist zu sehen.

Wir packen den großen Schirm zusammen, wandern zu einer geeigneten Stelle für die Nacht. Eine Mulde an einem Tümpel, windgeschützt, trocken. Wir sammeln Holz, machen Feuer. Rössel spießt Fleisch auf. In der Nacht werden wir uns in die Schlafsäcke legen und im Gleitschirm einwickeln. Jeder an einem Ende. Beim Biwakfliegen wird das Flugzeug mal eben zum weichen Bett und schützt vor der Nässe der Nacht.

Rössels rote Haare glühen vor den Flammen wie ein zerzaustes Buschfeuer. Im Süden neigt sich der Berg ins Tal, von unserem Schlafplatz fällt der Blick in die Weite der Alpen. Rössel sitzt im Gras, erzählt von seinen weltweiten Flügen. Wie er oft Wochen in seinem Camper wohnt, durch Europa fährt und die Berge befliegt. Er erzählt von Argentinien, wie er dort mal in ein Gewitter geriet. Die Winde nahmen schnell zu, kamen plötzlich von vorn; kaum eine Chance mehr, sie seitlich zu nehmen. Der Wind drückte ihn davon, er flog rückwärts und musste auf einer Bergkuppe eine Notlandung hinlegen. Rössel nennt das »rückwärts einparken«.

Bald aber sagt er nichts mehr, guckt in die Nacht. Müde schlafen wir ein, eingewickelt im knisternden Tuch.

Dieser Artikel wurde bearbeitet und gekürzt. Die ganze Reportage steht in der Ausgabe 2/2017 des National Geographic Travelers. Jetzt ein Magazin-Abo abschließen. 

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