„Man braucht ein kristallklares Ziel!“

Paul Rose ist einer der erfahrensten Expeditionsleiter weltweit. Seit vielen Jahren arbeitet er für das Projekt Pristine Seas („Unberührte Meere“) der National Geographic Society. Hier erzählt er davon, wie er solche Vorhaben plant.Freitag, 12. Juli 2019

Paul Rose (rechts im Foto) im Archipel Franz-Josef-Land in der russischen Arktis.
Paul Rose (rechts im Foto) im Archipel Franz-Josef-Land in der russischen Arktis.
bild Andy Mann

Herr Rose, wo sind Sie gerade?

Ich bin zuhause im englischen Lake District, umgeben von einer riesigen Menge an Ausrüstung. Alles muss noch in dieser Woche nach Russland.

Wohin geht Ihre nächste Expedition?

Wir reisen im August für eine sechswöchige Pristine-Seas-Expedition nach Sewernaja Semlja ins Nordpolarmeer.

Sie sind weiterhin sechs Monate im Jahr auf Expedition?

Etwas weniger. Jede Expedition ist im Schnitt etwa einen Monat lang, typischerweise leite ich drei bis vier Expeditionen pro Jahr.

Was braucht es, wenn man eine Expedition starten will?

Man sollte möglichst zielstrebig, bescheiden, kontaktfreudig, körperlich fit und technisch kompetent sein. Aber auch egozentrisch genug, um sich um sich selbst zu kümmern. Nur dann kann man sich um andere und anderes kümmern. Menschen, die eine Expedition machen wollen, müssen sich sehr genau fragen: warum? Wenn die Frage schwer zu beantworten ist – bleiben lassen! Die besten Expeditionen sind diejenigen, bei denen man sagt: Ich muss einfach gehen! Es ist in mir! Wer so fühlt, tut alles, um auf diese Expedition zu gehen. Solch ein Mensch hat dafür vielleicht schon große persönliche und finanzielle Opfer gebracht und wird das Ziel im Auge behalten, egal ob beim Segeln, Klettern, Schwimmen, Skifahren, bei der Höhlenforschung. Neugierde und Forscherdrang macht die Essenz eines Entdeckers aus. Im Unterschied zu jemandem, der einfach zu viel Geld hat und nur einen gewissen Lifestyle pflegt oder auf eine gesponserte Expedition geht.

Wo liegen die Stolpersteine?

Ich habe es häufig erlebt, dass Menschen Fehler machen, wenn sie es mit Sponsoren zu tun haben. Sponsoren sind ja im Grunde genommen gut – ich werde selbst von einer Ausrüstungsfirma gesponsert –, aber sie haben natürlich auch Erwartungen und Anforderungen. Unerfahrene Entdecker machen dann die Expedition nur, um ihre Sponsoren zufrieden zu stellen.

Was bedeutet das?

Angenommen, wir beide wollen Grönland auf Skiern durchqueren. Unser Antrieb sind Forscherdrang und Abenteuerlust – und bevor wir es merken, durchqueren wir Grönland, um eine neue Kamera zu testen. Genau da fängt es an, schief zu laufen. Anstatt unsere eigene Reise zu machen, würden wir alle fünf Minuten anhalten, um irgendetwas mit der Kamera zu machen. Wir tun also etwas, was mit der Durchquerung Grönlands nicht viel zu tun hat, aber trotzdem viel Zeit und Energie erfordert. Man braucht ein wirklich absolut kristallklares Hauptziel und ein intelligentes Ranking aller untergeordneten Ziele. Andernfalls wird es eine Expedition unter falscher Flagge.

Wie planen Sie eine Expedition?

Man muss den Plan definieren. Und gut überlegen, mit wem man reisen will. So eine Expedition verbindet: Aus den Mitstreitern werden oft enge Freunde. Man braucht Wissenschaftler, Experten für die Technik, eine Filmcrew – und oft eine ganze Schiffsbesatzung vom Koch bis zum Kapitän. Internationale Partner sind meistens auch mit an Bord.

Haben Sie jemals etwas Wesentliches in Ihrer Planung vergessen?

Ich erinnere mich, dass ich, als ich in den Anfangsjahren den Mount McKinley in Alaska bestieg, so sehr darauf bedacht war, das Gewicht auf ein Minimum zu reduzieren, dass ich nicht genug Essen mitnahm und das, was ich mitgenommen habe, mir überhaupt nicht schmeckte. Mein Gepäck war sehr leicht und theoretisch auch sehr effizient. Aber ich war auch sehr hungrig. Solche Fehlentscheidungen treffen wir alle mal, aber – ich klopfe auf Holz – ich vergesse nichts bei der Planung!

Gibt es umgekehrt etwas, das Sie glücklicherweise bedacht hatten?

Immer! Bei der Planung einer Expedition machen wir für jeden einzelnen Schritt eine Risikobewertung. Ich analysiere alle zu erwartenden Risiken und arbeite dann für jedes einzelne eine Kontrollmöglichkeit aus. Die besten Expeditionen funktionieren, weil man analysiert, ob jedes einzelne Element abgedeckt ist. Von außen sieht es so aus, als ob es einfach nur massig Spaß macht, im Meer zu tauchen oder in Grönland zu Ski zu fahren, aber dahinter steckt eine Menge absolut präzises Denken, nichts wird dem Zufall überlassen. Wir haben immer Notfall-Camping-Einheiten, Notfall-Kommunikationsausrüstung und Ähnliches dabei. Wir nehmen aber nichts Unnützes mit.

Auf was können Sie nicht verzichten?

Vollkommen unverzichtbar: meine maßgefertigten Ohrstöpsel. Das Leben auf einer Expedition kann so laut sein! Auf einem Schiff kann es entweder wegen des rauen Wetters laut sein, oder die Kompressoren und Motoren machen Lärm. In Polargebieten haben wir 24 Stunden Tageslicht, so dass die Teams auch 24 Stunden rund um die Uhr arbeiten. Stürme tosen um das Zelt. Ich empfehle jedem maßgefertigte Ohrstöpsel.

Wie geht es dann mit der Planung einer Expedition weiter?

Es müssen Gespräche mit der Regierung und den Behörden des Gastgeberlandes, mit Universitäten und NGOs geführt werden. Für eine Pristine-Seas-Expedition muss das betreffende Seegebiet dokumentiert und erforscht werden. Dazu gehört festzulegen, wohin wir mit dem Schiff fahren, in welchen Regionen Tauchen möglich ist, und wo wir das U-Boot und die ferngesteuerten Kameras benutzen müssen.

Das hört sich nicht mehr nach einem einfachen Tauchgang an.

Oh nein, wir sind da sehr vielseitig: Einerseits benutzen wir ferngesteuerte Kameras, die nahe der Oberfläche treiben. Wir haben aber auch ferngesteuerte Fallkameras, die über 10.000 Meter tief nach unten kommen können – sogar bis zum Marianengraben, dem tiefsten Punkt der Ozeane. Wir benutzen U-Boote und tauchen auch selbst sehr tief in der Dämmerungszone. So decken wir die gesamte Wassersäule ab, damit wir das Meer umfassend untersuchen können.

Wie bekommen Sie derart viel Gepäck zum Einsatzort?

Den größten Teil unserer Ausrüstung schicken wir ein oder zwei Monate vorher im Container los. Den Tauchkompressor, die Dekompressionskammer, unsere Tauchtechnik, die Filmausrüstung – vom Mikroskop bis zum Netz, was auch immer... Manchmal klappt es nicht, die ganze Ausrüstung rechtzeitig los zu schicken. Das bedeutet dann, dass wir mit dem ganzen Kram am Flughafen auftauchen.  Hinter uns will man dann nicht Schlange stehen. (Lacht)

Sie gehen seit fast vierzig Jahren auf Expeditionen. Was hat sich verändert?

Ganz klar die Erreichbarkeit. In den Anfangsjahren gab es nur gelegentlich mal ein Fax oder einen Brief. Ich erinnere mich an antarktische Expeditionen, auf denen Wissenschaftler wichtige neue Entdeckungen machten und sehr frustriert waren, dass sie davon erst Monate später berichten konnten. Das ist heute völlig anders: Wir telefonieren, geben Positionsberichte durch und nutzen Social-Media-Kanäle. Das macht es sehr viel leichter, neue Generationen für die Erforschung der Erde zu begeistern.

Ist es nicht riskant, viele Menschen an abgelegene Plätze zu locken?

Das regelt sich von selbst. Einige werden ohnehin nie in die Polargebiete, in Wüsten oder aufs Meer wollen, wo sie seekrank werden. Aber Menschen wie ich haben die Verantwortung, andere zu ermutigen, da rauszugehen und die Natur selbst zu erfahren. Nur so werden wir intelligente Entscheidungen für unseren Planeten treffen können.

Was sind Ihre schönsten persönlichen Erfahrungen?

Der Moment, in dem alles für die Expedition vorbereitet ist, und es endlich losgeht – das ist jedes Mal wunderbar. Auf einer Skitour in den Polargebieten zu erkennen, dass man der allererste Mensch an diesem Ort ist. Oder nach einem Tauchgang einen Wissenschaftler zu fragen: „Was war das denn für ein Ding?“ Und als Antwort zu bekommen: „Weißt du was – ich habe keine Ahnung! Ich habe noch nie so etwas gesehen.“

Wie oft dachten Sie auf einer Expedition, Ihr Leben sei zu Ende?

Zweimal. Das erste Mal beim Auftauchen aus großer Tiefe in der Antarktis. Ich hatte plötzlich einen unendlich großen Eisberg über mir und nicht den Schimmer einer Ahnung, in welcher Richtung ich am ehesten eine Chance zum Auftauchen haben würde. Ich habe nur geraten. Es war großes Glück, da heraus zu kommen. Das zweite Mal war auf der anderen Seite der Erde an der Nordwestpassage, als mich ein Eisbär angefallen hat. Während ich schlief, ist ein er auf mein Zelt gesprungen und direkt auf meinem Nacken, meiner Schulter und einem Teil meines Kopfs gelandet. Ich erinnere mich noch, dass ich aufgewacht bin, weil mir sein Gewicht die Luft aus den Lungen gedrückt hat. Ich wusste sofort, dass es ein Eisbär war... Zum Glück ist er nach einer Weile davongetrottet. Diese Dinge passieren, aber: Es ist das Risiko wert!

Mehr über das Schutzprogramm Pristine Seas erfahren Sie hier.

Lesen Sie auch unsere Reportage über eine Pristine Seas Expedition in Heft 7/2019 !

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